piwik no script img

Die WahrheitUnd ewig währt die Baustelle

Trotz aller unbeständigen Zeiten gibt es sie noch, die großen Konstanten dieser Welt – zum Beispiel am Berliner U-Bahnhof Seestraße.

W enn einen die weltpolitischen Verwerfungen dieser Tage zu sehr beunruhigen, das Tempo irrer Entwicklungen einen sprachlos zurücklässt, man gar nicht mehr hinterherkommt bei all den politischen und gesellschaftlichen Katastrophen, dann verlasse ich meine Wohnung im Berliner Wedding, atme vor der Haustür tief durch und gehe die paar Schritte rüber zum U-Bahnhof Seestraße. Dort finde ich Trost.

Denn da steht er, der Bauzaun mit dem Schild: „Wir bauen für Sie – Sanierung des U-Bahnhofs Seestraße“. Das Schild war schon da, als Angela Merkel noch Bundeskanzlerin war. Als Trump gerade seine erste Amtszeit begonnen hatte und alle noch glaubten, das sei ein verunglückter Scherz der Weltgeschichte, der sich bald auflösen und verflüchtigen würde. Als Corona noch ein albernes Hipsterbier aus Mexiko war.

Dann kam das andere Corona und ging wieder. Dann ging Trump und kam wieder. Dann kam plötzlich von ganz früher Merz wieder, und wir dachten: Immerhin ist er nicht Trump. Aber das Schild „Wir bauen für Sie – Sanierung des U-Bahnhofs Seestraße“ stand unbeeindruckt die ganze Zeit über an dem Ort, von dem wir gewohnheitsmäßig immer als Baustelle sprechen, obwohl dort nie jemand zu sehen ist, der irgendetwas bauen würde.

Beruhigende Worte

Doch das stört uns nicht. Im Gegenteil. Es beruhigt uns in diesen aufgewühlten Zeiten. Denn so war es schon, als Wörter wie „Lockdown“, „3G“, „Beherbergungsverbot“ und „Superspreader“ noch gar nicht erfunden waren. Und so ist es jetzt noch immer, wo einem diese Wörter schon wieder wie vergessene Boten einer untergegangenen Welt erscheinen.

Als der Bauzaun aufgestellt wurde, wurde Berlin noch rot-rot-grün regiert. Dann wurde Berlin schwarz-rot regiert. Dann stürzte Kai Wegner beim Tennis. Und bald schon wird Berlin wieder ganz anders regiert.

Was soll's? Was ändert's? Alles, was währenddessen am U-Bahnhof Seestraße passierte, ist, dass Schild und Bauzaun irgendwann die Straßenseite gewechselt haben. Kurz hatten wir uns erschrocken über so viel Veränderung: Plötzlich war nicht mehr der Eingang Richtung Norden gesperrt, sondern der Richtung Süden! Aber schnell hatte man sich daran gewöhnt. Im Prinzip blieb ja alles beim Alten: Man muss immer eine Station zu Fuß laufen, ob nun auf der Hin- oder Rückfahrt ist ja letztlich ganz egal. Es tut so gut, noch Konstanten in dieser Welt zu finden!

Und sollte ich angesichts des bevorstehenden Tamtams mit Sachsen-Anhalt und der AfD und sicherlich auch wieder irgendwas mit Trump und Putin und den ganzen anderen Wahnsinnigen das Gefühl haben, der U-Bahnhof Seestraße reicht nicht mehr als Trost – dann fahre ich eben nach Stuttgart 21.

Die Wahrheit auf taz.de

Die Wahrheit

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.


Die Wahrheit

hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.


Die Wahrheit

hat drei Grundsätze:

Warum sachlich, wenn es persönlich geht.

Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.

Warum beweisen, wenn man behaupten kann.

Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.



Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Heiko Werning

Heiko Werning Autor

Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Beständigkeit ist eine Zier,



    Doch es geht auch ohne ihr.