Das Gesetz der Wiederholung: Schrecklicherweise hat mein Vater recht gehabt
Fernsehgewohnheiten können eine Flucht vor Überforderung sein. Dass das mit Behinderung zu tun hätte, ist nur eine billige Ausrede.
M it dem Satz „Es wird alles wiederholt!“ konnte mein Vater meine Geschwister und mich früher in den Wahnsinn treiben. Er sagte ihn jedes Mal, wenn wir etwas im Fernsehen sehen wollten, aber nicht durften. Also ständig.
Für jede Lebenslage gab es mindestens einen Spruch, den mein Vater als „altes chinesisches Sprichwort“ ankündigte und gerne selber abwandelte. Die Worte „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ haben mich oft genervt. „Wer andern in der Nase bohrt, ist selbst ein Schwein“ fand ich meistens lustig.
Eigentlich will ich diese Sprichwörter selber nicht zu meinen Kindern sagen, tue es aber trotzdem. Sie fangen nur eben alle mit den Worten an: „Opa würde sagen …“. Wenn irgendwo eine Münze liegt, denke ich es unweigerlich: „Wer den Cent nicht ehrt, ist des Euros nicht wert“, und hebe sie auf.
Das Enervierende an meinem Vater ist, dass er fast immer recht hat. Nur, dass alles wiederholt wird, das stimmte nicht. Ich grollte als Pubertierende oft wegen der großartigen Glotzerlebnisse, die ich verpasste. Nicht eine einzige Folge „Knight Rider“ durfte ich sehen!
Feierliche Treffen vor dem Fernseher – um 15 Uhr!
Selbstverständlich hatten wir keinen Videorekorder. Den schaffte mein Bruder sich erst im Studium an, damit wir nicht für die neuen „Star Trek“-Folgen von „Next Generation“ Vorlesungen ausfallen lassen mussten. Wenn wir uns aber für die lineare Ausstrahlung um 15 Uhr vor dem Fernseher trafen, hatte das etwas Feierliches. Weniger feierlich war, wie wir noch als Erwachsene verschämt ausschalteten, wenn mein Vater nach Hause kam.
Meine Kinder dachten, Filme kämen ausschließlich von den kleinen Scheiben, die Papa oder Mama in den Player einlegten. Bei uns galt definitiv das Mantra: „Es wird alles wiederholt.“ Zwischen Willi und Olivia tobte ein ewiger Kampf um die Filmauswahlrechte. Willi wollte immer „Michel in der Suppenschüssel“ und Olivia wollte auch mal „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Neue Filme gab es nur, weil wir Eltern manchmal Abwechslung brauchten. Wir HASSTEN Schneewittchen!
„Neue Besen kehren gut“ galt bei uns nicht. Wenn beispielsweise am Anfang des Films Bambis Mutter starb – tote Mütter scheinen ein sehr beliebtes Geschichtenmotiv –, brach Olivia in Tränen aus und Willi schrie ohnehin, solange er den Film nicht mindestens zehnmal gesehen hatte. Erst wenn das Ganze mir schon wieder komplett auf den Senkel ging, schauten unsere Kinder entspannt zu.
Einmal hatte Olivia Übernachtungsbesuch. Sie durften einen Film schauen. Alles, was sie vorschlug, kommentierte die Freundin mit einem abgeklärten „Kenn’ ich“, worauf Olivia strahlend den Film aus der Hülle zog und sich jedes Mal wunderte, dass ihre Freundin ihn dann doch nicht wollte. Bis zum Schluss begriff sie nicht, dass „Kenn’ ich“ ein Ausschlusskriterium war. Dieselbe Freundin brachte beim nächsten Mal vorsichtshalber selber eine DVD mit. Der computeranimierte Barbie-Film war das Schrecklichste, was ich je gesehen hatte!
Gerne stelle ich mir vor, dass es mit Willis Behinderung zu tun hat, dass ich meine Kinder so viel fernsehen ließ. Doch wahrscheinlich wäre ich in dem Paralleluniversum, in dem Willi nur 46 Chromosomen hat, einfach von irgendetwas anderem überfordert gewesen.
Was soll’s, nun ist es Schnee von gestern. Apropos: Ich finde es unerhört, dass mein Vater selbst mit den Wiederholungen letztendlich noch recht behalten hat: Heute lässt sich nicht nur der komplette Serienschrott meiner Jugend ausnahmslos irgendwo streamen.
Es werden von KIs sogar Unmengen neuer Filme generiert, aus allem, was es jemals gab (ohne nach den Rechten zu fragen oder diese zu bezahlen). Sie kloppen alles in einen Datenschredder und kotzen es uns als gigantischen Mainstream wieder vor die Füße. Da haben wir wirklich den Bock zum Gärtner gemacht. Es gilt nun als Eltern, gut zu wählen, besonders auch beim Abspielmedium – billig ist bekanntlich teuer bezahlt. Ich empfehle die Mediatheken der Öffis und natürlich gibt es in jeder guten Offline-Buchhandlung auch Beratung zu Kinderfilmen.
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