Daniel Günther ist CSD-Schirmherr: Signal vom mittelalten, weißen Hetero-Mann
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther setzt sich gern von seiner CDU ab. Nun ist er als erster Landesvater Schirmherr aller CSDs im Land.
D as Beschirmen von Veranstaltungen oder Institutionen gehört zu den üblichen Aufgaben von Landesvätern und -müttern. So kommt im Lauf der Zeit ein buntes Sammelsurium von Dingen zusammen, die unter die Schirmherrschaft von Ministerpräsident:innen geraten. In Schleswig-Holstein sind es etwa ein Hospiz, der Kieler Knabenchor und die kommunale Initiative „CEO der Zukunft“, die Manager:innen für lokale Unternehmen sucht. Dennoch: Dass der CDU-Politiker Daniel Günther in diesem Jahr als erster Ministerpräsident die Schirmherrschaft für alle Christopher Street Days im Land übernimmt, ist schon ein Statement.
Als solches ist es auch gemeint. Er unterstütze die rund 20 Demonstrationen für sexuelle Vielfalt in Schleswig-Holstein „aus Überzeugung“, sagte Günther. „Denn für mich gilt: Wer Menschen aufgrund ihrer Identität angreift, greift unsere Gesellschaft als Ganzes an.“ Die CSDs erinnerten daran, dass „Gleichberechtigung kein Selbstläufer ist, sondern immer wieder verteidigt und gestärkt werden muss“.
Das gilt gerade in diesen Zeiten, in denen die Gesellschaft einen Rechtsruck erlebt, der mit verbalen und körperlichen Angriffen auf Angehörige von Minderheiten einhergeht.
Einen Teil der Schuld daran trägt auch die CDU, die unter Friedrich Merz in eine konservativere Richtung abgebogen ist. Diese Haltung verkörpert der Kanzler selbst, der in einer Wahlkampfrede die „Mehrheit der Bevölkerung, die noch alle Tassen im Schrank haben“, gegen „irgendwelche Grünen und linken Spinner“ abgrenzte. Er erntete dafür Hohn, Spott und jede Menge Tassen – aber er traf eben auch den Nerv vieler, die meinen, die Positionen von Minderheiten seien in jüngster Zeit zu sehr in den Mittelpunkt gerückt.
Debatten mit Schaum vor dem Mund
Ja, selbst in meiner Bubble gibt es Menschen, die sich unendlich über Gendersternchen oder Glottisschlag – die kleine Pause beim Sprechen, die eine akustische Regenbogenfahne setzt – aufregen können. Mit Schaum vor dem Mund werfen sie sich in die Debatte, meist mit dem Aufschrei: „Gibt es nichts Wichtigeres?“ Die Antwort: „Klar, gibt es, und es zwingt dich doch niemand, zu gendern“ führt leider zu nichts. Diese Menschen fühlen sich von Sternchen verfolgt und von Doppelpunkten umzingelt.
Selbst wenn es so wäre – was wäre so schlimm daran, die Vielfalt zu feiern, in der Sprache, im Verhalten, im Alltag und bei Pride-Märschen?
Eine Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit Fremden umgeht – und mit anderen Minderheiten. Die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse auch kleiner Gruppen mag nerven, aber sie schützt am Ende alle. Denn in einer Gesellschaft, in der die Starken die Regeln machen, muss immer jemand am unteren Ende stehen. Sind die Minderheiten verschwunden, trifft die Diskriminierung eben andere. „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte“, wie der Pfarrer Martin Niemöller nach der NS-Zeit schrieb.
Ja, die Schirmherrschaft für CSDs im kleinen Schleswig-Holstein ist Symbolpolitik. Aber Symbole sind wichtig, weil sich Menschen hinter ihnen versammeln können. Darum ist es gut, dass der heterosexuelle, mittelalte, weiße CDU-Mann Daniel Günther diese Aufgabe übernommen hat.
Es ist auch ein Gruß aus Kiel nach Berlin, wo Günthers Parteikollegin und ehemalige Landesministerin Karin Prien das Gendersternchen verbietet und Queer-Projekte nicht mehr fördert und wo Bundestagspräsidentin Julia Klöckner am Tag des Berliner CSD keine Regenbogenfahne wehen lässt.
Immerhin: Am vergangenen Sonntag, am Internationalen Tag gegen Homophobie, ließ Klöckner bunt flaggen. Da an diesem Tag der Bundestag der homosexuellen Opfer der NS-Justiz gedenkt, sei ein parlamentarischer Anlass gegeben, erklärte Klöckners Büro. Zum CSD gibt’s aber weiterhin keinen Gruß auf dem Reichstagsdach. Schade.
🏳️⚧️ SHANTAY. YOU PAY. 🏳️🌈
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