Die Wahrheit: Warten auf Godots Kellner
Der Fachkräftemangel ist inzwischen an allen Ecken und Enden zu spüren, besonders in Restaurants der gehobenen Sorte
D ie Frau hat Geburtstag und wünscht sich mit der Familie einen Abend im gehobenen Restaurant, auch im wörtlichen Sinn, denn sie hat eine Schwäche für das, was sie eine „tolle Aussicht“ nennt, obwohl man dort angekommen bei näherer Betrachtung nur Berlin sieht.
Schon beim Hinsetzen entschuldigt der Kellner sich ausschweifend, dass es womöglich etwas länger dauere, es sei sehr voll, es habe Krankheitsfälle beim Personal gegeben, und der Fachkräftemangel, es sei ihm sehr unangenehm. „Kein Problem“, sagen wir fröhlich, „wir haben Zeit.“ Wir plaudern, studieren die Karte, und ja, es steht nicht sofort jemand am Tisch, der wissen will, ob wir uns schon entschieden haben. Was ja überhaupt eine Unart ist, die es zu geißeln gilt, wozu machen sich die Läden die Mühe, umfangreiche Speisekarten zu entwerfen, hübsch zu gestalten, mit einem Vorwort zur Familiengeschichte oder der Küchentradition des Herkunftslands zu versehen und wortreiche Quatschbezeichnungen für Beilagengemüse oder Kartoffeln zu erfinden, wenn sie einem am Ende nicht mal genug Zeit geben, sie auch nur durchzublättern, ehe sie anklagend fragen: „Oder brauchen Sie noch eine Minute?“
Heute aber bleibt genug Zeit, alles genau richtig, da steht der Kellner wieder da, beklagt die Wartezeit und reicht ein schmackhaftes Irgendwas aufs Haus als Entschuldigung. Wir plaudern weiter, dann gibt es die Vorspeisen. „Ging ja doch einigermaßen schnell“, sagt die Frau, da kommt der Kellner und sagt, es sei ihm ein persönliches Bedürfnis, uns wegen der Warterei auf eine Getränkerunde einzuladen. Das freut uns, denn der Wein ist nicht billig. Ich schnurre zufrieden.
Reibungsloser Ablauf
So geht es weiter. Für unsere Begriffe läuft alles reibungslos, nur der Kellner nervt ein bisschen, weil er alle paar Minuten am Tisch steht und sich für den schleppenden Service entschuldigt. Schließlich kommt jemand, der sich als Küchenchef vorstellt. Er versichert uns, wie leid es ihm tue, dass alles so lange dauere, der Fachkräftemangel, wir wüssten ja, zum Trost lade er uns auf ein Dessert ein.
Wir sehen ihn verblüfft an. Gerade mal zehn ist es, das scheint uns keine abwegige Uhrzeit für ein dreigängiges Abendessen, das um acht begonnen hat. Nun teilt der Kellner uns noch mit, dass wir heute nur den Mitarbeiterpreis zu zahlen hätten, als kleine Geste der Entschuldigung. Er hoffe, dass wir trotz allem Ärger einen schönen Abend verbracht hätten, immerhin gäbe es ja die Aussicht auf Berlin. „Das war allerdings ein Makel“, verkneife ich mir zu sagen, dann gehen wir kopfschüttelnd.
Eigentlich wäre alles bestens, wenn ich nicht dieses unangenehme Gefühl hätte, dass etwas Grundlegendes nicht in Ordnung ist, wenn ein ganz normaler geselliger Abend im Restaurant inzwischen als schadenersatzbedürftiger Katastrophenfall betrachtet wird, weil einem nicht im Akkord Schlag auf Schlag permanent etwas vor die Nase gesetzt wird.
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