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Die Skrupellosigkeit der ReichenMacht macht charakterlos

Eine amerikanische Krankenhausserie spielt in einer schlechten Welt, also heute. Aber sie führt dieser Welt vor, wie man darin menschlich sein kann.

Dr. Robby bitte in den Shock Room: Szene aus der Serie „The Pitt“, in der es auch die Frage geht, wie wir eigentlich leben wollen Foto: HBO Max/RTL+

E igentlich mag ich keine Krankenhausserien. Und trotzdem schaue ich „The Pitt“. Ich sehe abgetrennte Füße, Operationen am offenen Herzen, die Verletzlichkeit der Körper, die Fragilität der Seelen. Man könnte meinen, dass es dieser Aspekt ist, der im Zeitalter der Maschinen besonders wichtig wird: der Mensch in seiner Verwundbarkeit und die Gemeinschaft, die ihm hilft. Aber ich glaube, es ist etwas anderes, das mich an „The Pitt“ fasziniert. Es ist dieser Moment, dieser geschichtliche Moment. Wir erleben auf drastische Weise, wie verantwortungslos diejenigen agieren, die so viel Macht besitzen, dass ihre Charakterschwächen dramatische Folgen für Millionen oder Milliarden von Menschen haben können. US-Präsident Donald Trump, der gerade durch einen egomanischen Krieg die Energiepreise weltweit explodieren lässt, ist nur das drastischste Beispiel.

„The Pitt“ nun zeigt das Gegenteil. Ein Freund, Amerikaner, brachte es für mich auf den Punkt: „The Pitt“ sei „competency porn“, sagte er, die Erotik also, wenn man Porno so übersetzen will, die Erotik oder die Schönheit oder Befriedigung, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Arbeit mit Kompetenz, Können, Hingabe, Verantwortungsbewusstsein erledigen. Oder ganz konkret: zu sehen, wie etwas funktioniert. In einer Welt, in der aus den verschiedensten Gründen immer weniger zu funktionieren scheint. „The Pitt“, auf HBO Max zu sehen und in den USA als beste Serie ausgezeichnet, erzählt in 15 Folgen von 15 Stunden eines Tages in einem Krankenhaus in Pittsburgh. Die zentrale Figur ist ein Doktor, Michael „Robby“ Robinavitch, um ihn herum entfaltet sich einerseits ein Ballett der Grausamkeiten, weil es immer schlimm ist, Menschen leiden zu sehen. Andererseits addieren sich all die Verletzungen und Schicksale zu mehr als einem Balzac’schen Gesellschaftsporträt, das die verschiedenen sozialen Schichtungen greifbar macht.

Es geht – für mich jedenfalls – um das System, das hier deutlich wird, eine Form von Organismus, der deshalb funktioniert, weil jedes einzelne Teil weiß, was zu tun ist: der Schnitt ins Fleisch, die Dosierung der Medikamente, diese schnelle Entscheidung um Leben oder Tod. Die Namen der Medikamente, die mit einer Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit hin und her geworfen werden, und die die Worte und letztlich auch die Verletzungen fast abstrakt werden lassen. Es geht hier nicht um den einzelnen Fall (und es geht doch um jeden einzelnen Fall!), es geht um die Frage, wie wir leben wollen. So geht Gesellschaft, das ist die Hauptbotschaft von „The Pitt“. Im späten Neoliberalismus, der die Gesellschaft verabschieden wollte, wirkt diese Lektion in Demut und Dienst am Patienten wie eine politische Haltung: Wir halten uns nicht damit auf, zu fragen, wer jemand ist, was jemand denkt, wo jemand herkommt, nein, wir helfen sofort und ohne Bedingungen. Wir sind da, auch wenn wir selbst einen hohen Preis dafür zahlen. Wir helfen, weil wir Menschen sind, und Menschen eben Menschen helfen.

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Damit verbinden sich die Botschaft von „The Pitt“ mit der Botschaft eines der interessantesten Politiker der USA, des recht jungen Texaners James Talarico, der als gelernter Prediger das Konzept der (in seinem Fall christlichen) Nächstenliebe propagiert: der gute Samariter, der dem Fremden hilft, als Beispiel einer politischen oder gesellschaftlichen Ordnung, die menschlich, gut und erstrebenswert ist. Aber wie weit sind wir davon entfernt. Vielleicht offenbart Donald Trump als Symptom nur das, was in den Jahrzehnten und Jahrhunderten immer schon Realität war: die skrupellose Art und Weise, wie Macht ausgeübt wird. Oder, im Idealfall, den konstanten Kampf darum, dass Macht mit Verantwortung verbunden wird, mit Kompetenz, mit Hingabe, mit Demut. Vielleicht, das wäre die Hoffnung, ist Trump die Ausnahme.

Trump bombt, sein Schwiegersohn streicht Milliarden ein

Aber dieser Gedanken erscheint gerade nicht besonders plausibel. Wenn Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, eine der diabolischsten Figuren unserer Zeit, erst mit Iran verhandelt, dann zusieht, wie Iran bombardiert wird, und gleichzeitig Milliarden von den Ölstaaten im Golf eintreibt für den von ihm gegründeten Fonds, dann ist das in der Scheußlichkeit sehr schwer zu ertragen. Und doch womöglich nur ein besonders sichtbares Beispiel für moralische Selbstaufgabe. Denn es gibt ja genug andere Beispiele. „Careless People“ heißt etwa das Buch der früheren Meta-Mitarbeiterin Sarah Wynn-Williams, in dem sie die Verantwortungslosigkeit von Teilen des Facebook-Konzerns beschreibt, und vor allem die Charakterschwächen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Auch er ist nur Stellvertreter für eine Reihe von Tech-Opportunisten wie Sam Altman, die vorführen, wie schwer es scheinbar ist, mit Geld und Macht so umzugehen, dass nicht zahllose Menschen zu Schaden kommen.

All die Verletzungen addieren sich zu mehr als einem Gesellschaftsporträt, das die sozialen Schichtungen greifbar macht

Es gibt auch in Deutschland aktuell jemanden wie den ehemaligen VW-Manager Michael Müller, dessen früherer Konzern gerade verkündet hat, dass bis 2030 rund 50.000 Stellen wegfallen, wenn man es so nennen will. Ein wesentlicher Faktor dafür ist die Inkompetenz der Konzernleitung, die es nicht verstanden hat, rechtzeitig auf Elektromobilität umzustellen. Müller nun hält dieses eigene Versagen nicht davon ab, für eine Öffnung zur AfD zu werben, die wiederum für eine Autopolitik steht, die genau die fossile Vergangenheit bewahren will, die der Grund für die schlechte Position von VW ist.

„The Pitt“ bietet einen Raum, der frei ist von solcher Art von verwerflicher Verantwortungslosigkeit, die sich immer öfter – oder vor allem – als reaktionäre Politik zeigt. Insofern ist die Politik von „The Pitt“ grundsätzlich progressiv. Und extrem gut gemacht und unterhaltsam.

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4 Kommentare

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  • Auch wenn man sich dem Eskapimus einer Fernsehserie hingeben möchte, wird die Welt nicht besser oder schlechter als sie ist

  • Danke!!



    Eine beispielhafte Rezension. Die sollten sich die meisten Medienkritiker hinter den Spiegel stecken:

    Kein Nacherzählen, keine Spoiler, eigentlich scheint es, als würde es überhaupt nicht um die Serie gehen.



    Aber es geht halt um mehr: den Subtext, den Überbau und die gesellschaftliche Einordnung



    Das ist relevant. So soll es sein.

    Ich mag übrigens auch keine Krankenhausserien. aber hier werd ich mal reinschauen:



    Danke Georg Diez!

  • Beste Krankenhausserie überhaupt!

  • Vielleicht muss man schon charakterlos sein, um mächtig zu werden??