Reden und Schweigen 30 Jahre nach 1989

Gemeinsam dagegen

Zu viele Menschen im Osten reden über Neonazis und Rassismus so, als ob das alles gar nicht existierte. Es ist aber notwendig, den Mund aufzumachen.

Junge Konzertbesuher tragen den Musiker Materia auf ihren Händen

Wenigstens etwas: Anti-Nazi-Konzert mit dem Rapper Materia in Anklam Foto: Wolfgang Borrs

Wie wollen wir leben? Die Frage könnten wir uns jetzt stellen, so als Ostdeutsche. Texte voll mit dem, was jetzt getan werden sollte und müsste, die gibt es gerade schließlich zur Genüge. Drei Landtagswahlen, jeweils über 20 Prozent für die AfD. Menschen haben noch mehr Angst, sich in Ostdeutschland zu bewegen, zu Recht. Andere möchten einfach ihre Verachtung über die Ossis auskübeln. Nichts, was wir nicht kennen würden.

Aber was wollen wir? Und wer ist überhaupt dieses „Wir“? Im Zweifel alle, die sich angesprochen fühlen. Die, denen Ostdeutschland nicht egal ist. Die aber nicht mehr über Rassismus und Rechtsextremismus reden möchten. Vielleicht, weil sie denken, es ließe sich auch mit der AfD irgendwie leben. Ich kann mich in dieses „Wir“ rechnen, ich bin in den 90er Jahren inmitten von Rechten aufgewachsen. Ich habe mich versteckt, ich war ein Opportunist. Viele meiner Generation waren so, glücklicherweise manche nicht. Ohne sie hätten es die Rechtsextremen in Ostdeutschland noch leichter.

Warum schon wieder über Rechtsextremismus im Osten reden? Weil Richterinnen ihre Arbeit aus Angst, Feigheit oder Überzeugung nicht richtig machen, Polizisten Tode vertuschen. Aktivisten und Journalistinnen mit allerlei Gerät so lange bearbeitet werden, bis sie nicht mehr reden können oder wollen. Starke Männer, die in einer Gemeinde alles im Griff haben, und zwar so fest, dass hier und da auch mal jemand zerquetscht wird. Weil junge Menschen aus dem Land fliehen, weil sie merken, dass etwas grundsätzlich so faul ist im System, dass sie nie sicher sein können, nicht doch gleich durch den Boden zu brechen.

Diese Sätze werden manche leugnen. Zu viele Menschen in Ostdeutschland reden über Neonazis und Rassismus, wie in Italien lange über die Mafia geredet wurde. Die existiere eigentlich gar nicht, es sei eben sizilianische Eigenart, die Dinge unter Männern auszumachen.

Andere Menschen werden fragen: Und was ist mit dem Dortmunder Norden? SS-Siggi? Im Westen gibt es auch Nazis! Fuck Dortmund-Nord. Was interessiert das die Leute in Schwerin, Suhl oder Havelberg eigentlich immer so plötzlich? Wenn es darum geht, ob Straßen gebaut oder neue Buslinien eingerichtet werden sollen, reden wir doch auch nicht von Dortmund-Nord. Wollen wir wirklich noch weitere dreißig Jahre wie Kleinkinder mit dem Finger auf andere zeigen, wenn wir Scheiße gebaut haben? Wollen wir dafür tatsächlich ernst genommen werden? Oder selbst Verantwortung übernehmen?

Soll es so weitergehen?

Wollen wir, dass weiter so viele junge Leute abhauen, sobald sie können? Das liegt nicht nur an fehlenden Kitas, Straßen, Arbeitsplätzen. Wenn man mit weggegangenen Ostdeutschen spricht, wenn man Studien mit Titeln wie „Wer kommt, wer geht, wer bleibt?“ liest, dann wird man recht schnell darauf stoßen, dass Arbeit und Infrastruktur nicht alles sind.

Junge Frauen gehen auch deshalb, weil es an Kultur und Bildung mangelt, weil Firmenchefs sie nicht ernst nehmen. Klar, es gibt sie oft noch, die aus DDR-Zeiten überlieferte Selbstverständlichkeit, dass Frauen arbeiten gehen. Aber dreißig Jahre dominante männliche Nazi-Kultur hinterlassen an vielen Orten Spuren. Mit den Nazi-Ansichten kommt eben auch die Überzeugung wieder, starke Männer sollten das Sagen haben.

Das Rechtsextreme hat sich hier mit den Ausläufern postsowjetischer Männlichkeit synthetisiert, die sich an vielen Orten des ehemaligen sowjetischen Einflussgebietes beobachten lässt: im ukrainischen Donbass, im russischen Kaliningrad, im brandenburgischen Kreis Havelland. Die Revolution 1989 hat dem realen Mackersozialismus Hammer und Sichel aus der Hand geschlagen, viele Männer griffen danach zum Baseballschläger.

Wollen wir, dass weiter so viele junge Leute abhauen, sobald sie können? Das liegt nicht nur an fehlenden Kitas, Straßen, Arbeitsplätzen

David Begrich, langjähriger Beobachter der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt, beschrieb das kürzlich in der Wochenzeitung Freitag so: „Männer, die aus ihrer zum Teil sehr schweren körperlichen Arbeit soziale Anerkennung und Statussicherheit schöpften, verloren mit ihrer Arbeit nicht nur den Lohnerwerb, sondern vielmehr ein ganzes Geflecht sozialer Beziehungen und die aus diesem resultierende Anerkennung.“ Diese Verlusterfahrungen werden ebenso an die Söhne weitergegeben wie die Mechanismen ihrer Kompensation: die Rückbesinnung auf traditionelle männliche Werte und Privilegien und das Faustrecht, diese zu verteidigen.

Wie sagte Björn Höcke auf dem AfD-Parteitag in Hannover 2015? Er sagte: „Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft.“

Die AfD versteht die emotionale Verfasstheit der Männer im Osten sehr gut. Und sie nutzt sie aus. Sie eignet sich das Ostdeutsche so gut an, dass sich viele von dieser Partei sogar das wegnehmen lassen, auf das sie am meisten stolz sein können: die Revolution von 1989. „Vollende die Wende“ – mit solchen Slogans machte die Partei erfolgreich Wahlkampf. Sie dreht das westdeutsche Narrativ des von der großen weiten Welt unberührten Ostdeutschen um und macht daraus die Behauptung einer ostdeutschen arischen Avantgarde, deren Revolution auch Westdeutschland erfassen soll.

Doch Nazi oder nicht – das ist eine Entscheidung, keine ostdeutsche Mutation. Und es gibt diejenigen, die sich anders entscheiden. Diejenigen, die kämpfen. Katja Barthold, eine Gewerkschafterin aus Ostthüringen, kann zum Beispiel darüber sprechen, wie sie in Metallgießereien die Solidarität zwischen Leiharbeitern aus Syrien und Männern aus Thüringen erproben. Oder Danilo Starosta, der für das Kulturbüro Sachsen arbeitet, eine dieser Organisationen in Ostdeutschland, die Gemeinden und andere im Umgang mit Rechtsextremismus beraten.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter. Das Dossier zu "30 Jahren friedliche Revolution" aus der Ausgabe vom 2./3. November gibt es online hier.

Er wäre 2009 von mehreren Männern fast ermordet worden. Er ist vorsichtiger, den Mund hält er dennoch nicht. Neben den vielen Aktivist*innen streiten auch Lokalpolitiker*innen für eine offene Gesellschaft: René Wilke, Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), Martina Angermann im sächsischen Arnsdorf, Thomas Zenker, Oberbürgermeister von Zittau, und Götz Ulrich, Landrat im Burgenlandkreis.

Leider gelten vielerorts diejenigen als Störenfriede, die sich mit den Nazis anlegen – nicht andersherum. Martina Angermann ist nach vier Jahren Bedrohungen und Beschimpfungen von Rechtsextremen zusammengebrochen und seither krankgeschrieben. Viele Engagierte sind krank, gelten als ein bisschen verrückt, ein bisschen zu aggressiv, ein wenig zu laut. Das kann passieren, wenn jemand jeden zweiten Tag die Post aus dem Briefkasten klaut, die Luft aus dem Fahrrad lässt, dem Auto folgt.

Sucht euch Verbündete

Es trifft nichtweiße Menschen zuerst, es trifft Transsexuelle, Schwule und Lesben, es trifft Frauen in Umweltinitiativen und Männer in Demokratieprojekten. Ist uns klar, dass manche Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie für eine Gesellschaft kämpfen, in der Ostdeutsche eine Wahl haben, welches Leben sie führen wollen, ohne dafür wegziehen zu müssen?

Widersprechen, ja, da kann man Angst vor haben. Davor, selbst ausgegrenzt zu werden bei der nächsten Familienfeier, beim Fußballverein, im Dorf. Es kann gefährlich sein. Was hilft, ist, sich andere zu suchen, Verbündete. Menschen, die vielleicht genauso still sind wie man selbst. Nicht alle Schweigenden stimmen zu.

So ein Text von einem, der nach Berlin rübergemacht hat, ganz schon komfortabel, ich weiß. Mir wollte schon lange keiner mehr mit den Füßen auf dem Kopf rumspringen. Es ist nur so, damals, in den 90er Jahren, haben mir die Leute gefehlt, die offen widersprochen haben. Das gab mir das Gefühl, allein zu sein. Gemeinsam widerspricht es sich leichter.

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Daniel Schulz arbeitete in der taz unter anderem für die Ressorts Inland und Wochenende und er leitete das Gesellschaftsressort taz2/medien. Heute führt er zusammen mit Sabine Seifert das Ressort für Reportage und Recherche. Für seinen Essay "Wir waren wie Brüder" erhielt er 2018 den Reporterpreis und 2019 den Theodor-Wolff-Preis.

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