piwik no script img

DuMont und Journalismus in KölnDie Liebe ist sehr geringe

DuMont dominiert Kölns Medienlandschaft, viel Zuneigung ist dabei nicht im Spiel. Beim „Stadt-Anzeiger“ fallen 57 Stellen weg – Wilhelm Busch wusste, warum.

W eil derzeit alle wie das Kaninchen auf Sachsen-Anhalt starren, blicken wir mal in die Gegenrichtung, nach Kölle am Rhein. Da will zwar niemand sofort und unverzüglich den WDR abschaffen, wie es die AfD mit dem MDR vorhat. Dafür schafft sich in der Domstadt aber das große und einst durchaus ein bisschen strahlende Medienhaus M. DuMontSchauberg quasi selbst ab.

Dessen Flaggschiff ist der Kölner Stadt-Anzeiger. Seit zwölf Generationen ist der Laden in Familienbesitz, wie er selbst stolz vermerkt. Seine große Vorgängerin war die 1798 gegründete Kölnische Zeitung. Weshalb das Ganze auch den heute etwas seltsam klingenden Namen „Kölner Stadt-Anzeiger / M. DuMont Schauberg Expedition der Kölnischen Zeitung GmbH & Co. KG“ trägt.

Über viele dieser Generationen war die „Liebe nicht geringe“, wenn es um den Journalismus ging. Der Stadt-Anzeiger berichtete für seine Le­se­r*in­nen über „tausend Dinge, und wusste noch immer was“. Und das gepaart mit einem weit über eine handelsübliche Regionalzeitung hinausgehenden Anspruch.

Mindestens seit der letzten Generation werden Le­se­r*in­nen wie Mitarbeitende aber immer häufiger nicht nur „ordentlich blass“, sondern von einer Hiobsbotschaft nach der nächsten verfolgt. Im März übernahm DuMont die traurigen Reste der einst auch stolzen, aber nie ganz so vornehmen Kölnischen Rundschau. Oder wie der Medienjournalist Wilhelm Busch damals schrieb, „sie mußten sich lange quälen, doch schließlich kam’s dazu, dass sie sich konnten vermählen. Jetzt haben die Seelen Ruh.“

Damit vollendete sich ein seit Jahren vor sich hin schleichender Konzentrationsprozess. Im Großraum Köln gibt es jetzt nur noch eine Stimme. Und 30 Rundschau-Mitarbeitende hatten einen Job weniger.

57 Stellen gestrichen

Und auch diese eine Stimme wird immer leiser. Denn Ruh? Denkste! Mitten in den NRW-Sommerferien ließ DuMont die nächste Bombe platzen. Beim Kölner Stadt-Anzeiger fallen bis Ende September noch mal 57 Stellen in der Redaktion weg, weil die Tochtergesellschaft Rheinische Redaktionsgemeinschaft (RRG) aufgelöst wird. Sie hat bis jetzt die Inhalte für die diversen Regionalteile rund um Köln geliefert und diese auch produziert.

Wegen der „Umstellung auf digitale Zeitungsproduktion“ und des Einsatzes von KI sei die RRG aber nicht mehr nötig, so der Verlag. Damit sind noch mal rund ein Fünftel der Re­dak­teu­r*in­nen perdu. Sie dürfen sich aber auf andere Stellen im Konzern bewerben.

Die Liebe zu den eigenen Leuten wie zu den Nut­ze­r*in­nen ist heute also ziemlich geringe. Und die Zeitungslandschaft von DuMont stellt sich so paternalistisch verschnarcht dar, wie es Busch in „Die Liebe war nicht geringe“ schon 1874 gedichtet hatte.

Bei eines Strumpfes Bereitung / Sitzt sie im Morgenhabit / Er liest in der Kölnischen Zeitung /Und teilt ihr das Nötige mit.

„Die Liebe schnarcht also ein, und es bleibt nur ein trauriger Rest für den Alltag“, sagt die Mitbewohnerin. Stürmische Leidenschaft herrscht dagegen noch bei der Kölner Stadtrevue. Das Stadtmagazin zeigt DuMont allerdings erst seit 1976, wie es auch geht. Richtig gelesen, schon seit 50 Jahren. Am 25. September wird gefeiert. Heut schon mal herzlichen Glückwunsch!

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Steffen Grimberg

Steffen Grimberg Medienjournalist

2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Perkele

    Seit Jahren beziehe ich den KStA nicht mehr. Die Zeitung wird auf dem Land nicht mehr zugestellt. Viel ärgerlicher ist jedoch das Monopol des Verlages in der gesamten Gegend. Die Redaktionen sind stramm organisiert und keineswegs überparteilich. Leserbriefe werden nur dann veröffentlicht, wenn sie der Redaktion genehm sind und das sind sie nicht, wenn man die hier dominieredne cdU kritisiert. Nach persönlichem Hinweis des leitenden Redakteurs in unserer Kleinstadt darf ich als Sprecher einer (anderen) Partei und/oder als sachverständiger Bürger im Stadtrat überhaupt nicht mit Veröffentlichung rechnen - Redaktionsbeschluß. Beschwerden darüber in Köln führen zu nichts. Pressefreiheit? Eher nur noch Reste davon....