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Bedrohte Clubkultur in BerlinTausche Party gegen Profit

Ein Investor will ein Hotel neben dem Humboldthain errichten. Um das zu ermöglichen, hat der Bezirk extra ein Grundstück getauscht – für nur 30.000 Euro.

Vier Euro kostet der Eintritt im Humboldthain-Club an einem Dienstagabend. In Berlin eine erfreuliche Überraschung – an anderen Clubtüren ist man schnell mal 25 Euro los. Eine lange Treppe führt in den Außenbereich hinab, neben einer Bar steht eine Tischtennisplatte, an der gerade Rundlauf gespielt wird. Im Innenbereich wummert der Bass. Abends um sechs sind nicht mehr als ein Dutzend Leute anzutreffen, aber es ist ja auch noch früh.

Clubbetreiber Ludwig Eben, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Filmemacher David Lynch aufweist, sieht den Club bedroht. Nebenan will der Investor Periskop Partners – eine Firma, die laut Webseite „innovative Lösungen für ungenutzte Grundstücke ohne Baugenehmigung“ findet und sie bis zur „Baureife“ entwickelt – ein Hotel bauen. Eben fürchtet Lärmbeschwerden: „Ich kann nicht wegen irgendwelcher Beschwerden hier um zehn zumachen. Dann kann ich den Laden auch gleich schließen.“

Das Thema ist kein Neues, seit fünf Jahren beschäftigt der Hotelbau und das dadurch bedrohte Humboldthain nun den Bezirk Mitte und den Clubbetreiber. Dabei hat der Bezirk den umstrittenen Hotelbau erst ermöglicht. Einen entscheidenden Teil des zukünftigen Baugrunds hat der Investor erst durch einen Grundstückstausch mit dem Bezirk erhalten – und zwar, wie eine Einwohneranfrage von Clubbetreiber Eben jetzt herausgefunden hat, für einen äußerst marginalen Geldbetrag.

Ich kann nicht wegen irgendwelcher Beschwerden hier um zehn zu machen.

Ludwig Eben, clubbetreiber

Denn der Investor Periskop Partners stand vor einem Problem: Der zukünftige Hotelgrund war ursprünglich ein zackiges Grundstück mit vielen Ecken und Kanten – kaum geeignet für einen Hotelbau. Zwischen Club und Investorengrundstück lag ein ebenfalls gezackt geformter Spielplatz, der dem Bezirk gehört. Durch den Tausch von zwei Teilflächen – ein Teil Spielplatz gegen einen Teil Baugrundstück – sind nun nicht nur zwei gerade Grundstücke entstanden, beide haben auch erheblich an Wert gewonnen.

BIM ermittelt 30.000 Euro Wertzuwachs

Wie viel, das geht aus einem Gutachten hervor, das Clubbetreiber Eben bei der Fidelius & Römling Bewertungsgesellschaft beauftragt hat: Demnach soll das Investorengrundstück nun 1,2 Millionen Euro mehr wert sein als vorher. Doch für den Grundstückstausch erhalten hat der Bezirk nur 30.000 Euro, wie aus der Antwort auf die Anfrage von Eben hervorgeht.

Lange stand sogar im Raum, dass es sich um einen unentgeltlichen Tausch gehandelt haben könnte. Erst auf die Anfrage von Eben stellte Ephraim Gothe von der SPD, der zum Zeitpunkt des Tausches als Stadtrat unter anderem für das Stadtentwicklungsamt von Mitte zuständig war, klar: Es hat ein Geschäft mit dem Investor stattgefunden. Das kommt Eben komisch vor. „Erst hieß es ja, es gab keine Kohle. Dann gab es doch Kohle. Und dann war die Kohle aber so mini wenig, dass man sich auch fragt, wie hat man das festgestellt?“, wundert er sich.

Den Betrag von 30.000 Euro ermittelte laut Bezirksamt die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) in einem eigenen Gutachten. Einsicht in dieses Gutachten gewährt die BIM der taz nicht. Es handele sich um ein „vertrauliches Grundstücksgeschäft“.

Neues Gutachten zu den Gutachten

Der Grundstückstausch war auch auf der letzten BVV-Sitzung in Mitte vor zwei Wochen Thema. Dabei konnte sich Bezirksstadtrat Christopher Schriner von den Grünen, die im Bezirk Mitte eine Zählgemeinschaft mit der SPD bilden, nicht erklären, wie es zu der großen Differenz der beiden Summen kommt.

„Ich bin hin- und hergerissen, weil …“ – Schriner stockt im Satz, kratzt sich am Kinn, spricht nach einer kurzen Pause weiter – „… es sind verschiedene Gutachter und wir müssen das Gutachten von der BIM ansehen und die Annahmen gegenüberstellen.“ Seine unbürokratische Lösung: „Man könnte ein Gutachten machen, das die beiden Gutachten miteinander vergleicht.“ Das Bezirksamt habe keinen Grund gesehen, am vorgelegten Gutachten der BIM zu zweifeln, sagte Schriner. Der Tausch sei auch im Interesse des Bezirks gewesen.

Wir prüfen gerade, ob wir eine Anzeige am Landesrechnungshof stellen

Martha Kleedörfer, Linken-Politikerin

Martha Kleedörfer von den oppositionellen Linken sieht das anders: „Wir prüfen gerade, ob wir eine Anzeige am Landesrechnungshof stellen, weil offensichtlich hat das Bezirksamt dem Land Berlin dadurch einen Schaden zugefügt.“ Um die Causa aufzuklären, hat sich die Linken-Politikerin in den letzten Monaten durch zahlreiche Bezirksakten gewühlt.

Gewünscht hätte sich Kleedörfer eine Verwendung im Sinne des Gemeinwohls: „Fakt ist, dass hier ein Grundstücksgeschäft zugunsten eines Investors stattgefunden hat. Nicht für eine Kita oder ein Krankenhaus, was einen Mehrwert für die Berliner Stadtgesellschaft gegeben hätte“, sagte sie der taz.

50 Dezibel dürfen beim Hotel ankommen

Tarek Massalme von den Grünen ist auf der BVV optimistischer gestimmt. Den Club sieht er aktuell nicht in Gefahr. Im Bauvorbescheid sind dem Hotelbau Auflagen gemacht. 50 Dezibel dürfen bei den Hotelgästen ankommen – etwa eine normale Unterhaltungslautstärke. Dafür Sorge zu tragen hat das Hotel selbst.

Eben ist damit nicht zufrieden. Er fände eine Grenze von 65 Dezibel angemessen. In jedem Fall wird er aber für den Erhalt des Humboldthains kämpfen. Eine Demo sei in Planung, sagt er, zuletzt hatten auch über 12.000 Menschen eine Petition zum Cluberhalt unterschrieben. „Wir geben so schnell nicht auf“, sagt Eben.

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