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Debatte um Ar­beit­neh­me­rrechteKeine Straßenbahn für mehr Lifestylefreizeit

Anna Klöpper

Kommentar von

Anna Klöpper

In Berlin ist es arschkalt und dann streikt auch noch die BVG. Das ärgert viele, aber der Streik ist wichtig für die Angestellten und ein gutes Leben.

Nur für eine Betriebsfahrt: Eine Tram verlässt am Montagmorgen den BVG Betriebshof Siegfriedstraße in Berlin-Lichtenberg Foto: Jörg Carstensen/Funke Foto Services/imago

M ehr arbeiten, mehr, mehr, mehr. Deutschland muss irgendwie fleißiger werden. Das ist im Wesentlichen die Botschaft, die einem seit Jahresbeginn um die Ohren gehauen wird. CSU-Chef Markus Söder startete mit der Forderung ins neue Jahr, kranken Ar­beit­neh­me­r:in­nen nicht mehr automatisch die volle Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag zu gönnen. Der Kanzler machte weiter: Friedrich Merz will die telefonische Krankschreibung gerne beenden. Zu viel Missbrauch, so die misstrauische Annahme.

Die Mittelstandsunion brach vor wenigen Tagen, und quer zur tatsächlichen Faktenlage, eine Diskussion über „Lifestyle-Teilzeit“ vom Zaun. „Mit einer 4-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes nicht erhalten“, sekundierte Merz. Und Söder legte am Montag in der ARD nach: Rente mit 63 abbauen und eine Stunde mehr arbeiten pro Woche habe ja wohl noch niemandem geschadet. Die innenpolitische Debattenlage im Januar war gefühlt so anstrengend wie zwei Teilzeitjobs plus das bisschen Haushalt und die zwei Kinder. Für nicht wenige Menschen ist das ja tatsächlich gelebter Lifestyle.

Inmitten dieses neoliberalen Frontalangriffs auf einst mühevoll errungene Ar­beit­neh­me­r:in­nen­rech­te platzt nun auch noch der Streik im ÖPNV. Die Gewerkschaft Verdi fordert eine Verringerung der Wochenarbeitszeit, eine Verkürzung der Schichtzeiten, eine Verlängerung der Ruhezeiten. Verdi fordert also, dass weniger gearbeitet wird – und eben nicht mehr, mehr, mehr.

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Das ist ein wohltuend erfrischender Beitrag zur aktuellen Leistungsdebatte. Denn die allermeisten arbeiten nicht zu wenig, sondern zu viel. Die Diskussion über vermeintliche Faulheit lenkt davon ab, dass wir eigentlich über anderes reden müssten: Zum einen halten Ehegattensplitting und Minijobs vor allem Frauen von Vollzeitjobs fern. Das sagen Öko­no­m:in­nen immer wieder, aber es ändert sich nichts.

Weil – und da wären wir bei einer zweiten Wahrheit – wenn alle Vollzeit arbeiten, wer holt dann um 15.30 Uhr die Kinder aus der Kita ab und pflegt die kranke Mutter? Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Auch familiäre Fürsorge ist Arbeit, nur eben unbezahlt. Mit anderen Worten: Die Menschen sind nicht zu faul, im Gegenteil. Sie werden am Vollzeitlohnerwerb, so man das denn politisch für erstrebenswert hält, schlicht gehindert. Der ÖPNV-Streik wird für Unmut sorgen: keine Busse, und das bei dem Wetter! Ja, nervig. Aber es geht auch um etwas. Nämlich um die Frage, wie wir in diesem Land eigentlich arbeiten und, ja, nebenher auch noch leben wollen.

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Anna Klöpper
Leiterin taz.eins
Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Sunny Riedel das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung, inklusive der Nahaufnahme - der täglichen Reportage-Doppelseite in der taz. Davor Ressortleiterin, CvD und Redakteurin in der Berliner Lokalredaktion. Themenschwerpunkte: Bildungs- und Familienpolitik.
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