Berliner Museen: Partylaune in der Bildungszone
Bei der 44. Langen Nacht der Museen war die Stimmung besser denn je und lieferte den Beweis, dass auch der eintrittsfreie Museumssonntag zurückkommen muss.
Foto: Jens Jeske
Es ist eine laue Sommernacht, die fast noch als tropisch durchgehen könnte. Abends um sieben liegt über dem Lustgarten eine seltene Berliner Gelöstheit, bei der plötzlich niemand mehr Eile zu haben scheint. Menschen sitzen auf roten Klappstühlen, essen Eis, blinzeln in die letzten Sonnenstrahlen; Straßenmusik mischt sich mit dem Krach der Stadt. Vor dem Alten Museum zieht sich die Schlange durch den ganzen Lustgarten hindurch.
Viele beginnen hier, aufgrund von Infoständen und allgemeiner Angebotsdichte ihre Lange Nacht der Museen. Auffällig ist, wer wartet: sehr viele Junge, viele Gruppen und Menschen, die nicht aussehen, als würden sie jedes Wochenende Ausstellungskataloge wälzen.
Die Lange Nacht der Museen wurde 1997 in Berlin erfunden und wird heute weltweit von 120 Städten kopiert. Sie findet an diesem Samstag zum 44. Mal statt. 75 Häuser beteiligen sich mit etwa 750 Veranstaltungen, nach „Love“ im Vorjahr lautet das Motto diesmal „Crime“. Im Medizinhistorischen Museum der Charité geht es um die Geschichte der Trans*-Medizin zwischen Kriminalisierung und Medikalisierung, im neuen Archäologie-Museum Petri Berlin kann man sich in einer Fälscherwerkstatt versuchen.
Notorischen Kulturmuffeln auf die Sprünge helfen
Das Ticket kostete für Frühbucher 15 Euro, ermäßigt 12; Kurzentschlossene zahlen 23 beziehungsweise 17 Euro. Kein Pappenstiel, angesichts heutiger Eintrittspreise aber fast günstig: Vier Museen schafft man locker, mit Durchhaltevermögen von 16 bis 2 Uhr morgens vielleicht sogar sechs oder sieben. Shuttlebusse und fertige Routen wie „Eine Nacht in den Roaring Twenties“, „(Un-)sichtbare Frauen“ oder „Akte Queer“ helfen selbst notorischen Kulturmuffeln auf die Sprünge.
Zwei Stunden später, Neue Nationalgalerie. Vor der Expressführung durch die kleine Ausstellung „Ruin und Rausch“ steht ein Informatikstudent Anfang zwanzig neben einem Mann aus Indien, der gerade seinen ersten IT-Job in Berlin begonnen hat; eine 17-Jährige aus Bayern ist allein mit dem Flixbus gekommen und unterhält sich mit einer Rentnerin aus Schöneberg, daneben warten ein Paar um die sechzig aus Alt-Lichtenrade, er in Motörhead-Shirt, sie in Clogs.
Sie alle sagen, dass sie eher selten ins Museum gehen. Die Aufsicht weist irgendwann verzweifelt darauf hin, die Ausstellung könne man doch auch an anderen Tagen kostenlos besuchen. Sie unterschätzt den Ehrgeiz dieser Nacht: Wer eine Route begonnen hat, will sie rund machen – und nimmt dafür auch mal eine halbe Stunde Anstehen in Kauf.
Natürlich lebt die Lange Nacht vom Entertainment. Die Cafés und Bars in und um die Museen herum haben offen, es gibt Musik, Shows und Tanz. Gerade darin steckt der größte Reiz, denn so geraten die manischsten Planer*innen auf Abwege und lassen irgendwann das Handy in der Tasche.
Vielleicht landet das Paar aus Alt-Lichtenrade später noch aus Versehen in der Dragshow im Ephraim-Palais, und das Mädchen aus Bayern verirrt sich ins Hugenottenmuseum und hält das nächste Referat über die Bartholomäusnacht. Man kommt wegen des Abends und nimmt etwas mit, nach dem man gar nicht gesucht hat. Eine charmantere Form kultureller Vermittlung ist kaum vorstellbar.
Genau diesen Gedanken hatte Berlin übrigens schon mal breiter – mit einem Format, das noch weniger Hürden hatte als die Lange Nacht. Beim eintrittsfreien Museumssonntag öffneten von 2021 bis 2024 monatlich zuletzt mehr als 80 Häuser; über 2,2 Millionen Besuche kamen zusammen. Das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung belegte, dass überdurchschnittlich viele junge Menschen, Leute mit Einwanderungsgeschichte und auch Nichtbesucher kamen. Ende 2024 strich der schwarz-rote Senat die Finanzierung. Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (CDU) kündigte an, sich für eine Rückkehr einzusetzen, aber Wedl-Wilson ist nicht mehr und Berlin wartet weiter vergeblich.
Hirtenkleidung und flache Hüte
Kurz vor Mitternacht ist das Café des Musikinstrumenten-Museums proppenvoll. Die Dukish Vagabonds spielen, zwei Swingprofis bringen mehr als hundert Menschen in Bewegung. Zwei chinesische Student*innen in Kutten, die an mongolische Hirtenkleidung erinnern, drei Rockabilly-Freundinnen mit flachen Hüten und ein Sechzigjähriger im Fußballtrikot üben unter viel Gelächter und Gedränge Taps, Drehungen und eine Figur, die nicht ohne Grund Vogelscheuche heißt. Die Schritte sitzen nicht immer, die Stimmung schon.
Im vergangenen Jahr kamen knapp 50.000 Menschen zur Langen Nacht; nach dem Andrang dieses Abends könnten es diesmal noch mehr sein. Die beste Beweisführung für die Wiedereinführung des eintrittsfreien Museumssonntags liefert Berlin damit selbst: Menschen müssen nicht erst zum Museum überredet werden. So lange ihnen dort so viel gute Laune entgegenschwappt, gehen sie völlig freiwillig hinein.
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