Der alltägliche Mord an Frauen : Ein Wort ist nicht genug
Wir nennen sie „Femizide“ und fordern eigene Strafbestände. Doch solange Morde aus Frauenhass als tragische Einzelfälle gelten, wird nichts besser.
Foto: Britta Pedersen/dpa
D ie Flaggen wehen auf Halbmast. Der Kanzler spricht Worte des Mitgefühls in eine Kamera. Das Opfer bekommt einen Namen und eine Geschichte. Zeitungen räumen ihre Titelseiten frei, die Öffentlich-Rechtlichen bringen eine Sondersendung zur Primetime. Wir alle sind im Schockzustand und fragen uns: Wie konnte das passieren? Und: Wie können wir verhindern, das es wieder passiert? Eine Ministerin verspricht Gesetzesänderungen oder zumindest verschärfte Sicherheitsmaßnahmen.
Die Reaktionen auf eine politische Tat, auf einen Anschlag, laufen in der Regel nach dem selben Muster ab. Es ist wie ein Schauspiel, das wir für einige Tage aufführen, um dann zum Alltag zurückzukehren. Manchmal verändert sich danach wirklich etwas, oft bleibt alles beim Alten, aber immerhin haben wir kurz innegehalten und klar gemacht, dass wir ernst nehmen, was passiert ist.
Wenn ein Mann am helllichten Tag in der Öffentlichkeit eine Frau tötet, passiert all das nicht. Denn obwohl wir mit dem Begriff „Femizid“ ein eigenes Wort für das Töten von Frauen erfunden haben und obwohl eigene Strafbestände dafür gefordert werden, begreifen wir es noch immer nicht als politische Tat. Wir behandeln die Tötungen weiter als tragische Einzelschicksale. Das hat sich gerade wieder gezeigt.
Auf dem Hof einer Privatschule im brandenburgischen Gosen-Neu Zittau hat in der letzten Augustwoche ein 19-Jähriger eine 18-jährige Schülerin und einen Erzieher getötet. Laut Polizei ist die Frau die Ex-Freundin des Täters, der Erzieher hatte versucht sie zu retten. Wenige Tage später und keine fünf Kilometer entfernt in Erkner tötet ein 29-Jähriger auf offener Straße eine 24-jährige Frau. Auch sie ist die ehemalige Lebensgefährtin des Täters. Vor der Tötung sollen die beiden über den Umgang mit ihrem gemeinsamen Kind gestritten haben.
Kerzen und Blumen am Tatort
Am gleichen Tag, aber hunderte Kilometer weiter südlich in Stuttgart, ist eine 47-jährige Frau an ihren Verletzungen gestorben. Ihr Ex-Partner hatte sie Ende Juli im Einkaufszentrum Milaneo mit einem Messer angegriffen und danach angezündet. In allen drei Fällen hat die zuständige Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen Mordes erlassen. In allen drei Fällen ist der Beschuldigte der Ex-Partner. In allen drei Fällen handelt es sich um einen mutmaßlichen Femizid. Das wahrscheinlichste Tatmotiv ist demnach Frauenhass. Also ein politisches. Doch anders als bei anderen Taten, die aus Hass gegenüber gesellschaftlichen Gruppen verübt werden, bleibt das ritualisierte Schauspiel aus.
Kerzen und Blumen am Tatort erinnern zwar an die Opfer, vor Ort ist die Trauer sichtbar. Doch die Bevölkerung im Rest des Landes bekommt von den mutmaßlichen Morden kaum etwas mit. Sie gehören im Alltag zu Deutschland einfach dazu, werden übersehen oder ignoriert. Die Flaggen am Bundestag wehen oben am Mast. Der Kanzler schweigt. Die Öffentlich-Rechtlichen senden einen Krimi oder Sport zur Primetime. Die Zeitungen titeln mit der anstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt oder der deutschen Autobranche. Ganz so, als sei nichts weiter passiert.
In Brandenburg wird nun über die Sicherheit an Schulen diskutiert. Doch die Diskussion geht an der Sache vorbei. Eine Schule ist nur ein möglicher Tatort von vielen. Im Leben einer Frau kann jeder Ort zum Tatort werden – am wahrscheinlichsten ist das eigene Zuhause.
Wie man das Leben von Frauen und anderen Menschen, die unter patriarchaler Gewalt leiden, schützen kann, dafür gibt es Konzepte und Vorgehensweisen. Klar ist, die Bekämpfung muss früh ansetzen. Nämlich da, wo die Gewalt losgeht, und nicht erst da, wo sie endet. Doch der politische Wille, die Konzepte umzusetzen, fehlt. Denn zur Wahrheit gehört auch: Femizide sind die gewaltvollste Ausprägung des Patriarchats. Ein System, das wir abschaffen müssten, wenn wir möchten, dass Frauen und Queers in Sicherheit leben können. Aber es ist eben auch ein System, von dem die meisten Menschen, die Macht haben, profitieren.
Eine Flagge auf Halbmast oder ein mitfühlendes Wort des Kanzlers wird niemandem das Leben retten. Doch es wäre ein Zeichen, dass wir das Töten von Frauen als politisch anerkennen. Solange wir nicht einmal wahrhaben wollen, wie strukturell die Gefahr ist, werden wir sie nicht eindämmen können.
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