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Deutscher WM-KaderArmer Trainer

Manuel Neuer wird tatsächlich deutsche Nummer eins, und alle Spieler waren mal süße Buben. Die wichtigsten Erkenntnisse der Kaderbekanntgabe.

Kader-Erklärer: Julian Nagelsmann spricht über den schweren Job als Bundestrainer Foto: Federico Gambarini/dpa

S üße Buben waren sie. Das zumindest weiß Fußballdeutschland nach diesem Tag der Nominierung des WM-Kaders. Nach und nach veröffentlichte der DFB auf seinen Social-Media-Kanälen schmalzige Videos mit den Kickern, die mitfahren dürfen zur Fußball-WM im Sommer in Mexiko, Kanada und den USA.

Sie alle begannen mit Fotos und Videos aus Kindertagen. Zu kitschiger Dramamusik durften dann Freunde, Eltern, die Frauen oder die Kinder der Spieler sagen, wie toll sie finden, dass Leon, Max oder Schlotti nun um den WM-Pokal spielen dürfen.

Jede Menge Schmalz wurde da gepostet. Und manchmal ist es ja auch wirklich rührend, was es da zu sehen gibt. Wenn die Mutter des Mainzer Kreativen Nadiem Amiri zu hören ist, wie sie sagt: „Du bist ein Stück Herz von mir“, dann dürfen die Augen schon mal feucht werden. Aber will wirklich jemand hören, wie toll Joshua Kimmich als Vater ist, dass er der beste Freund seiner Frau ist, oder dass Kai Havertz Hunde mag, genauso wie Bundestrainer Julian Nagelsmann.

Der DFB-Kader

Tor: Oliver Baumann, Manuel Neuer, Alexander Nübel

Hinten: Waldemar Anton, Nathaniel Brown, Pascal Groß, Joshua Kimmich, Felix Nmecha, Aleksandar Pavlović, David Raum, Antonio Rüdiger, Nico Schlotterbeck, Angelo Stiller, Jonathan Tah, Malick Thiaw

Vorne: Nadiem Amiri, Maximilian Beier, Leon Goretzka, Kai Havertz, Lennart Karl, Jamie Leweling, Jamal Musiala, Leroy Sané, Deniz Undav, Florian Wirtz, Nick Woltemade

Was auch nach dessen Pressekonferenz zur Nominierung am DFB-Campus in Frankfurt nicht so recht klar geworden ist, warum nun tatsächlich Manuel Neuer als Nummer eins zum Turnier ins deutsche WM-Quartier in die USA reisen wird. Er habe einfach „diese Aura“. Titel habe der Bayern-Keeper auch jede Menge gewonnen, ganz im Gegensatz zum Hoffenheimer Oliver Baumann, dem Nagelsmann lange im Glauben ließ, er werde Deutschlands WM-Keeper Nummer eins.

Eine Sache des Gefühls

Matthias Ginter, wie Neuer 2014 Weltmeister, der am Mittwoch mit Freiburg im Europa-League-Finale gespielt hat, scheint dagegen keine Aura zu haben. Nach einer herausragenden Saison beim SC Freiburg habe einzig gegen ihn gesprochen, dass er in den drei Nagelsmann-Jahren beim DFB nie dabei war. Dass Neuer nach der EM 2024 zurückgetreten ist und eigentlich gar nicht mehr dabei sein wollte, war dagegen kein Hinderungsgrund für die Nominierung.

Es ist immer auch eine Sache des Gefühls, wen ein Trainer am Ende für geeignet hält

Sosehr Nagelsmann auch bemüht war, seine Nominierungen sachlich zu begründen, es ist eben immer auch eine Sache des Gefühls, wen ein Trainer am Ende für geeignet hält. Ein schlechtes Gefühl etwa haben viele Fans der Nationalmannschaft bei Leroy Sané, den sie jüngst beim Länderspiel in Stuttgart gnadenlos ausgepfiffen haben.

Julian Nagelsmann dagegen glaubt an ihn, auch weil der Offensive von Galatasaray Istanbul so wichtig für die Team-Chemie sei. Es war dies eine der vielen schwierigen Entscheidungen, die er zu treffen hatte.

So richtig leicht hat man es als Bundestrainer eben nicht. Auch das war eine Botschaft von Nagelsmann. Nicht nur die Auswahl galt es zu treffen. Der Bundestrainer hat dann auch noch nicht nur mit allen telefoniert, auf die das Los gefallen ist, sondern auch mit denen, die nun doch nicht mitfahren dürfen, obwohl sie lange im Fokus des Bundestrainers waren. Als hochanständig darf man das ruhig bezeichnen und als Ausweis einer modernen Führungskultur, in der Entscheidungen von Angesicht zu Angesicht begründet werden.

Mangelhafte Kommunikation

Doch ebendas führte dazu, dass weit vor dem Termin der Kaderbekanntgabe immer wieder einzelne Entscheidungen bekannt wurden. Wenn die Spieler ihren Beratern, Freunden, Familien von den Telefonaten berichten, landet schnell mal etwas davon in der Öffentlichkeit.

Und am Ende muss sich der Bundestrainer dann mangelhafte Kommunikation vorwerfen lassen. Wie eine größere Staatsaffäre ist das in den vergangenen Tagen in der Öffentlichkeit verhandelt worden. Dabei ging es doch eigentlich nur um die Verkündung von 26 Fußballernamen.

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Andreas Rüttenauer
Sport, dies und das
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4 Kommentare

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  • Anscheinend muss man im Ausland spielen, dann ist es egal ob man Stammspieler ist oder Leistung bringt. Bis auf Havertz und Wirtz sind alle berufenen Legionäre eine Fehlbesetzung, da bleiben jetzt bessere Spieler aus der Bundesliga leider zu Hause.

    • @Günter Witte:

      Millionen von "Sofabundestrainer*innen" können einfach nicht irren. Ist doch klar.

      Natürlich hat Nagelsmann keine Ahnung, hat niemals Insiderwissen und macht fast alles falsch 😉

  • Wenn es doch nur um eine Liste von Namen ging , warum dann überhaupt diese Kolumne.

  • Härtefälle gab es schon immer, auch natürlich jetzt wieder.



    Trotzdem: Neuer ist unverständlich, sowohl was Nagelsmann angeht (unnötig, Baumann und Nübel sind gut genug) als auch Neuer selbst (er hatte den eleganten Ausstieg gefunden, wozu den Matthäus 2000 machen und das eigene glanzvolle Erbe beschädigen?).



    Sane ist ein top Spieler, wenn er Lust hat, hat er nur leider nicht immer, trotzdem kann man ihn immer einwechseln. Ginter hätte es verdient, auch El Male, trotzdem kann eben nicht jeder mit, es gibt genug andere sehr gute Spieler.



    Ein Problem ist die Kommunikation Nagelsmanns: der Mann kann offenbar nur sehr schwer die Klappe halten, plaudert gerne mit der Presse, das kann auch mal ins Augen gehen.