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Dämonen der DemokratieDer Feind in deinem Bett

Die Demokratie kann man nicht nach außen verteidigen, wenn man ihre inneren Feinde gewähren lässt. Man muss genau definieren, was auf dem Spiel steht.

Demonstration gegen rechts in Berlin, am 29. November 2025 Foto: Stefan Boness/ipon

M it unserer Demokratie verhält es sich ein bisschen so wie mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland: Man würde sie sehr gern verteidigen. Aber was, wenn die Kräfte zu ihrer Zerstörung direkt aus ihrer Mitte kämen, was, wenn sich das, was man verteidigen will, hinterrücks selbst auflöste? Wenn man die Demokratie verteidigen möchte, dann geht es ja schließlich nicht nur um dieses zwar nie perfekte, aber doch menschlichste und modernste politische System, sondern auch um die Menschen, die es mit Leben erfüllen sollen: Regierungen, Parlamente und nicht zuletzt um die Leute, um das Volk, um uns – we, the people. Wollen wir, können wir überhaupt noch Demokratie? Gibt es überhaupt noch ein demokratisches, liberales und humanistisches „Wir“?

Bevor man sich, mit den bescheidenen Mitteln, die jeder Einzelne hat, an die schwere Aufgabe einer Verteidigung der Demokratie macht, muss man sich wohl zweier Dinge versichern, nämlich erstens, dass es dafür noch nicht zu spät ist (sonst sitzt man in der Fatalismus-Falle), und zweitens, dass es dafür immer noch genügend aufrechte und mutige Menschen gibt, für die und mit denen es sich lohnt (anderenfalls droht die Misanthropie-Falle). Danach kann man sich daranmachen, die Linien zu definieren, an denen die Demokratie verteidigt werden soll. Vielleicht ist dafür ein Modell für eine Dämonologie der Demokratie nutzbringend, die Kräfte der Antidemokratie betreffend, die aus dem demokratischen System, aus der Entwicklung der kapitalistischen Marktwirtschaft und aus der liberalen Gesellschaft selbst entstehen. Man kann vermutlich eine Demokratie nicht nach außen verteidigen, wenn man ihre inneren Feinde gewähren lässt. Nennen wir diese inneren Kräfte der Zerstörung dramatisch vereinfachend die „Dämonen“ der Demokratie:

Der Populismus, der an die Stelle demokratischer Teilhabe und öffentlicher Verhandlung emotionale Erregung und psychosoziale Schauspiele vor allem über die Medien setzt. Politik wird hier eher verkauft als erklärt. Man kommuniziert nach den Regeln der Unterhaltung und der Regression, Personenkult, Inszenierung und Show übernehmen die Rollen von Diskurs und Debatte.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Die Technokratie, die Herrschaft der Tech-Milliardäre und ihrer „Experten“, die einer besonderen Art von mechanischer Rationalität verpflichtet sind. Dem technologischen Fortschritt, dem wirtschaftlichen Wachstum und dem globalen Wettbewerb wird absoluter Vorrang vor den langsamen, „bürokratischen“ und zögerlichen demokratischen Verfahren gegeben. Von Krise zu Krise gewöhnt man sich an die Institutionalisierung des Ausnahmezustandes.

Der Lobbyismus oder die strukturelle und schließlich auch direkte Korruption, der übermäßige Einfluss der Mächtigen aus der Wirtschaft in Gesetzgebung, Verwaltung und Politik. Die Verflechtung von politischer und ökonomischer Macht führt zu einer (Mit-)Regierung der ökonomischen Kräfte, die sich der demokratischen Kontrolle und der öffentlichen Kritik weitgehend entziehen.

Der faschistische Bodensatz, die Grauzone zwischen dem Konservativen und dem Rechtsextremen. Eine „bürgerliche Gesellschaft“ birgt in sich zwangsläufig Impulse und Gefahren der Faschisierung. Ab einer bestimmten Entwicklung dieser Grauzone der Demokratie am rechten Rand greift indes eine fatale Abfolge von Radikalisierung und Gewöhnung.

Die Gleichgültigkeit und das politische Desinteresse, eine in Teilen fundamentale Ablehnung jeglicher Teilhabe an demokratischen Prozessen, kritischer Öffentlichkeit und liberalen Debatten. Eine wachsende Zahl von Menschen findet unter den Vertretern der demokratischen Mitte keine Repräsentanten und keine Sprache mehr. Die Flucht aus der demokratischen Zivilgesellschaft führt in Parallelkulturen oder mediale Traumwelten, verknüpft sich aber ebenso rasch mit politischem Opportunismus: Narzisstischer Egoismus ist an Demokratie nicht groß interessiert.

Der postdemokratische Staat gehört dem Geld

Die (sexuelle) Reaktion und die „Kulturrevolution“ gegen den Liberalismus. Zu den Zielen und zugleich Voraussetzungen von Demokratisierung gehören auch Gleichberechtigung der Geschlechter, sexuelle Selbstbestimmung und kulturelle Offenheit. Teile der Gesellschaft widersetzen sich mehr oder weniger militant solchen metapolitischen Projekten und finden sich in toxischen Gegenerzählungen und Kulten wieder.

Entsolidarisierung und Ent-Bildung. Unter dem Einfluss von Neoliberalismus und Austerität vernachlässigt der demokratische Staat seine sozialen und seine kulturellen Aufgaben und führt dadurch eine Verschärfung des Widerspruchs von Gewinnern und Verlierern herbei. Der (post-)demokratische Staat „gehört“ schließlich der ökonomischen Macht und ist nicht mehr der Staat der Armen. Ebenso „gehören“ die Medien der öffentlichen Debatten mehrheitlich den gleichen wirtschaftlichen Mächten, die durch den Lobbyismus ihren Einfluss auf die Politik erhöhen, und nicht mehr der demokratischen Zivilgesellschaft.

Alle diese Dämonen der Demokratie sind auf demokratischem Wege und innerhalb der liberalen Gesellschaft entstanden. Eine funktionierende und lebendige Demokratie sollte mit jedem einzelnen ihrer Dämonen fertig werden, nicht zuletzt, indem ihr Wesen aufgeklärt werden kann. Gefährlich wird es, wenn eine Demokratie nicht besonders gut funktioniert und nicht besonders viel Leben zulässt, wenn die Dämonen der Demokratie, statt einzeln in die Mitte der Gesellschaft zu streben, sich miteinander zu einer Schlinge verbinden, die sich unerbittlich zuzuziehen scheint, und wenn die äußeren Bedrohungen die innere Gefährdung verschärfen. In dieser Situation ist es für die Verteidigung der Demokratie sehr wichtig, genau zu definieren, was auf dem Spiel steht.

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10 Kommentare

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  • Wunderbarer Essay. Was am Anfang steht, bleibt allerdings die unhinterfragt positive Zuschreibung der Demokratie. Mich deucht allzu oft, dass schon die alten Griechen dem Demos bloss Machtteilhabe suggerierten. Geschichte wird von oben geschrieben.

  • “Dämonen der Demokratie Der Feind in deinem 🛌“ 🙀

    Genau Genau “Erkenne die Lage!“



    Gottfried Benn - Yes we do!



    Der Souveräne - das Volk - der grobe Lümmel



    Hat dafür zunächst zu konstatieren:



    Anders als zB noch zu Ol Connys oder auch zu



    Helmut 🥬s Zeiten* - ist es post Angie dem



    WirtschaftIndustriellenBankenKomplex



    Mittels mafiösem Anfüttern - Aufsichtsräte et al. vxxlfach - gelungen auch noch die Zentrale staatlicher Macht - des Bundeskanzleramt vollständig durch eine mangels eigener Substanz willfährige Chimäre zu usurpieren •

    Alles weitere - ist von daher zu denken & anzugehen! Wollnich



    Normal



    &



    “In dieser Situation ist es für die Verteidigung der Demokratie sehr wichtig, genau zu definieren, was auf dem Spiel steht.“

    unterm——🥬 *



    - 🥬./. Schröder - Wahl 🧐🙀🥳



    “Aus unserer Sicht!” BigGunEU “Isses ja besser - wenn der Dicke wieder gewählt wird!”



    “Bist du verrückt geworden?! Du warst im SDS!“



    “Schonn! Aber. Du kannst gegen den Dicken sagen was du willst!



    Der - hat die Besatzerstiefel noch im Wohnzimmer erlebt! Wenn der was in Brüssel für die Wirtschaft macht - macht er immer auch was für Europa!



    Schröder & Lafontaine stehn für garnichts!“



    Meinetwegen nennt ihn Merz •

    • @Lowandorder:

      🤖Eine Schimäre (oder Chimäre) bezeichnet in der Mythologie ein Mischwesen (z.B. Löwe-Ziege-Schlange), in der Biologie ein Lebewesen mit Zellen unterschiedlicher Herkunft und im übertragenen Sinne ein Trugbild, ein Hirngespinst oder eine unerfüllbare Vorstellung, die nur in der Fantasie existiert. Der Begriff steht für etwas Unrealistisches oder Absurdes, das verschiedene nicht zusammenpassende Elemente vereint, wie etwa die Verfolgung einer unmöglichen Idee. .



      Ein Trugbild, eine Illusion, ein Hirngespinst, eine fixe Idee oder eine unrealistische Hoffnung, die nicht in die Realität umsetzbar ist. - auch taube Nuß 🥜 •

  • Endlich mal ein taz-Kommentar der den Finger in die Wunde legt. Aber vor allem sollte man endlich einmal definieren, was man unter Demokratie (im Gegensatz zur Demokratie) versteht. Die wilde Mischung aus Republik, individuellen Freiheiten, Marktwirtschaft und dem darunter liegenden Sozialdarwinismus hat auf jeden Fall nichts mit der Idee der Urdemokratie zu tun und was man heute daraus machen könnte. Die selbsternannte demokratische Mitte, die AfD, Linksliberale und Grüne werden uns keine Demokratie mitbringen, sie werden die elitäre Republik eher repressiver, autoritärer und nationalistischer machen. Sie haben dafür alle ihre Gründe, wie nationale Sicherheit, Wirtschaftswachstum, irgendein liberaler, grüner etc. Umbau und die Treue zur Verfassung der Republik (nicht einer Demokratie). Hauptsache ist, dem Volk die Freiheiten eines wohlständigen Konsums zu ermöglichen. Eine Demokratisierung von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und ÖRR hat keine der gerade noch relevanten plus-minus-5-Prozent-Parteien und kaum eine/e BürgerIn auf dem Plan.

  • Unsere Verfassung bietet viele Möglichkeiten sich gegen Verfassungsfeinde zu wehren.

    Man kann sich gegen Verfassungsfeinde mit dem Recht auf Widerstand (Art. 20 Abs. 4 GG) als letztes Mittel wehren, aber auch durch gesetzliche Wege wie die Verfassungsbeschwerde (bei Grundrechtsverletzungen), Parteiverbotsverfahren (Art. 21 Abs. 2 GG), Verbote verfassungsfeindlicher Vereinigungen (Art. 9 Abs. 2 GG) und die Arbeit der Verfassungsschutzbehörden, um eine wehrhafte Demokratie zu schützen, die auch durch das Strafgesetzbuch (z.B. §§ 84 ff. StGB) gestü

    Die Ewigkeitsgarantie (oder Ewigkeitsklausel) ist in Artikel 79 Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes (GG) verankert und schützt die grundlegendsten Prinzipien der Verfassung vor jeder Änderung, selbst durch qualifizierte Mehrheiten. Sie gewährleistet die Unantastbarkeit der Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG), der demokratischen Staatsform, des Rechtsstaats-, Sozialstaats- und Bundesstaatsprinzips (Art. 20 GG) sowie die Gliederung des Bundes in Länder und deren Mitwirkung an der Gesetzgebung. Diese Klausel dient als Schutzwall gegen eine schleichende oder plötzliche Aushöhlung der Demokratie und Freiheit, wie es in der NS-Zeit geschah.

    • @taz.manien:

      Einmal in Betracht gezogen, das eine Demokratie auch von unten erodieren kann?

      Das Grundgesetz ist keine Versicherungspolice und wenn ein Staat sich in den Augen seiner Bürger nicht mehr als handlungsfähig erweist und das zur Folge hat das nicht mehr demokratisch regiert werden kann, dann nützt eine Fixierung auf die Verfassung wenig. Gerade in einer volatilen Gesellschaft, die von Stimmungen geleitet ist, kommt es auf das Engagement des einzelnen Bürgers an um den im Artikel geschilderten "Dämonen" entgegenzutreten und nicht auf das Grundgesetz.

      Aufklärung und das Einstehen für demokratische Werte muss wieder die Pflicht des Bürgers werden und auf der anderen Seite müssen die Institutionen daran arbeiten Vertrauen in den Staat zurückzugewinnen.

      In allen Ländern in denen das Verhältnis der Bürger zum Staat mehrheitlich positiv ist, stimmen auch die sozioökonomischen Faktoren. Diese sind ein Stützpfeiler der Demokratie und in Deutschland innerhalb der letzten 25 Jahren immer mehr in eine ungesunde Schieflage geraten.

      • @Sam Spade:

        So isset: “Das Grundgesetz ist keine Versicherungspolice…“



        Quelle: Horst Ehmke - Freiburg - Berkeley - Raubein - späterer Kanzleramtsminister

        unterm—-



        (btw verdanke ihm die Teilnahme an einer Witzfestschrift zum 40. & zur 75. Veröffentlichung🙀 für einen seiner ehemaligen Assis!;) 📝🥳🧐

  • Danke dafür, der Text gehört auch in den Schulunterricht, wenn es um unsere Demokratie geht.

  • Der Autor hat zwar mit vielem recht, aber der Text ist trotzdem nicht sehr hikfreuch, weil er nicht zwischen Wirkung und Ursache unterscheidet und daher nicht erkennen lässt, wie man die Demokratie nun retten könnte.



    Dabei ist das gar nicht so schwer.: Der Staat liefert nicht mehr. Für immer mehr Menschen liefert der Staat nicht mehr das, was sie von ihm erwarten - ein halbwegs, schönes, sorgenfreies Leben. Daher sind immer mehr so unzufrieden mit dem Staat, vor allem aber mit den Parteien, die in den 30-40 Jahren regiert haben, dass sie andere Parteien wählen. Der Grund, weswegen immer mehr Menschen immer unzufriedener werden und immer mehr Angst vor der Zukunft haben, lieht daran, dass duese Gesellschaft immer ungerechter wird. Immer weniger haben immer mehr und viele andere fühlen sich abgehängt und im Stich gelassen. Wenn man diese Gesellschaft wieder wirklich gerechter macht, regelt sich alles andere von selbst. Nur dazu müssten die, die heute immer mehr bekommen, mit etwas weniger zufrieden sein. Die Reichsten 500 haben ihr Vermögen von 2020-2024 um 500 Mrd.€ erhöhen können. Wenn die reichstenmit etwas weniger zufrieden sind, bleibt für den Staat und alle anderen genug übrig

  • Ein großer Feind der Demokratie sind mittelmässige Parteien und ihre Kandidaten, die sich (aus populistischen Gründen der Selbstinzenierung) der Realität von Klimawandel, Änderung bei Wirtschaftsprozessen oder der Absicherung der Generationen verweigern und damit das ganze Regierungsgeschehen unglaubwürdig erscheinen lassen. Demokratie benötigt ehrliche Mitstreiter, die sich ernsthaft statt um eigene Absicherung und das große Ganze kümmern. und dabei Sonderinteressen von Investoren, Eigentümern und Unternehmen am Gemeinwohl ausrichten, so, wie es eigentlich auch im Grundgesetz vorgesehen ist und durch Verfassungsgerichte abgesichert sein sollte.