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Europa-League-FinaleBadnerlied und Bescheidenheit

Der SC Freiburg spielt zu harmlos und verliert im Europa-League-Finale gegen Aston Villa eindeutig mit 0:3. Es bleibt eine unglaublich gute Saison.

Europa-League-Finale in Istanbul, am Ende war Aston Villa doch eine Nummer zu groß für den SC Freiburg Foto: Aflosport/imago

Aus Istanbul

Johannes Kopp

Wenige Augenblicke nachdem das Finale abgepfiffen worden war, kürten die Fans aus Freiburg einen zum Mann dieses historischen Abends, der schon vor weit über 16 Jahren gestorben ist. „Achim Stocker, du bist der beste Mann“, skandierten sie. Es war ein lautstarkes Bekenntnis zur Bescheidenheit und eine Erinnerung daran, wo der Verein herkommt. Aus einer Welt der notorischen Abstiegssorgen. Der langjährige Klubpräsident war aus Angst vor Überforderung ein leidenschaftlicher Gegner des zu großen sportlichen Erfolgs.

Und es war ein vorläufiger Schlussstrich unter all die wilden Träumereien des SC-Anhangs. Insbesondere in den Stunden vor dem Finale der Europa League gegen Aston Villa hatten sich die über 11.000 Südbadener im Istanbuler Stadtviertel Beşiktaş und in ihrer Traumwelt breitgemacht. Immer wieder wurde der Pokalsieg besungen. Kneipenbesitzer ließen für die trinkfreudige Kundschaft bereitwillig das Badnerlied und die SC-Hymne rauf und runter spielen. Und jede und jeder der meist weiß Gekleideten fragte sich mehr oder minder offen, ob das denn alles wahr sein könne.

Der Realitätssinn kehrte rasch zurück nach der deutlichen 0:3-Niederlage, als ob auch das Publikum vom Verein trainiert würde. Und der SC Freiburg wirkte insgesamt wieder verdammt klein nach all dem großen Bohei in den letzten Wochen. Zwei Nachlässigkeiten gegen Ende der ersten Hälfte sorgten dafür, dass sie Aston Villa nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Die Torgefahr, die vom deutschen Team statistisch erfasst wurde, lag im mikroskopischen Bereich (0,27 x-goals). Es war ein ungleiches Duell.

Stürmer Igor Matanovič bedankte sich bei den Fans für den Beistand in einer Situation, „welche vielleicht die schönste und größte Erfahrung ist und zum anderen die beschissenste, weil es nicht schön ist, ein Finale zu verlieren“.

Zwei Milliardäre und eine Weltklassetrainer

Der Traum von Aston Villa, die 44 Jahre keinen internationalen Titel mehr gewonnen hatten, war auch nicht klein. Und die Anhängerschaft, die diesen Traum in Istanbul besang, noch zahlreicher vertreten. Nur wird dieses Fußballunternehmen von zwei Milliardären aus Ägypten und den USA geführt, die sich nicht nur einen Kader mit überdurchschnittlich guten Spielern wie die Torschützen Youri Tielemans, Emiliano Buendía sowie Morgan Rogers leisten können, sondern zudem mit Unai Emery einen Weltklassetrainer. Nach drei Europa-League-Titeln mit dem FC Sevilla und jeweils einem mit dem FC Villarreal und Aston Villa ist der Spanier unbestritten der Fachmann für diesen Wettbewerb. Von seinem dankbaren Team wurde er deshalb bei der Vergabe der Medaillen als Erster losgeschickt.

Einer seiner großen Bewunderer ist Freiburgs strebsamer Trainer Julian Schuster. In der späten Nacht bedauerte er, dass er nach den Uefa-Regularien seine Pressekonferenz alleine abhalten musste. Gerne hätte er sich mit Unai ausgetauscht, bekannte er. Schuster spricht vor allem nach Niederlagen bevorzugt darüber, was man alles lernen kann.

Als besonders problematisch wertete er nicht einmal den riesigen freien Raum, den sein Team nach einer besonderen gegnerischen Eckenvariante Tielemann für seinen Abschluss gelassen hatte. Den Treffer (41.) wollte er lieber der Qualität und der Präzisionsarbeit von Aston Villa zuschreiben. Bedenklicher fand er die Fahrlässigkeit nur sieben Minuten später. Johan Manzambi hatte kurzerhand die Verteidigungsarbeit eingestellt. Schuster führte das auf die Unruhe zurück, die der erste Treffer im Team erzeugt hatte, und forderte für die Zukunft: „Das darf mental mit dir nichts machen.“

Abgesehen von anfänglichen Problemen hatten die Freiburger bis dahin ganz passabel mitgehalten. Sportvorstand Saier stellte fest, dass Freiburg „nicht so den Sahnetag hatte“ und eben auf einen richtig guten Gegner getroffen sei. Unter dem Strich bleibt aber eine unglaublich gute Saison. Streich-Nachfolger Schuster hat es mit seinem Team neben dem europäischen Finale bis ins DFB-Pokalhalbfinale geschafft und sich zudem für die Conference League qualifiziert.

Ambitionen fürs kommende Jahr

Trotz des etwas ernüchternden Abends in Istanbul und den Achim-Stocker-Gedenksekunden wollte beim SC Freiburg aber auch niemand allzu tief stapeln. Schusters erklärte: „Wir haben schon den Anspruch, die Vitrine mit einem Pokal zu füllen. Und SC-Verteidiger Philipp Treu kündigte in den Katakomben des Stadions von Beşiktaş Istanbul forsch an: „Wir wollen nächstes Jahr wieder hierherkommen.“ Das Conference-League-Finale wird 2027 hier ausgetragen. Er vergaß aber nicht hinzuzufügen: „Jetzt gilt es, am Freiburger Weg dranzubleiben.“ Offensichtlich verläuft dieser nun auf einer anderen Höhenlage.

Rund um das Finale wurde bekannt, dass Werder Bremens Torhüter Mio Backhaus aller Voraussicht nach für 15 Millionen Euro nach Freiburg kommen soll. Erfolgsabhängige Boni von 3- Millionen Euro würden dazukommen. Er wäre der Ersatz für den abwanderungswilligen Noah Atubolu. Und dieser wäre dem SC Freiburg offenbar ein Rekordtransfer in der Vereinsgeschichte wert.

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