Die Kunst der Woche: Vielleicht beginnt man mit dem Phallus
Bei Scherben geht es um Bild und Fetisch des Tätowierkünstlers Albrecht Becker, in der Galerie im Turm destilliert Daphne Schüttkemper Körper aus Häusern.
M an weiß gar nicht, womit man anfangen soll in der Ausstellung „body multiple“ im Projektraum Scherben. Eine regelrechte Bilderflut aus dem Nachlass des schillernden Albrecht Becker fällt hier auf einen ein. Becker, der Szenenbildner, unermüdliche Fotograf seiner selbst, der von den Nazis seiner Homosexualität wegen zur Gefängnisstrafe verurteilt wurde, dennoch freiwillig als Wehrmachtssoldat an die Ostfront ging, und nach dem Krieg in Szenekreisen weltweit zum bekannten Tätowier- und Fetischkünstler wurde.
2002 verstarb er in Hamburg 95-jährig. Zuvor konnte Rosa von Praunheim noch ein Interview mit ihm führen. Dadurch mag man schon von Albrecht Becker gehört haben, der in seiner Tattoo-Manie als gebürtiger Nürnberger die Initialen Albert Dürers in gleicher Schriftart unter seinem Brustkorb auf der Haut verewigte – nur eben A. B. Als sie dann verblassten, übermalte er sie mit Schminke, wie er so vieles übermalte in dieser Ausstellung: Auf Porträtfotos kolorierte er Gesichtspartien nach, Nahaufnahmen seiner Haut, die der Fotograf Hervé Joseph Lebrun als Teil seiner über Jahre hinweg angelegten Becker-Serie anfertigte, nutzte er wie einen Bildgrund.
Die Fotografie ist in dieser Ausstellung Mittel der Dokumentation und der Inszenierung, der Abbildung von Wirklichkeit – etwa wenn der greise Becker ungeachtet seiner klapprigen Statur Sexpraktiken vor der Kamera vollzieht – und des Surrealismus – wenn er Negative doppelt belichtet und mehrfach auf Fotos erscheint.
„body multiples“. Albrecht Becker mit Jean-Ulrick Désert, Richard Hawkins, Lucas Odahara. Bis 19. Juli. Scherben, Leipziger Str. 61, Freitag bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr.
„Säulenordnung“. Daphne Schüttkemper. Bis 19. Juli. Galerie im Turm, Frankfurter Tor 1, Montag bis Freitag, 12 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag, 14 bis 19 Uhr.
Beckers von Paraffin zunächst aufgespritzter und später vollkommen deformierter Penis ist Leitmotiv, Fetischobjekt, Stellvertreter und Antiideal in dieser Ausstellung. Hundertfach zu sehen, malträtiert, überformt. Diese feine, volle Schau handelt letztlich vom Anderssein und wie dies im Bild auftaucht. Das untermalt hier, visuell sehr viel sanfter, der japanisch-brasilianische Lucas Odahara mit seinen kleinen Papierinstallationen, den „Intervales“. Es sind Miniaturbühnenräume, Orte zwischen Realität und Fiktion, belebt durch Charaktere, deren Identität uneindeutig ist.
Daphne Schüttkemper in der Galerie im Turm
Der Körper ist auch Daphne Schüttkempers Thema in der Galerie im Turm. Aber bei diesen Herkulesfiguren und Athleten, die sie aus Fassaden und Portalen herausdestillierte, geht es um den idealisierten Körper, wie er an historischen Architekturen und bis heute im öffentlichen Raum zu sehen ist. Auch der klassische Nazi-Adler ist in ihrer Ausstellung „Säulenordnung“ zu sehen. Aus Wachs nachgeformt, aber in einem ruinösen Zustand, sind diese brüchigen Gestalten Teil eines hinterfragbaren Repräsentationssystems.
Schüttkemper brachte sie auf Stahlständern an, die mal wie eine Nazisäule, mal wie Duchamps berühmter Flaschentrockner aussehen. Die hier etwas plakativ behandelte Frage nach der Ordnung und Macht in der Architektur wird auch zu einem sehenswerten Spiel der Formen.
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