Die Wahrheit: Gegen die Richtung
Wo lässt es sich besser aufregen über Menschen, die eine falsche Position einnehmen, als im Bus?
D ie Zeiten werden rauer und ruppiger, was ich vor allem an mir selbst merke. Wütender als vieles andere macht mich in letzter Zeit, dass Leute sagen, sie könnten in Bussen und Bahnen „nicht gut gegen die Fahrtrichtung“ sitzen. Mir ist alles Mögliche reichlich egal; wie herum ich in Verkehrsmitteln sitze, gehört unbedingt dazu. Ob in Fahrtrichtung oder umgekehrt – das ist mir wumpe, schnuppe, wurst! In der U-Bahn, in der ich beinahe täglich sitze, gibt es Wagen mit seitlich angebrachten Klappsitzen, sogar die nehme ich, ohne zu zögern. Ist dann halt mal was anderes! Hauptsache, ich muss nicht stehen!
Diese Gleichgültigkeit hat mich aber so verhärtet, dass ich einen Groll auf empfindsame Zeitgenossen entwickele, die behaupten, nicht gegen die Fahrtrichtung sitzen zu „können“. In meinem Hochmut bilde ich mir ein, dass diese Menschen es bloß nicht wollen! Wenn ich mal gegen die Fahrtrichtung sitze, genieße ich einfach die ungewohnte Aussicht durch die Seitenfenster oder ins Innere, statt mich ängstlich auf meine inneren Körpervorgänge zu fixieren. Dazu wären diese Leute doch auch in der Lage!
Da in Bussen nur wenige Sitze nach hinten ausgerichtet sind, kann man auf einem Sitz gegen die Fahrrichtung die anderen Fahrgäste beobachten, die selig nach vorne schauen. Wer von ihnen, mokiere ich mich, gehört wohl zu den Überempfindlichen, die lieber stehen würden als rückwärts fahren, wenn der Bus bis auf einen einzigen Platz gegen die Fahrtrichtung voll wäre? Natürlich keiner!
Dackelblick für Platzwechsel
Sie würden nämlich vorher mit ihrem Gejammer beginnen. Würden alle Aufmerksamkeit auf ihr Befinden richten und mit Dackelblick auf Platzwechsel drängen: „Könnten wir … vielleicht … die Plätze tauschen? Gegen F-f-fahrtrichtung wird mir schwindelig!“ Dabei spekulieren sie auf mein Mitleid, als litten sie an einer grässlichen Allergie oder psychischen Krankheit. Sie verkleiden ihre heimliche Neigung als Gebrechen, damit sich irgendein Doofmann ein Herz fasst und seinen Platz räumt!
Meinen können sie ja im Prinzip haben, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht! Die Egozentrik hinter dem Schwindel ist doch offenkundig. Hier wollen sich Leute durch minutiöses Beobachten ihres Inneren ins Zentrum des Universums stellen. Wollen sich durch öffentliche Kundgabe ihrer zerbrechlichen Psychosomatik unanfechtbar ins Recht setzen. Deshalb beginnen sie zu wimmern, dass ihnen so schnell schlecht wird, flau im Magen, blümerant und kodderig!
Als ich mich gerade darüber aufregen will, dass diese Menschen wohl ewig ein Anrecht auf freie Platzwahl zu haben glauben – mit Blick nach vorne, freier Sicht auf die Zukunft, dem sorglosen Leben –, wird mir in einem Moment der Hellsicht klar: Ich fange an, mich wie ein gewöhnlicher Christdemokrat anzuhören! Mir wird schwindelig, ich muss den Bus beim nächsten Halt verlassen.
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