piwik no script img

Das war das Berliner TheatertreffenDer Arbeiter als Kostüm

Das Spektakel hatte beim diesjährigen Theatertreffen Konjunktur. Die Helden wurden dabei von Nahrung, Menschen und Emotionen gebeutelt.

Standings Ovations gab’s fürs resiliente „Fräulein Else“ (Julia Rieder), inszeniert von Leonie Böhm (Volkstheater Wien) Foto: Fabian Schellhorn

So richtig zu Ende ist das Berliner Theatertreffen, das offiziell am Sonntag sein Ende fand, in diesem Jahr noch nicht: Florentina Holzingers „A Year without Summer“ (Berliner Volksbühne) wird erst im Oktober gespielt werden, zu beschäftigt ist die Regisseurin und Künstlerin gerade damit, den österreichischen Pavillon auf der diesjährigen Venedig-Biennale zu bespielen.

Dessen Eröffnung und das renommierteste Theaterfestival des deutschsprachigen Raumes passieren wie jedes Jahr gleichzeitig im Mai. Dabei ist die nackte Provokateurin, die in der nächsten Woche mit ihrem Team More Spirit Please auch noch die diesjährigen Pfingstspiele in der österreichischen Nitsch Foundation ausrichten wird, in diesem Jahr schon zum vierten Mal unter den zehn besten Inszenierungen eingeladen.

Das Spektakel scheint Konjunktur zu haben, und so las sich auch die Auswahl der diesjährigen Jury, die ihre zehn Besten aus mehr als 700 Stücken in Deutschland, Österreich und der Schweiz auswählte, auffällig sensationell: sieben Stunden Wallenstein! Fünf Stunden pausenloser Monolog! Zwei Stunden Einzelspiel mit Publikumsimprovisation! Krieg! MeToo! Nazis! Kostüme! Alle zittern! Linke!

Mit großer Lust beteiligte sich auch das Publikum am Vorantreiben der Diskussion um große Produktionen, die Leidensfähigkeit unter den Betrachtenden und die kulturellen Signifikanten des Ganzen. In Foyers und Gängen, über Brezeln und Sekt wurde gern übertrieben oder penibel auf ebenjene Übertreibungen hingewiesen: Rechne man die Pausen mit ein, wäre der Wallenstein eigentlich nur fünf Stunden, das tue doch gar nicht weh. Außerdem gebe es Essen und damit auch gleich eine partizipative Erfahrung, wie Moderator Matthias Dell am Montagabend in der Diskussion „Warum ist der Arbeiter nur auf der Bühne Klasse?“ mit Francis Seek, Professorin für Soziale Arbeit, und Rapperin Ebow betonte.

Ein Gespräch, das sich zwar teils um Teilhabe und Zugänge drehte, jedoch insgesamt leider wenig Licht ins Dunkel der durchaus interessanten Frage nach dem regelmäßig fetischisierten Proletariat in der bürgerlichsten aller Kunstformen brachte, sich dafür jedoch recht holprig in Haupt- und Nebenwidersprüchen verstrickte und jedweden Theorieanspruch einfach mit dem autobiografischen Ärmel vom Tisch wischte.

Anlass für Klassenfragen

Dabei hätte man nicht nur anhand Sebastian Hartmanns diskussionsanlassstiftender Inszenierung des „Hauptmann von Köpenick“ des erstmalig eingeladenen Theater Cottbus tiefer in die Materie einsteigen können. Auch Jaz Woodcock-Stewarts Tennessee-Williams-Inszenierung „Die Glasmenagerie“ (Theater Basel) über das bedrückende innere Elend einer vaterlosen Kleinfamilie oder das mit Standing Ovations bedachte „Fräulein Else“ von Leonie Böhm (Volkstheater Wien), in der nur die Sexarbeit der Tochter den Vater vor dem Knast bewahrt, hätten Anlass für Klassenfragen geben können.

Ebenso Sebastian Hartmanns zweites eingeladenes Stück, Michel Houellebecqs „Serotonin“. Die Handlung, ein Rückblick auf das Leben eines deprimierten, misogynen höheren Beamten, strotzte sowohl in den ästhetischen Momenten des Textes als auch in der zurückgenommenen Inszenierung im White Cube nur so von Klassenmarkierungen jedweder Art.

Die taten dem Sog des Monodramas um Florent-Claude Labroustes (Guido Lambrecht) schwindende Libido und Lebenswillen, mit fünf Aufführungen am Potsdamer Hans-Otto-Theater auffällig oft gespielt, jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Mit schaurigem Ekel ließ man sich vom körperlichen und geistigen Verfall von Figur und Darsteller hypnotisieren, entweder in direkter Blickrichtung zur Bühne oder im Foyer, in dem die Besuchenden sich kurz vor dem Livestream erholen konnten.

Dazu gab es, wenn man wollte, Bulette, Kartoffelsalat und Bier an der Bar, während Labrouste im letzten Aufbäumen am Leben in französischen Delikatessen versank und Lambrechts Stimme auch in der fünften Stunde ohne Wasser noch erstaunlich fest und klar in den Saal waberte.

Wenn der Wackelpudding zittert

Überhaupt das Essen. Jette Steckel ließ es von Hendrik Höfgen (Thomas Schmauser) und Barbara Bruckner (Linda Pöppel) im von den Münchner Kammerspielen angereisten „Mephisto“ über die Bühne spucken, während in der zweiten eingeladenen Münchner Inszenierung, Jan-Christoph Gockels umrauntem „Wallenstein“, das Mahl an die Zuschauenden verteilt wurde. In der „Glasmenagerie“ zitterte der Wackelpudding, und „Fräulein Else“ bekam ein Snickers aus dem Publikum geschenkt.

Und so waren es doch vielleicht die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse, die sich ästhetisch ihren sehr analogen Ausdruck suchen. Ein inszeniertes Einverleiben, ob von Speisen, Menschen oder Emotionen, von von Wirtschaft, Sex und Krieg bedrohten Körpern und die permanenten Fragen politischer und moralischer Relevanz beutelten in diesem Jahr Helden auf den Bühnen und das Publikum davor gleichermaßen. Nach dem Fressen kommt die Moral. Ob darauf dann das Exkrement folgt, ist mit Holzingers antizipiertem herbstlichen Nachspiel zumindest nicht ausgeschlossen. Hilka Dirks

Aufgerissene Augen: Thomas Melles „Welt im Rücken“ Foto: Julian Baumann

Der Blick in unsere Abgründe

Das diesjährige Theatertreffen lenkt den Blick immer wieder dahin, wo es wehtut, und lässt ihn dort verweilen: mit den Fingern tippelnd, im Millisekundentakt, mit aufgerissenen Augen, in der Luft. In Luca Bihlers Bühnenadaption von Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ ist Gott vergessen, eine unbekannte Party ruft auf die Straßen, wo alle Zeichen fremd und feindlich sind. Welten entstehen und vernichten sich, wie der Sinn von allem. „Normale“ Leute blickten momenthaft in ihre seelischen Abgründe. Die Person mit bipolarer Störung hingegen sei „gefallen in einen feindlichen Abgrund des Unverständnisses“ und „sich sogar selbst nicht verständlich, grausamerweise“.

Mit rascher Rhythmik marschiert Paulina Alpen (ausgezeichnet in diesem Jahr mit dem Alfred-Kerr-Darsteller-Preis) auf dem rosa Sofa, lachend, dann bestürzt, und rezitiert aus Melles Romanvorlage. Wie das Buch will auch das Stück Abgründe der Manie, Depression und dem Dazwischen nicht verständlich machen, sondern nahebringen. Etwa in sieben gleich gekleideten, clownesk und knallrot Geschminkten, die sich oszillierend zwischen konstant zerfallenden Ichs, Mit­pa­ti­en­t:in­nen der Psychiatrie und gesellschaftlichen Reaktionen über die Bühne jagen. Bis die anderen „Melle eins“ mit einem Pillenregen ruhigstellen.

Die normierte Welt des Gesundheitswesens wirkt dabei selbst wie eine bittere Pille. Zwar können Einweisung und Sedierung vor einem Tod bewahren, aber lassen auch auf eine inexistente Erlösung hoffen. Die normierte Welt aus fixen Identitäten und Moralvorstellungen hingegen wird zwar hinterfragt, doch bleibt vordergründig die Unerträglichkeit ihres Verschwindens.

Verliebte inmitten von Kriegsgewalt

Die Notwendigkeit, auf eine düstere Wirklichkeit zu antworten, werde sich in eine Priorisierung von Inhalt über Form übersetzen. Das prophezeit Sivan Ben Yishai für den Diskurs in der Gegenwartsdramatik. Sie ist eine der Theaterautor:innnen, die in diesem Jahr aufstrebenden Ge­gen­warts­dra­ma­ti­ke­r:in­nen im Format „Mehr Drama!“ eine Bühne geben und sich im Gespräch für Zeiten weiter austrocknender Kulturkassen wappnen. Was logisch klingt, stellt der von ihr ausgesuchte Text in Zweifel. Die Frage nach Liebe im Angesicht des Kriegs verwurzelt Jara Nassar in ihren Eindrücken aus Beirut im Sommer 2024.

In „Hoch und immer höher“ sind es noch Überschallknalle, die Anse und Soufiane hören. Die israelischen Drohnenangriffe, die im September Hunderte töten werden, sehen die jungen Männer voraus. Sie haben verschiedene Zukunftsvisionen, für das Leben gehen oder für das Land bleiben, und drohen bereits wieder auseinanderzubrechen. Die wichtige Arbeit des Textes, den Blick auf den Verliebten inmitten unvorstellbarer Kriegsgewalt zu richten, bremst sich aus in Gesten des Kitschs. Der drängende Inhalt bleibt untrennbar verschränkt mit der ihn transportierenden Form.

Sebastian Hartmanns Fassung von „Hauptmann von Köpenick“ hingegen leidet an mangelndem Respekt am Inhalt. Sich einbrennende Szenen bleiben rar. Etwa wenn das Hauptmannkostüm in scheinbarer Eigendynamik über die Bühne schwebt und die sie tragende Gruppenformierung in den Hintergrund rückt, später Wilhelm Voigt den Erfolg seines Überfalls seinem Kostüm zuschreibt. Allerdings verliert sich die Frage nach der menschlichen Handlungsmacht in einer menschengemachten Ordnung in zahllosen Metareflexionen über Theater. Trauerszenen und lustiger Chorgesang wechseln sich so schnell ab wie die schillernden Kostüme des Ensembles, dass kaum Raum bleibt für den Menschen auf der Bühne. Der Publikumsblick hastet zur nächsten Sensation.

Die Gelenkigkeit unserer Identitäten und Werte untersucht Julian Hetzel im Stück „Three Times Left Is Right“ mit Lust an ihrer Abgründigkeit. Linker Professor und neurechte Publizistin nennen sich in einem Moment Nazi und Nationalmasochist, im nächsten liegen sie in einem Bett. Josse De Pauw und Kristien De Proost bringen verstörend charmant das an realen Personen inspirierte Ehepaar auf die Bühne, wie sich die Neue Rechte wortwörtlich argumentativem Fleisch der Linken zu bedienen weiß.

Schon rollen Schlagwörter wie Solidarität und Empathie; Ausgrenzung und Diskriminierung auf die Bühne, aber diesmal aus ihrem Mund. Das Stück reißt die menschliche Disposition ans Scheinwerferlicht, Überlegenheits- und Inferioritätskomplexe in politische Überzeugungen einfließen zu lassen, Liebe und Hass in Denkmuster. Es ist eine effektive Warnung. Yi Ling Pan

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare