piwik no script img

Autorin über vererbte Bauernhöfe„Da gibt es großes Konfliktpotenzial“

Miriam V. Lesch hat ein Theaterstück über den Umgang mit einem geerbten Bauernhof geschrieben. Am Samstag wird es in Oldenburg uraufgeführt.

Klaus Irler

Interview von

Klaus Irler

taz: Frau Lesch, ist der Bauernhof noch ein Sehnsuchtsort?

Miriam V. Lesch: Ich denke schon. Es gibt noch das idyllische Bild vom Bauernhof, das man in jedem Bilderbuch findet. Mich hat interessiert zu fragen, was davon stimmt und wo die Bruchlinien sind und keine einheitliche Erzählung mehr davon ausgeht. Aber aus einer städtischen Perspektive gibt es schon nach wie vor viel Projektion und Romantisierung.

taz: In Ihrem Stück „Ein Stück Land“ erben drei Geschwister einen Bauernhof und müssen entscheiden, was sie damit anfangen. Wie haben Sie für das Stück recherchiert?

Lesch: Zuerst gab es eine große Literaturrecherche zu naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Themen rund um Landwirtschaft. Außerdem habe ich Gespräche geführt mit Bauern und Bäuerinnen und viele Interviews gelesen. Und ich komme selbst aus dem ländlichen Raum in Österreich und habe private Bezugspunkte zu dem Thema.

Im Interview: Miriam V. Lesch

35, geboren in Graz, war von 2012 bis 2015 Regieassistentin am Schauspielhaus Graz und an der Schaubühne Berlin. Seit 2015 lebt und arbeitet sie als freischaffende Autorin und Dramaturgin in Wien. Nachdem bereits ihr Stück „Wald“ in Oldenburg uraufgeführt wurde, folgt nun die Uraufführung des Textes „Ein Stück Land“.

taz: Was haben Sie von den Bauern und Bäuerinnen erfahren?

Lesch: Aufgefallen ist mir die Verantwortung, die alle spüren für ihren Hof und die Verbundenheit, die sie mit ihrem Land haben. Auffällig ist auch die viele Arbeit, die damit einhergeht. In Österreich weiß man, dass Landwirte und Landwirtinnen zu einer Berufsgruppe mit sehr hohen psychischen Belastungen gehören. Sie haben das Gefühl, dass das von den Städtern oft nicht wahrgenommen wird. Die Diskrepanz in den Wahrnehmungen hat mich interessiert.

taz: Früher gab es eine weit verbreitete Haltung unter Landwirt*innen, die hieß: „Was man erbt, das hält man.“ Wie ist das heute?

Lesch: Es gibt viele Probleme mit Hofnachfolgen. Es gibt großes Konfliktpotenzial zwischen den Generationen, weil die Nachfolgegeneration vielleicht etwas anders machen will. Abgesehen davon ist es oft so, dass den Hof niemand mehr nehmen will, weil das Leben zu hart ist – es bedeutet, sieben Tage die Woche zu arbeiten und kaum, vielleicht auch nie Urlaub zu machen.

taz: Die drei Geschwister in Ihrem Stück haben unterschiedliche Ideen zum Umgang mit dem geerbten Hof. Eine ist, aus dem Hof ein Urlaubsdomizil zu machen, eine andere, die Fläche als Renaturierungsgebiet für Moore zu nutzen. Die dritte Idee ist, weiterzumachen mit der Landwirtschaft. Setzt sich eine Idee durch?

Lesch: Für mich persönlich nicht. Es gibt in dem Stück nicht die eine richtige Position. Ich fand an dem Thema faszinierend, dass man einerseits immer die globale Perspektive mitdenken muss, weil Entscheidungen, die man landwirtschaftlich in Mitteleuropa trifft, über den globalen Markt auch Auswirkungen auf anderen Kontinenten haben können. Zugleich kann man immer nur mit dem Blick auf den einen Hof entscheiden, was im Einzelfall Sinn macht.

Das Stück

„Ein Stück Land“ von Miriam V. Lesch, Oldenburgisches Staatstheater; Uraufführung: Samstag, 26.9.2026, 20 Uhr; Nächste Termine: am 30.9., 2.10., 14.10., 16.10., 17.10., jeweils um 20 Uhr; am 11.10. um 15.30 Uhr

taz: Der Markt, in dem sich Land­wir­t*in­nen bewegen, ist hart und durchökonomisiert. Wie viel Spielraum bleibt da überhaupt noch, mit der Landschaft umzugehen?

Lesch: Sehr wenig. Die Frage ist, wie viel Spielraum wir als Gesellschaft noch zugestehen. Der Eingriff der Menschen in das Land ist ein wichtiger Akt der Zivilisation gewesen, er hat die Landschaft verändert, macht aber auch etwas mit uns. Es ist eine wechselseitige Beziehung.

taz: In Ihrem Stück gibt es auch Tiere, die sprechen. Was sagen die dazu?

Lesch: Die Nutztiere erzählen vor allem von der jahrtausendelangen Geschichte von Domestikation. In Mitteleuropa sieht man diese Tiere ja kaum noch im öffentlichen Raum, viele sind in Fabrikhallen eingesperrt. Ich war vor drei Jahren in Albanien, da sieht man noch überall Ziegen, Schafe oder Kühe an den Straßen. Ich wollte diese Tiere auf die Bühne holen und ihnen auch eine Sprechposition geben.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare