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Die Queen und die ThatcherRätselhafte Ikonen

Wer waren Queen Elizabeth II und Premierministerin Margaret Thatcher? Zwei neue Biografien nähern sich den Ikonen – hintergründig und vergnüglich.

Was die Queen und Margaret Thatcher (hier mit Helmut Kohl und Ronald Reagan, 1984) voneinander hielten, ist bis heute umstritten Foto: Foto: ap

Kaum ein Genre ist so schwer von einem Land auf ein anderes übertragbar wie die politische Biografie. Die eigenen Politiker sind für die Menschen im eigenen Land Teil des Erfahrungshorizontes, aber über die Landesgrenzen hinaus nicht. Wie erklärt man in fremden Ländern Helmut Kohl?

Queen Elizabeth II, so sollte man meinen, stellt eine Ausnahme da. Als die britische Königin 96-jährig im September 2022 nach 70 Jahren auf dem Thron starb, war sie die berühmteste Frau der Welt. Ihr Staatsbegräbnis verfolgten vier Milliarden Menschen auf der Erde. Zu Lebzeiten traf sie geschätzt vier Millionen Menschen persönlich.

„Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen“, bilanziert der britische Journalist Craig Brown in seinem Monumentalwerk „Das unglaubliche Leben der Queen“, das jetzt auf Deutsch vorliegt. „Wir können ihre Aktivitäten fast Tag für Tag nachverfolgen, können beinahe jeden ihrer Schritte verfolgen, und das vom Augenblick ihrer Geburt bis zu dem ihres Todes“. Brown schreibt, stellvertretend für viele Briten, dass er über vieles in der Königsfamilie besser Bescheid zu wissen meint als in der eigenen. „Manchmal frage ich mich sogar, ob ich nicht mehr über die Queen und ihre Familie weiß als über mich selbst. Wo war ich denn an diesem oder jenem Tag?“

„Das unglaubliche Leben der Queen“ ist, wie der englische Originaltitel „A Voyage Around The Queen“ aufklärt, keine Biografie im eigentlichen Sinne. Es ist eine Geschichte, oder, wenn es dieses Genre gäbe, eine Phänomenologie der Queen. Brown erzählt und seziert Erlebnisse von Menschen mit der Queen und von der Queen mit Menschen, auf über 700 höchst unterhaltsamen Seiten.

Viele Berühmtheiten redeten vor der Queen dummes Zeug oder benahmen sich merkwürdig

Die Queen war eine der bekanntesten Personen der Welt und zugleich eine der unwirklichsten. Sie erzählte nichts von sich, aber alle erzählten ihr etwas. Sie war Schauspielerin in eigener Sache. Was sie wirklich dachte, ist bis heute Objekt von Spekulation. Einer ihrer letzten öffentlichen Auftritte war ein Kurzfilm im Juni 2022, in dem sie mit der Kinderbuchgestalt Paddington Bear Tee trinkt und ein Marmeladenbrot aus der Handtasche kramt, bevor sie zum Sound der Rockband Queen auf den Balkon vor eine riesige Menschenmenge zur Feier ihres Platinjubiläums tritt. Die Menge gab es wirklich. Die Queen im Film war echt, aber viele Menschen bezweifelten das. An Paddington Bear zweifelte niemand, dabei war er eine Computersimulation.

Die Queen leibhaftig

Craig Brown: Q

Craig Brown: „Q. Das unglaubliche Leben der Queen“. Aus dem Englischen von Tobias Gabel. C. H. Beck, München 2026, 750 Seiten, 39,90 Euro

„Was sehen die Leute, wenn sie die Queen leibhaftig vor sich sehen?“, fragt Brown. Alle, die sie trafen, kannten ihr Gesicht schon, wie ein vertrautes Gemälde. Und dann wurde es „urplötzlich zum Leben erweckt“. Für die meisten Menschen war diese Erfahrung überwältigend. Viele wussten hinterher gar nichts zu erzählen, aber erinnern sich für den Rest ihres Lebens daran.

Viele Berühmtheiten redeten vor der Queen dummes Zeug oder benahmen sich merkwürdig, ebenso der Hofstaat, wie Brown in unzähligen Anekdoten wiedergibt. Die Suche des rustikalen nordenglischen Dichters Ted Hughes nach einem vorzeigbaren Anzug vor seinem allerersten Termin im Palast und sein steigender Alkoholpegel beim Warten mit Sherry im Vorzimmer sind ebenso mitreißend geschildert wie die Angst des Palastes vor Diktator Idi Amin aus Uganda.

Manches geht unter die Haut. Bilder der jungen britischen Prinzessinnen Elizabeth und Margaret schmückten die Wände des niederländischen Dachbodens, auf dem die kleine Anne Frank von 1942 bis 1944 vor den Nazis versteckt war – „Symbole der Hoffnung“, so Brown. Die spätere Queen war 18, als Anne Frank im KZ Bergen-Belsen starb. Von den Fotos an den Wänden erfuhr sie erst viel später. Im Alter von 89 Jahren verneigte sie sich am Gedenkstein für Anne und Margot Frank in Bergen-Belsen, bei der Gedenkfeier 2015 zum 70. Jahrestag der Befreiung durch die Briten. Die Queen verneigt sich gewöhnlich nicht.

Man hätte gern mehr solche Momente, etwa der besondere Bezug, den viele britische Außenseiterkinder zur Queen empfanden, als Projektion eines unerreichbaren glücklichen Lebens. Nur kurz erwähnt Brown die feministische lesbische Schriftstellerin Jeanette Winterson, die ihr Leiden als Adoptivkind im Roman „Why Be Happy When You Can Be Normal?“ verarbeitet hat und die Queen nach deren Tod als „einzige stabile Frau in meinem Leben“ würdigte. Ausführlicher beschreibt er ihre Fürsorge für Überlebende des IRA-Terroranschlags auf ihren Onkel Lord Mountbatten 1979. Es gibt auch niederschmetternde zwischenmenschliche Momente im Leben der Queen. Ausgespart wird nichts.

Herablassende Aristokratie

Neugierig machen Browns Andeutungen, wie herablassend die britische Aristokratie auf die Königsfamilie blickt, als zusammengewürfelter Haufen von Parvenus ohne eindeutige Nationalität. Die Königsfamilie als schwerreiches Wirtschaftsunternehmen kommt nicht vor, die politische Funktion der Queen nur selten, etwa bei ihrem erfolgreichen Kampf gegen ihre Entfernung von britischen Briefmarken.

Brown führt gekonnt durch die Jahrzehnte: Die Aufbruchstimmung bei ihrer Krönung im ausgelaugten Nachkriegsengland von 1953, die antimonarchische Stimmung beim Silberjubiläum 1977, das Entsetzen beim Tod von Prinzessin Diana 1997 und schließlich die Volkstrauer beim Tod der Queen im September 2022, das „tiefe, persönliche, beinahe familiäre Verlustgefühl“, wie es Ex-Premier Boris Johnson im Parlament ausdrückte.

Franz-Josef Brüggemeier: Margaret Thatcher

Franz-Josef Brüggemeier: Margaret Thatcher: „Die eiserne Lady. Eine Biographie.“ C. H. Beck, München 2025, 365 Seiten, 32 Euro

Es fehlt in dieser Übersetzung leider ein Personenregister und die 112 Kapitel ohne Überschriften machen jede gezielte Inhaltssuche unmöglich. Dennoch ist es ein sehr vergnügliches Buch, das vor allem eines lehrt: Der Blick auf öffentliche Personen sagt am meisten über die Betrachter aus. Diese Dimension fehlt in der ersten deutschen Biografie der wohl zweitberühmtesten Frau der „elisabethanischen Ära“: Margaret Thatcher, Großbritanniens konservative Premierministerin von 1979 bis 1990.

„Margaret Thatcher: Die Eiserne Lady“ des Freiburger Professors Franz-Josef Brüggemeier ist eine klassische Biografie, die Thatchers Leben für deutsche Leser nachvollziehbar in den Zusammenhang ihrer Zeit setzt, unter Bezug auf die vielen englischen Thatcher-Biografien, die alle unübersetzt sind. Die Krämerstochter aus kleinbürgerlichen Verhältnissen tat sich als Chemiestudentin im elitären Oxford der Nachkriegszeit schwer und musste sich später in der Politik immer gegen Männer und Vorurteile durchboxen.

Brüggemann hebt hervor, dass Thatcher auch als Premierministerin zunächst „nicht wirklich fest im Sattel“ saß. „Der Falklandkrieg änderte das. Fortan war sie nahezu unangreifbar und trat voller Selbstbewusstsein auf“. Eine feste Ideologie hatte sie dabei nicht, anders als man ihr später zuschrieb. „Einen Thatcherismus, der sich klar bestimmen ließe, gab es nicht, wohl aber einen sehr persönlichen Verhaltensstil“, schreibt Brüggemann: „starrköpfig, kaum noch belehrbar und zunehmend isoliert. Nach und nach stieß sie fast alle vor den Kopf“.

Der Biograf femdelt etwas

Wäre das die ganze Wahrheit, wäre Margaret Thatcher wohl kaum elf Jahre lang an der Macht geblieben und hätte nicht drei Wahlen hintereinander gewonnen. Etwas zu deutlich fremdelt der deutsche Biograf hier und da mit seinem Subjekt, wundert sich über Thatchers Meinungen und Entscheidungen. Manche seiner Beobachtungen über die britische Gesellschaft sind schlicht falsch, etwa, dass die Universitäten Oxford und Cambridge bis heute vorrangig der reichen Oberschicht vorbehalten seien.

Brüggemanns Darstellung liefert trotz solcher Mängel viel politischen Hintergrund, den deutsche Leser wohl brauchen, um Browns Vignetten über die Queen im Wandel der Zeiten einzuordnen. Aber man wünscht sich einen Brownschen Blick auch auf Thatcher als Phänomen und Projektionsfläche, auf gesellschaftliche und nicht nur politische Debatten. Warum spaltete Thatcher die Nation, warum erzeugte sie bei manchen abgrundtiefen Hass, während andere sie fast als Heilige verehren?

Zu ihrem Staatsbegräbnis 2013 kam sogar die Queen, das erste Mal seit dem von Winston Churchill 1965. Was die Queen von Margaret Thatcher hielt und umgekehrt, ist in Großbritannien besonders umstritten. Dass Thatcher irgendwann von sich selbst im königlichen Plural sprach („Wir sind eine Großmutter geworden“), ist bezeugt und galt vielen Kritikern als Beweis, dass die Regierungschefin endgültig durchdreht. Dass die Queen zu diesen Kritikern gehörte, wie etwa die Netflix-Serie „The Crown“ behauptet hat, bleibt laut Brown unbelegt. Die einzige Szene, die sowohl Brown als auch Brüggemann schildern – Jungpolitikerin Thatcher ist sich unsicher, wie man einen Brief an die Queen korrekt abzeichnet – wird in beiden Büchern unterschiedlich dargestellt.

Man kann eine Biografie Thatchers ohne Queen schreiben und eine Geschichte der Queen ohne Thatcher. Man braucht aber beide Figuren, um das Großbritannien des vergangenen halben Jahrhunderts ansatzweise zu verstehen.

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1 Kommentar

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  • Zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten - die einige von Geburt an privilegiert, die andere sich hocharbeitend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die wöchentlichen Gespräche entspannt waren.