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Birdwatcherin auf Rekordkurs„Vögel sind einfach sehr, sehr ästhetische Lebewesen“

So viele Vogelarten in Berlin sichten wie möglich: Für ein komplettes Jahr Birdwatching – oder „Birding“ – hat Selina Veng ihren Job gekündigt.

Interview von

Claudius Prößer

Krähen und Tauben sehen wir in der Stadt auf Schritt und Tritt, auch Spatzen, Meisen oder Stockenten sind allgegenwärtig. Aber haben Sie in Berlin schon mal ein Wintergoldhähnchen beobachtet, einen Neuntöter oder eine Waldschnepfe? Wer sich an die richtigen Orte begibt und genau hinsieht, findet erstaunlich viele Arten innerhalb der Stadtgrenze, und Selina Veng hat sich das zur Herausforderung gemacht: Die Birdwatcherin, die vor sechs Jahren aus Dänemark zum Arbeiten nach Berlin zog, nimmt sich dieses Jahr eine Auszeit, um mit ihrer Kamera so viele verschiedene Vogelarten in Berlin zu dokumentieren wie möglich. 200 will sie schaffen, aktuell ist sie bei 157. Auf Instagram gibt sie regelmäßig Updates zu ihrem „Berlin Big Year“ – ein stehender Begriff in der Szene der „Birder“, wie viele Birdwatcher sich selbst nennen. Die taz hat Veng zum Interview im Tiergarten getroffen.

taz: Frau Veng, wir haben eben mal unser Glück versucht und am Neuen See nach dem Eisvogel Ausschau gehalten. Leider ohne Erfolg. Und auf Ihrer Liste fehlt er noch.

Selina Veng: Viele Birder bezeichnen Arten, mit denen sie kein Glück haben, als ihre „Nemesis“, also quasi ihren Endgegner. So ein bisschen ist das für mich gerade der Eisvogel. Dieses Jahr scheint der Bestand durch den harten Winter zurückgegangen zu sein. Andererseits verbringt die Art das ganze Jahr in Berlin, also bin ich noch einigermaßen entspannt. Demnächst fahre ich zur Spandauer Zitadelle, von wo immer wieder Sichtungen berichtet werden. Grundsätzlich ist es nicht so schwierig, einen Eisvogel vor die Kamera zu bekommen – da gibt es andere Arten, die sich sehr gut verstecken und meistens nur zu hören sind.

Im Interview: Selina Veng

ist Birderin aus Leidenschaft, hat aber einen beruflichen Hintergrund in Linguistik und Maschinenlernen. Sie lebt seit 2020 in Berlin und widmet der Vogelbeobachtung seit 2023 den Instagram-Kanal "Selina's Atlas".

taz: Welche denn?

Veng: Zum Beispiel die Zwergdommel, die sich an Seeufern im Schilf verbirgt. Um die muss ich mich auch zügig kümmern. Gesichtet wurde sie beim Brüten am Flughafensee, aber die Moorlinse in Buch oder der Habermannsee in Kaulsdorf sind auch vielversprechend.

Welche Vogelarten fehlen Ihnen sonst noch?

Veng: Zum Beispiel die Heckenbraunelle. Die höre ich zwar immer mal wieder, zu Gesicht bekommen habe ich sie aber noch nicht. In den letzten Wochen war es ziemlich schwierig, neue Arten zu entdecken, aber nach langem Suchen habe ich am Lietzengraben in Buch einen Bruchwasserläufer gefunden. Und auf meiner Suche nach ihm habe ich völlig überraschend einen Schwarzstorch an den Arkenberger Kiesseen gesichtet. Ich dachte erst, ich traue meinen Augen nicht!

taz: Im Frühjahr und Sommer tauchen Zugvogelarten in Berlin auf, die in der kalten Jahreszeit nicht beobachtet werden können – da ging der Zähler auf Ihrem Instagram-Account schnell nach oben. Gibt es auch Arten, die erst in der zweiten Jahreshälfte typischerweise zu sehen sind?

Veng: Die Vögel, die zum Brüten in die Region kommen, sind jetzt alle da. Aber mit den Herbstzügen werden auch einige Arten hier rasten und andere kommen, um hier den Winter zu verbringen. Die hätte ich im Prinzip schon im Januar oder Februar sichten können, aber da habe ich sie verpasst – den Singschwan zum Beispiel oder den Bergfink. Das ist ein sehr hübsch gezeichneter Singvogel, der dem Buchfink ähnlich sieht.

taz: Ist es nicht enorm schwierig, aus großer Entfernung einen kleinen Vogel zu bestimmen, der irgendwo durchs Gebüsch hüpft?

Veng: Viele der Arten, die ich in Berlin dokumentiere, habe ich selbst noch nie zuvor gesehen, deswegen muss ich ihre Merkmale schon in der Vorbereitung gut kennenlernen. Verwandte Arten sehen sich oft ziemlich ähnlich, dann kommt es auf bestimmte Details an, die einzigartig sind – den Augenstrich oder die Länge des Schwanzes. Natürlich hilft es sehr, dass ich mit einer 600-Millimeter-Zoomlinse unterwegs bin. Aber manchmal erkenne ich erst zu Hause auf dem großen Bildschirm, dass ich eine ganz bestimmte Art gefilmt habe.

taz: Benutzen Sie zur Bestimmung KI?

Veng: KI ist auf jeden Fall ein Hilfsmittel, aber sie macht oft Fehler. Insofern kommt es am Ende immer auf meine eigene Einschätzung an.

taz: Geht es Birdern nicht auch ein bisschen gegen die Ehre, wenn künstliche Intelligenz ihnen die Arbeit abnimmt?

Veng: Ich ziehe es immer vor, die Bestimmung selbst zu machen. Für Menschen, die gerade erst mit dem Birding anfangen, ist die KI aber ein sehr nützliches Hilfsmittel, besonders beim Erkennen der Vogelstimmen. Wenn Sie hier, wo wir gerade sitzen, eine solche App laufen lassen, wird sie wahrscheinlich sechs verschiedene Vogelarten in der direkten Umgebung identifizieren. Die können Sie dann versuchen zu entdecken.

taz: Ist Berlin innerhalb Deutschlands ein besonders ergiebiges Habitat?

Veng: Im Vergleich zu anderen Großstädten hat Berlin mit Sicherheit eine große Vielfalt. Aber natürlich gibt es in der Region Arten, die innerhalb der Stadtgrenze praktisch nie zu sichten sind. Viele Leute fragen mich, ob ich die Großtrappe gesehen habe, aber die gibt es definitiv nur draußen in Brandenburg. Und der Wiedehopf, den wahrscheinlich viele kennen, kommt zwar auch mal nach Berlin, brütet aber nur im Umland. In der Döberitzer Heide, also nur ein paar Kilometer entfernt, wäre es überhaupt kein Problem, ihn zu sehen.

taz: Sie haben sich 200 Arten als Zielmarke gesetzt, wie realistisch ist das?

Veng: Die Zahl ist natürlich ein bisschen willkürlich, ob ich sie erreiche, wird sich zeigen. Theoretisch könnten es aber sogar noch mehr sein: Die Birding-Plattform eBird verzeichnet 257 Vogelarten, die in den vergangenen Jahrzehnten in Berlin dokumentiert wurden. Und die Person, die auf eBird im vergangenen Jahr die meisten Arten gemeldet hat, kam auf rund 180 – da dachte ich, 200 ist doch eine schön runde Zahl, und es hält die Spannung hoch (lacht).

taz: Ist Birding ein teures Hobby?

Veng: Es kann teuer sein, muss aber nicht. Meine Kamera und meine Linse habe ich schon vor ein paar Jahren gekauft, und wenn ich gut darauf aufpasse, kann ich sie bei einem Upgrade weiterverkaufen. Etwas anderes ist es, wenn Sie viel herumfahren müssen. Mir reichen der ÖPNV und das Fahrrad, aber andere Birder, die ein „Big Year“ in einem ganzen Land machen, stehen da natürlich vor anderen Herausforderungen.

taz: Zum Birden nach Berlin gezogen sind Sie aber nicht.

Veng: Nein, ich bin vor sechs Jahren für einen Softwarejob nach Berlin gekommen und habe dann in verschiedenen Unternehmen an KI-Sprachmodellen gearbeitet. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, war aber auf Dauer auch etwas ermüdend – und ich habe den Drang gespürt, mehr draußen unterwegs zu sein.

taz: Sie haben nie Biologie studiert?

Veng: Nein, das war immer Leidenschaft, nicht Beruf.

taz: Aber es geht ja nicht nur darum, Vögel zu erkennen und abzuhaken. Sie wissen sicher auch etwas über ihr Verhalten und ökologische Zusammenhänge?

Veng: Natürlich, das bringt das Birding mit sich. Es gibt immer wieder faszinierende Dinge, die zu Recherchen anregen. Kürzlich habe ich einen Zilpzalp beobachtet, dessen Gesang zur Hälfte wie der eines Fitislaubsängers klang. Erst dachte ich an ein Hybrid – was extrem ungewöhnlich wäre. Experten, mit denen ich gesprochen habe, meinten, dass das Exemplar seine Lernphase wohl in der Nähe eines Fitis-Standorts hatte und Teile von dessen Gesang übernommen hat.

taz: Wo waren Sie sonst schon in Sachen Birding unterwegs?

Veng: Mit dem Fotografieren und Filmen habe ich auf einer Reise durch Mexiko, Costa Rica, Peru und Kolumbien angefangen. Dann habe ich mich für meine Instagram-Präsenz daran gewöhnen müssen, mich selbst und meine Stimme aufzunehmen, weil ich Geschichten über die Rolle von Vögeln in verschiedenen Kulturen erzählen wollte. In vielen Ländern gibt es ja zum Beispiel so etwas wie einen „Nationalvogel“.

taz: Sind unsere heimischen Vögel nicht ziemlich langweilig, verglichen mit den tropischen Arten in Südamerika?

Veng: Das könnte man meinen, aber auch unter den hiesigen Arten gibt es welche mit tollen Farben. Den knallgelben Pirol zum Beispiel, den Girlitz oder die Mandarinente – auch wenn die erst im letzten Jahrhundert aus Ostasien eingeführt wurde. Oder schauen Sie sich einen Star an, wenn die Sonne sein Gefieder zum Schillern bringt. Zu wissen, dass diese Vögel ihren Lebensraum mit unserem teilen, macht ihre Beobachtung vielleicht sogar interessanter als die von sehr prächtigen Arten, mit denen wir in unserem Alltag nie in Berührung kommen werden.

taz: Als Aktivistin oder Vogelschützerin verstehen Sie sich nicht?

Veng: Nicht im engeren Sinne. Aber wenn Sie sich intensiv mit der Ökologie der Vogelwelt beschäftigen und sehen, wie die Bestände mancher Arten abnehmen, wächst automatisch das Bewusstsein, dass wir den Schutz der Arten und ihrer Lebensräume ernster nehmen müssen. Natürlich hoffe ich, dass das, was ich tue, bei anderen Interesse weckt und sie inspiriert. Ausgehend von den Rückmeldungen, die ich von Followern bekomme, scheint das auch der Fall zu sein.

taz: Sind nicht die meisten Birder Eigenbrötler, denen gar nicht so viel daran liegt, ihre Erfahrung mit Uneingeweihten zu teilen?

Veng: Das würde ich nicht sagen. Ich erlebe es als eine sehr aktive und schöne Community, auch in den Reaktionen auf meinen Instagram-Auftritt: Ich bekomme viele Hinweise auf Orte, die ich noch nicht kenne, manche Leute schreiben mir: „Bei mir im Baum lebt eine Eule, schau doch mal, ob du die schon hast.“ Andere fragen wiederum mich nach Tipps, und ich versuche ihnen zu helfen. Natürlich ist für viele Birding auch etwas, das sie einfach für sich tun, um herunterzukommen, um allein in der Natur zu sein, und das ist völlig okay. Aber sein Wissen zu teilen, macht auch großen Spaß.

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