Das Problem mit dem Haarausfall: Meine Platte
Wohin mit Trauer und Scham, wenn sich das Haar verabschiedet? Weder Friseur, noch Familie oder Social Media bieten unserem Autor eine große Stütze.
Ledermütze, Locke, Kahlkopf, Platte – umgangssprachliche Bezeichnungen für Glatzen gibt es viele. Schön sind sie alle nicht, genauso wie die Tatsache, dass ich eine kriege. Obwohl ich weiß, dass es Schlimmeres gibt, ist es gar nicht so einfach, das herauszuposaunen.
Dabei bin ich mit fast Mitte dreißig verhältnismäßig gut dran. Viele Männer in meiner Familie und im Freundeskreis haben sich schon mit Anfang zwanzig den Kopf kahlgeschoren. Ich dagegen habe noch Haare auf dem Kopf. Doch wie lange noch? Seit etwa einem Jahr wird auch bei mir die klassische Tonsur, die kahle Stelle am Hinterkopf, mehr und mehr sichtbar.
Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz
Das Thema ist für mich mit Scham und auch Trauer verbunden. Ich schäme mich, wenn ich mir mal wieder einbilde, dass alle den Blick nur noch darauf richten, was sich oben auf meinem Kopf abzeichnet. Und ich trauere, weil ich mich immer mit meinen Haaren identifiziert habe. Jetzt frage ich mich nur noch, wann ich sie abrasieren sollte.
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Aber warum setzt mir die Vorstellung, eine Glatze zu kriegen, so zu? Studien zufolge haben immerhin mehr als 40 Prozent der Männer erblich bedingten Haarausfall. Eine Glatze zu bekommen, ist Normalität.
Emotionale Unterstützung? Fehlanzeige
Im Netz sehen das allerdings viele ein bisschen anders. Online machen Männer andere Männer ganz schön runter, nur weil ihr Haar licht wird. Leute auf Social Media empfehlen Streuhaar, um lichte Stellen zu verstecken, ein Toupet oder eine Haartransplantation in der Türkei. Besonders abgründig wird es aber dann, wenn Männer dir plötzlich erklären, dass Frauen Männer mit lichtem Haar unattraktiv finden, und dir dann raten, die Haare schnellstmöglich abzurasieren.
„Ach, das geht doch noch“, versucht mein Friseur mich zu beschwichtigen. Und auch in Gesprächen mit kahlköpfigen Freunden oder Familienmitgliedern ist wenig emotionale Unterstützung zu holen. „So ist eben die Natur“, heißt es dann, gefolgt von dem Ratschlag, den Haarausfall „einfach“ zu akzeptieren.
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Für ein Dazwischen, für lichtes Haar, kahle Stellen und vor allem fürs Abschiednehmen, dafür gibt es wenig Platz. Das Problem ist nicht mein Haarausfall, sondern der Umgang damit. Und der macht es mir gerade schwerer, als es sein müsste.
Vielleicht geht es am Ende auch gar nicht darum, möglichst schnell eine Entscheidung zu treffen, sondern darum, diesen Übergang zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass sich da gerade etwas verändert. Dass es Zeit braucht, sich von einem Bild zu verabschieden, mit dem man sich lange identifiziert hat. Und dass Unsicherheit dabei kein Zeichen von Schwäche ist, sondern schlicht Teil dieses Prozesses. Denn die Glatze kommt so oder so.
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