Baerbock und Habeck über Palmer

Rassismus wartet nicht vor der Tür

Die Vorsitzenden der Grünen empfehlen Boris Palmer, die „Tür zum rassistischen Weltbild“ schnell wieder zu schließen. Wenn es denn so einfach wäre.

Zwei Eingangstüren zu alten Mietshäusern

Im Großen und Ganzen ist ihr Haus okay. Aber den Boris treffen Sie nur ungern im Flur. Foto: Daniel von Appen / Unsplash

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einem großen Mietshaus. Es ist ein schönes Gebäude. Vielleicht ein Altbau mit Stuck und hohen Decken, vor dem Krieg gebaut, dann teilweise zerstört und schließlich mit viel Schweiß und Hoffnung auf eine friedliche Zukunft wieder aufgebaut. Sie wohnen dort schon länger, manchmal reden Sie im Flur kurz mit Annalena und Robert von nebenan über das Wetter und machen sich Sorgen um den Klimawandel.

Natürlich ist in Ihrem Haus nicht alles paletti, das wissen Sie. Manchmal schmiert jemand menschenfeindliche Parolen an die Wände im Hausflur, das ärgert Sie. Manchmal sagt Boris aus dem ersten Stock Sätze wie „Wir müssen denen mal erklären, wie Erziehung funktioniert“ nachdem er das Kind einer kopftuchtragenden Nachbarin im Hof hat weinen sehen.

Neulich hat er einen Zettel ans schwarze Brett gepinnt, einen Ausdruck der aktuellen Startseite der Deutschen Bahn. Darauf sind Fahrgäste zu sehen und die meisten von Ihnen sind People of Color. Boris hat mit Filzstift darüber geschrieben „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“.

Darüber können Sie nur den Kopf schütteln. Aber Sie mögen Ihr Haus, und die meisten Nachbar*innen sind ja auch okay. Annalena und Robert zum Beispiel.

Wo ist hier die Tür?

Die beiden konnten die Aktion von Boris nämlich nicht einfach so stehen lassen. Sie sagen also: „Er hat Menschen nach äußeren Merkmalen beurteilt und die Frage, wer zu unserer Gesellschaft gehört, daraus abgeleitet. Beides ist nicht richtig“. Und: „Er hat eine Tür zu einem rassistischen Weltbild aufgestoßen – er sollte sie schnell wieder schließen.“

Sie finden das erst einmal gut. Schließlich muss man sich gegen solche menschenfeindlichen Botschaften wehren. Aber Sie haben trotzdem ein komisches Gefühl, wenn der Hausmeister zum fünften Mal in diesem Monat die hasserfüllten Parolen von der Wand im Hausflur schrubbt. Weil die schon da waren, bevor Boris wieder für Aufregung gesorgt hat.

Rassismus lässt sich nicht weglüften

Rassismus wartet nicht vor der Haustür. Und ein Boris Palmer ist nicht derjenige, der diese Tür auf- oder zumachen kann. Für den Rassismus ist die Haustür vollkommen irrelevant. Weil er immer schon hier war, mitten in diesem Haus.

Reißt die Teppiche raus, die Tapeten ab!

Das rassistische Weltbild war schon beim ersten Spatenstich dabei. Und es war auch da, als das Haus nach dem Krieg mit Schweiß und Hoffnung wieder aufgebaut wurde. Rassismus zieht sich durch die Wände und liegt im Fundament. Er füllt die Flure und die Küchen und die Kinderzimmer.

Ein Haus von Rassismus zu befreien, ist mühsam. Eine ganze Gesellschaft davon zu befreien erscheint oft fast unmöglich. Rassismus lässt sich nicht weglüften. Man muss Teppiche rausreißen und viele alte Schichten Raufasertapete abkratzen. Viele dieser Arbeiten schafft man nicht allein. Besonders dann nicht, wenn manche Nachbar*innen immer wieder rassistische Sprüche an die Wände schmieren oder durch die Flure zischen.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Vielleicht haben Sie das Privileg, an den Schmierereien vorbeigehen zu können. Vielleicht hat Rassismus keine Auswirkungen auf Ihr Leben, abgesehen von kurzen Momenten der Empörung oder des Kopfschüttelns. Für viele Ihrer Nachbar*innen ist das anders. Deswegen ist es gefährlich, wie Annalena und Robert zu behaupten, das rassistische Weltbild würde draußen vor der Tür warten.

Sie müssen keine Energie darauf verschwenden, einem Boris zu sagen, er solle die Türen schließen. Unterstützen Sie lieber diejenigen, die ständig den Dreck wegmachen, nur um am nächsten Tag neuen vorzufinden. Schütteln Sie nicht nur den Kopf, sondern hängen Sie den Ausdruck am schwarzen Brett ab. Laden Sie Ihre neuen Nachbar*innen mal zum Grillen ein. Hören Sie zu.

Es ist schließlich nicht nur ein Haus, es ist ein Zuhause.

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Jahrgang 1990, seit April 2018 bei der taz. Studierte Asien- und Afrikawissenschaften sowie Stadtforschung in Berlin. Interessiert sich besonders für Fragen um Identität und Teilhabe.

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