Baseballschlägerjahre in Ostdeutschland

Sie waren nie weg

Die Akzeptanz, die es heute gegenüber rechten, rassistischen Einstellungen gibt, ist den 1990er Jahren gesät worden. Jetzt profitiert die AfD davon.

Zeichnung eines Mannes mit Aktenkoffer - der Schatten, den er an die Wand wirft, entlarvt ihn jedoch als Baseball-Schlägertypen

Das Schlimme: Der Straßenterror der 90er-Jahre hat den Boden für eine noch größere Gefahr bereitet Illustration: Katja Gendikova

Unter dem Stichwort „Baseballschlägerjahre“ entwickelte sich in den vergangenen Wochen in sozialen Netzwerken eine Debatte über die massive Gewalt von rechts in den 1990er Jahren. Ausgelöst hatte sie ein Beitrag des selbst im brandenburgischen Frankfurt (Oder) aufgewachsenen Zeit-Online-Journalisten Christian Bangel, in dem erstmals nicht nur Expert:innen und Journalist:innen zu Wort kommen. Sondern auch jene, die diese Gewalt, die sich wie ein brauner rassistischer Faden durch die 1990er Jahre zog, selbst erlebten und von ihr bis heute geprägt sind. Die Erfahrungsberichte im Internet sind beklemmend. Sie berichten von einer Gewalt, die erfuhr, wer als Jugendlicher oder Migrantin ins Feindbildraster rechter Gewalttäter geriet. Und von der Ignoranz der Gesellschaft, die von Angst und Gewalterfahrungen nichts hören wollte. Dies ändert sich nun vielleicht. Denn die gegenwärtige Debatte bietet die Chance, die noch immer weitgehend unerzählte rechtsextreme Gewaltgeschichte sichtbar zu machen.

Wer die „Baseballschlägerjahre“ verstehen will, muss auf den ostdeutschen Bahnhöfen jenseits der Metropolen die Augen auf die Wände der Toi­let­ten und Wartehäuschen richten. Dort lassen sich manchmal die Botschaften nachlesen, die rechte Gewalttäter für die Betroffenen ihrer Gewalt hinterließen: „Zeckengift für undeutsche Ratten“, „Türkenfotzen kaputtgefickt“, „Christenviecher schlachten“. Oder, auf selbstklebendes Papier gedruckt: „Deutschland den Deutschen“, darunter Kameradschaft und Name der Stadt. Diese Botschaften lesen zu können, war und ist eine Frage der Wahrnehmung. Wie auch heute, gab es damals Menschen, die diese Schrift an der Wand nicht lasen, weil sie sie nicht sahen. Sie sahen sie nicht, weil sie nicht betroffen waren. Sie waren nicht betroffen, weil sie nicht zu den Feindgruppen der Gegner gehörten: Migranten, alternative Jugendliche oder engagierte Christen.

Die Zeichen an den Wänden lesen zu können, war wichtig. Die Aufkleber und Tags gaben Auskunft darüber, ob man sich im Zentrum eines von rechten Schlägern dominierten Angst­raums befand, aus dem Neonazis zu gern eine „national befreite Zone“ gemacht hätten. Wer als poten­ziell Betroffener rechter Gewalt lesen und die rechten Zeichen deuten konnte, war klar im Vorteil – und immer auf der Hut. Jeden Moment konnte eine rechte Gang um die Ecke biegen, die nicht zögerte, in die Tat umzusetzen, was die Tags und Spuckies ankündigten: brutale, oft hemmungslos entgrenzte Gewalt.

Wer diese Erfahrung machte oder um solche Erfahrungen wusste, bewegte sich im öffentlichen Raum mit vorausschauender Vorsicht. Straßenbahnen zu bestimmten Uhrzeiten meiden, ganze Stadtviertel meiden oder, wenn nötig, so rasch wie möglich, aber nie zu Fuß durchqueren. So gelang es manchmal, den rechten Schlägern mit und ohne Baseballschläger auszuweichen. Wenn es aber doch kam wie befürchtet, dann war die erfahrene Gewalt nur das eine. Die einschüchternde Nachwirkung auch auf das persönliche Umfeld des oder der Betroffenen war das andere. Wer konnte, zog weg – in eine Stadt, wo die „Baseballjungs“ nicht so übermächtig waren. Wer konnte, gab sich ein unauffälliges Aussehen oder passte gar sein Outfit den Rechten an. Wer dies nicht konnte, weil er oder sie nicht weiß war, hatte Pech: Er oder sie konnte nicht einfach so ausgehen, sich frei durch die Stadt bewegen oder Zug fahren. Für die potenziell Betroffenen hieß dies, sich im öffentlichen Raum unsichtbar zu machen – ganz im Sinne der rechtsextremen Täter.

So ist die Situation bis heute für jene, die sich aufgrund unveränderlicher äußerlicher Merkmale nicht unsichtbar machen können. Sie meiden an Montagen die Innenstadt von Dresden, weil sie wissen, welches Gewaltpotenzial im Pegida-Umfeld lauert. Und so ist das bis heute, wenn rechte Fans Stunden vor den Spielen ihrer Klubs in der Stadt Präsenz zeigen. Man weiß ja nie, was rechte Hooligans – die keine weltanschaulich gefestigten Neonazis sein müssen – tun, wenn sie nach zwei Bier eines „Negers“ oder einer „Zecke“ ansichtig werden. Die Baseballschlägerjahre sind nicht vorbei für jene, die ins Feindbildraster der Rechten passen.

Die rassistische Gesinnung aber ist geblieben. Die geben die Schläger von damals an ihre Kinder weiter. Beim Elternabend reden sie rassistischen Klartext

Die Zeit der Springerstiefel und der Skinheads ist vorbei. Mit ihnen ist aber auch die Erkennbarkeit der Gefahr verschwunden. Früher war deutlich, wer „nur“ beleidigt und schimpft oder wer oftmals ohne ein Wort, aber klar in der Motivation, zuschlug. Diese Gewalt geht heute auch von Menschen aus, von denen es auf den ersten Blick niemand erwartet: Männer, Mitte 40, die erst pöbeln, schimpfen und dann unvermittelt eine Frau mit Kopftuch ohrfeigen oder sie anspucken.

Was ist aus den Schlägern von damals geworden? Jene, die als Gewaltakteure in den 1990ern agierten, sind heute erwachsen und Eltern geworden. Allzu sichtbare Bezüge zum Neonazismus sind verschwunden. Ihre rassistische Gesinnung aber ist geblieben. Diese geben sie an ihre Kinder und deren Umfeld weiter. Sie haben gelernt, sich öffentlich zurückzunehmen. Aber bei einem Elternabend, bei dem es um ein Schulfest mit Flüchtlingen geht, reden sie rassistischen Klartext.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Die Schläger von damals wissen um ihre Vorstrafen. Lange waren sie öffentlich so gut wie unsichtbar. Aber seit den rassistischen Mobilisierungen nach 2015 sind sie wieder da, als seien sie nie weg gewesen. Auf den zahlreichen Bürgerversammlungen zum Thema Flucht und Asyl der Jahre 2015/16 bildeten sie den aktiven Rückhalt für Wortmeldungen, die im Namen „des Volkes“ die Unterbringung von Flüchtlingen ablehnten. Wer genau hinsah, konnte die kaum verhüllte habituelle Mischung aus Männlichkeitskult und Gewaltbereitschaft wiedererkennen – denn auch das Tragen von Gewalt ästhetisierenden Markenklamotten aus dem Kampfsportmilieu außerhalb des Sports kann ein Statement sein. Sie waren unter den ersten regelmäßigen Teilnehmern der Schneeberger Lichtelläufe 2013 und von Pegida in Dresden.

Das Kernmilieu ist jederzeit erreichbar

Die Schläger von damals müssen nicht mehr selbst prügeln. Ihre Erfahrungen und ihre Feindbilder geben sie im Milieu von rechtsdominierten Kampfsportvereinen und Firmen der Sicherheits- und Personenschutzbranche weiter. Sie sind Inhaber von Tattoostudios oder stellen das Personal der Security bei einem Schlagerevent. Manche Größe der ostdeutschen Rocker­szene hat eine gewalttätige Vergangenheit in den Base­ballschlägerjahren und kann die damals erworbenen Fähigkeiten der Drohung und Einschüchterung heute gegenüber zwielichtigen Geschäftspartnern anwenden.

In den ostdeutschen Fußballstadien stellen sie nicht mehr automatisch die Mehrheit der Anhängerschaft. Aber sie sind da, wenn es drauf ankommt, wie das Beispiel der Beerdigung des Chemnitzer Hooliganhäuptlings Thomas Haller zeigte, dem rechtsextreme Hools aus dem gesamten Osten ihre Referenz mit einem „Trauerzug“ erwiesen, den man getrost einen Aufmarsch rechter Gewalttäter nennen kann. Das Kernmilieu, aus dem die Schläger der 1990er Jahre kamen, ist für eine Mobilisierung von rechts außen jederzeit erreichbar, wenn bei ihnen der Eindruck entsteht, es ginge darum, „ihr“ Deutschland zu verteidigen. Sie sind stolz auf alles, was aus dem Westen allzu verkürzt und unter Ausblendung des eigenen Anteils als „Dunkeldeutschland im Osten“ verstanden wird: Rassismus, Affinität zu Gewalt und die militante Ablehnung gesellschaftlicher Diversität.

Das Feld für die normalisierende Akzeptanz, die es heute gegenüber rechten und rassistischen Einstellungen und Politikangeboten (nicht nur) im Osten gibt, ist den 1990er Jahren bereitet worden – einem Jahrzehnt der zeitweisen Hegemonie einer rechten Jugendkultur. Erst hat die NPD die Ernte dieser Saat eingefahren. Jetzt profitiert die AfD von der Normalisierung rechter Politikangebote. Wer bei den Demonstrationen 2018 in Chemnitz und Köthen genau hinsah, konnte es erkennen: Die Gewaltaffinität hat seit den 1990er Jahren eine Kontinuität, die inzwischen nicht nur auf der Straße gelebt wird, sondern auch das Internet als Plattform nutzt. Die neue Generation rechter Ge­walt­täter:innen und ihre Sympathisant:innen ergehen sich in Internetforen in Fantasien eines aus ihrer Sicht herbeigesehnten rassistisch motivierten Bürgerkriegs, die sie mit Filmsequenzen von den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda bebildern.

Die exzessive rechte Gewalt ist nicht vorbei. Sie ist, damals wie heute, eine Frage der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Und zwar jenseits des Kreises der potenziell Betroffenen. Um ihre Stimme und ihre Sichtbarkeit geht es.

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