Bundesliga-Abstieg des FC St. Pauli: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Mit einem 3:1-Sieg am Hamburger Millerntor rettet sich der VfL Wolfsburg auf den Relegationsplatz. St. Pauli und Heidenheim gehen in die Zweite Liga.
Am Ende ist die Stimmung fast andächtig im Millerntorstadion. Die Spieler liegen auf dem Rasen. Aus den Lautsprechern tönt „You'll never walk alone“, die Originalversion von Gerry and the Pacemakers, mit viel Streicher-Schmalz und Schmacht in der Stimme. Die Fans halten dazu tausende Schals in die Höhe und wiegen damit hin und her im schleppenden Takt.
Früher gehörte der Song mal zum Standardrepertoire beim FC St. Pauli. Inzwischen ist er rar geworden. Vielleicht, weil er ein Trostspender für die harten Momente ist. Und von denen hatte es in den vergangenen Jahren nicht mehr so viele gegeben.
Doch nun ist St. Pauli im zweiten Bundesliga-Jahr hart gelandet. Der Abstieg ist besiegelt, dabei hätte das letzte Spiel die Chance geboten, im Dreikampf um den Strohhalm Relegationsplatz alles noch mal herumzureißen. Nachdem der Vorletzte Heidenheim im Parallelspiel gegen Mainz früh in Rückstand geraten war, hätte St. Pauli nur Wolfsburg schlagen müssen, um sich zumindest noch in die Relegation zu retten.
Doch wie sollte das gehen? Nach einer Serie von neun sieglosen Spielen? Nach einem gerade einigermaßen überstandenen Magen-Darm-Infekt, der die halbe Mannschaft erwischt hatte. Das Spiel sei ein „Sinnbild“ der Saison gewesen, meinte Trainer Alexander Blessin hinterher, mit ihren „Ups and Downs“. Und wie über die ganze Spielzeit waren es auch am Samstagnachmittag wieder mehr Downs.
Präsident und Kapitän ringen um Fassung
Da vergisst Stürmer Andréas Hountondji drei Meter vor dem Tor das Schießen. Da rettet Torwart Nikola Vasilj ein ums andere Mal im Duell mit enteilten Stürmern – und faustet sich dann im Geschiebe nach einer Ecke den Ball selbst ins Tor. Am Ende steht es verdient 1:3. St. Pauli geht runter.
Die Fans applaudieren der Mannschaft noch immer, als St. Paulis Präsident Oke Göttlich am Fernsehmikrofon eine Erklärung versucht: „Wir können diese wirtschaftliche Lücke nicht zulaufen. Die kannst du nur zulaufen, wenn du immer bei 105 Prozent bist, in allen Belangen.“ Damit meint er noch nicht mal die Finanzlücke zu Wolfsburg, sondern die zu Mainz oder Augsburg. Göttlich sagt, der Verein gehe stabil und wirtschaftlich gesund in die Zweite Liga und das Team werde nicht auseinanderfallen. Ihm stehen dabei die Tränen in den Augen.
Auch Kapitän Jackson Irvine ringt um Fassung, als er sagt: „Das hier ist mein Zuhause. Es müssten schon ein paar verrückte Dinge passieren, damit ich nicht bleibe.“ Der Australier entschuldigt sich bei den Fans und fügt hinzu: „Ich hoffe, dass auch in der Führungsebene alle ihre Fehler reflektieren.“
Welche das waren? Man konnte in der Hinrunde sehen, dass der neu formierte Sturm sich redlich mühte, aber harmlos blieb. Hätte der Verein in der Winterpause mehr ins Risiko gehen müssen, einen Stürmer verpflichten, der Torgefahr verspricht? Dafür hätte man finanziell tief ins Risiko gehen müssen.
Dilemma, das bleiben wird
Das wird immer das Dilemma bleiben für Clubs wie St. Pauli: Solide wirtschaften, damit bei einem Abstieg kein Schuldenberg bleibt – oder alles riskieren, um den Abstieg zu vermeiden, weil der nächste Anlauf lang werden kann.
Natürlich stellt sich nach einem Abstieg immer auch die Frage, ob ein Trainerwechsel geholfen hätte. Bei St. Pauli haben sie die negativ beantwortet, eben weil sie wussten, dass das Team in der Liga nur bestehen kann, wenn es über sich hinauswächst.
Das hatte Blessin in der ersten Bundesligasaison oft erreicht, in der zweiten nicht mehr so oft. Am Ende wirkt er erschöpft, sagt selbst ein ums andere Mal, wie viel Kraft ihn all das gekostet habe. „Für zwei Relegationsspiele hätte die Energie noch gereicht“, sagt er. Ob er sie für einen Neuaufbau noch mal aufbringen würde, bleibt ungewiss.
Letztlich ist mit dem Abstieg von St. Pauli – und Heidenheim – nun der Normalfall eingetreten. Der von den St.-Pauli-Fans per Blockfahne ausgerufene „Klassenkampf bis zum Ende“ ist einmal mehr verloren.
Arbeiter sind eben auch nicht mehr, was sie mal waren
Schon fast ulkig, dass die Wolfsburger Anhänger sich dagegen mit einem riesigen Banner stolz als „Arbeiterverein“ inszenieren, mit einem Schraubenschlüssel im Vereinswappen. Arbeiter sind eben auch nicht mehr, was sie mal waren. Bei VW gehören sie in die Kategorie, über die Friedrich Merz gerade in dieser Woche gesagt hat, sie zahlten auch schon den Spitzensteuersatz.
Und der VfL ist mehr, als er ihrer ist, der ihrer Bosse, die in diesem Jahr rund 70 Millionen Euro aus dem schwindenden Gewinn des Autobauers in seine Fußballtochter gebuttert haben, etwa doppelt so viel wie der Gesamtetat des FC St. Pauli. Insofern ist es eine Anomalie, dass beide am letzten Spieltag miteinander um den Klassenerhalt ringen.
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