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Berliner Premiere von „Polaris“In der Arktis dehnt sich die Zeit

Jan Christoph Gockel inszeniert „Polaris“ am Deutschen Theater. Im endlosen Weiß der Bühne werden Geschichten gegen den Wahnsinn erzählt.

Zwischendurch blendet das Weiß so hell, dass man blinzeln muss. Fast schmerzhaft ist es dann, weiterhin auf die Bühne der Kammer des Deutschen Theaters zu schauen, wo das Signalrot der Schutzanzüge von Julia Gräfner, Wolfram Koch, die in „Polaris“ die beiden Hauptrollen spielen, dagegen anleuchtet.

Gräfner und Wolfram sind die einzigen Schau­spie­le­r:in­nen in dem neuen Stück von Jan Christoph Gockel, das vom endlosen Weiß im ewigen Eis erzählt. Von der Einöde und von dem Wahnsinn, der daraus folgen kann.

Der Plot ist inspiriert von einer Nachricht, die im Jahr 2018 international Schlagzeilen machte. Damals hatte sich auf der russischen Forschungsstation Bellingshausen in der Antarktis ein Mordversuch zugetragen. Der Elektriker Sergej S. (Wolfram Koch) griff den Schweißer Oleg B. (Julia Gräfner) mit einem Messer an, weil dieser ihm mehrfach die Enden von Büchern verraten habe. So heißt es zumindest. Spoilern kann tödlich sein. Eine Geschichte eigentlich zu gut, um wahr zu sein.

Was aber wahr ist und worum es Jan Christoph Gockel primär geht, ist, dass das Leben am Südpol den Menschen an seine Grenzen führt. „Polaris“ klingt nicht ohne Grund so ähnlich wie „Solaris“. Immer wieder lässt Gockel Textauszüge aus Stanisław Lems dystopischem Roman einfließen. Ist die Antarktis ein Planet für sich?

Oder „eine Art weißer Wal“? Davon nämlich spricht Richard Pozgaj, der auf der deutschen Polarforschungsstation Neumayer III die Mahlzeiten zubereitet. „Moby Dick“, Captain Ahab habe ihn immer schon fasziniert. Er hoffe nicht, ergänzt er dann noch.

Überhaupt erfährt man viel, was die Leute alles tun, die echten Menschen im ewigen Eis, um nicht dem Wahn zu verfallen. Sie tanzen Ballett, sie lesen Bücher, sie spielen Theater. Und sie erzählen sich Geschichten.

Gockel mixt in „Polaris“, wie er es ja gerne tut, Videosequenzen und Schauspiel, Dokumentarisches und Geskriptetes, Klamauk und Ernst. Mit seinem Team war er selbst im Vorfeld für Recherchen und Dreharbeiten mehrere Wochen an die Antarktis auf die Neumayer III gereist. Aber irgendwie geht das Ganze dennoch nicht auf. Auch wenn man den Forschern, die Atomtests aufzuspüren versuchen und deren Abteilung intern den Spitznamen Weltfrieden trägt, gerne noch länger zuhören würde.

Auch Gräfner und Koch erzählen so einiges, nicht nur von ihrem Konflikt: von einer Expedition, die 1916 auf einer antarktischen Insel gestrandet war etwa. Und von einem Mannschaftskoch, der, weil „der Geschmack von Pinguinen, Napfschnecken, Robben und Raubmöwen so unerträglich war“, zu einer besonderen weiteren Zutat greifen musste: Geschichten. Bei Laune hielt er die Besatzung fortan, indem er ihnen die Rezepte ihrer Leibspeisen vortrug.

Schon im Februar hatte das DT zu einem Abend geladen, der auf „Polaris“ aufmerksam machen sollte. Wis­sen­schaft­le­r:in­nen und andere Personen, die schon einmal auf der Neumayer III waren, berichteten von der Zeit vor Ort, eindrücklich auch von den Schwierigkeiten, sich danach wieder in ihren gewohnten Alltag einzufinden. Eine Live-Schalte zu Gockel und seine beiden Hauptdarsteller:innen, die da gerade vor Ort waren, gab es auch. Proppenvoll war das Rangfoyer damals.

Die Berliner Premiere am Freitagabend jetzt ist bereits die zweite Station der Stückfassung. Uraufführung hatte die Expedition „Polaris“ Mitte Mai bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Und nach Berlin geht es weiter ans Théâtre National du Luxembourg.

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Weiter mit dem ganzen Eis, das Julia Kurzweg mit weißen Laken so einfach wie wirkungsvoll auf die Bühne bringt. Geschmeidig, aber undurchdringlich. „Weiß, Weiß, Weiß, Weiß, Weiß“, so wie im Stück eine sechsstündige Fahrt ins Nirgendwo beschrieben wird. Projektionsflächen auch für die Videos, die über Oberflächen und Bildschirme wandern. Sie lenken den Blick, deuten auf die Vielschichtigkeit von Perspektiven hin. Notwendig ist das auch, weil die Geschichte mehr verspricht, als sie hält. Weil es an Tiefe fehlt und weil es nicht wirklich gelingt etwas von dem Gemeinschaftsgefühl, aber auch der Beklemmung, der Isolation, der Monotonie zu transportieren.

„Die Zeit dehnt sich.“ So sei das in der Antarktis, heißt es. Das gilt leider auch für das, was auf der ihr nachempfundenen Bühne geboten ist, obwohl „Polaris“ mit seiner Länge von unter zwei Stunden vergleichsweise kurz ist. Gockels spektakuläre „Wallenstein“-Inszenierung, die kürzlich erst beim Berliner Theatertreffen zu sehen war, dauert schließlich ganze sieben.

Dabei ist die Frage, die letztlich über allem schwebt, ob Literatur, Fiktion, Theater uns davor bewahren können, durchzudrehen, eine, die sich durchaus aufdrängt in krisenhaften Zeiten wie den aktuellen. Ob uns vielleicht Geschichten retten können. Diese hier eher nicht.

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