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Bissige Gesellschaftssatire „Sheep“Die Krone der Schöpfung blökt

Eine Schafherde träumt vom Paradies, ohne zu ahnen, dass ihr Sehnsuchtsort der Schlachthof ist. „Sheep“ ist eine Satire auf Überlegenheitsdenken und andere menschliche Eigenheiten.

Das Schaf erfreut sich in der Popkultur gerade besonderer Beliebtheit: Mit „Glennkill: Ein Schafskrimi“ etwa ist derzeit ausgerechnet Hugh Jackman als Schäfer zu sehen, dessen Herde nach seinem rätselhaften Tod selbst die Ermittlungen aufnimmt. Während der zuckrige Klamauk von Regisseur Kyle Balda vor allem unterstreicht, dass sich mittlerweile aus wirklich allem ein Krimi machen lässt, schlägt die neue deutsch-österreichische Comedy-serie „Sheep“ einen deutlich schärferen Humor an.

Wohl allein schon, weil das Regieduo Leni Gruber und Alexander Reinberg (gemeinsam mit Sebastian Huber auch für das Drehbuch verantwortlich) eine Prämisse wählte, die mehr mit der bitteren Realität zu tun hat: Die Herde, dargestellt von echten statt computeranimierten Schafen, deren Mäuler in der Postproduktion verblüffend präzise zum Sprechen gebracht wurden, lebt auf einem niederösterreichischen Bauernhof – und träumt von der großen Reise zum „Obermoser“.

Schließlich kennen die Schafe den Ort aus der Werbung als Idyll mit satten Wiesen, strahlendem Sonnenschein und glücklichen Artgenossen. Dass dort in Wahrheit der Schlachthof wartet, ahnt zunächst keines von ihnen. Im Gegenteil: In einer Hybris, die der menschlichen erstaunlich nahekommt, halten sie sich für die Krone der Schöpfung. Gleich zu Beginn verkündet Matriarchenschaf Lara, der Birgit Minichmayr ihre wunderbar markante Stimme leiht, die Schafe hätten die Welt bevölkert und lebten in Sicherheit, während andere Lebewesen den Widrigkeiten der Natur ausgeliefert seien.

die serie

„Sheep“

5 Folgen, in der ZDF-Mediathek,

am 24. August 2026 im ZDF

Inszeniert wird diese trügerische Selbstvergewisserung nicht zufällig als augenzwinkernde Variation auf die legendäre „Dawn of Man“-Sequenz aus Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Auch hier erklingt Richard Strauss, während Lara das bequeme Leben der Schafe preist: Der Elektrozaun schütze sie vor Gefahren, die domestizierten Menschen sorgten zuverlässig für Nahrung und Unterkunft. Dass der Elektrozaun sie am Entkommen hindert und der Bauer sich lediglich um seine „Ware“ sorgt, dringt zu einem Weltbild, das die eigene Überlegenheit als Gewissheit versteht, gar nicht mehr durch.

Die Wahrheit schmeckt nach Wurst

Entsprechend groß ist der Widerwille, dem Außenseiterschaf Oliver (Merlin Sandmeyer) Glauben zu schenken, als es am Vorabend des nächsten Transports zum „Obermoser“ eine grausige Entdeckung macht: Die Menschen essen Schafe. Mehr noch: Sie verarbeiten sie zu Wurst, manchmal – „Diese Psychopathen!“ – sogar in Teddybärform. Die Warnung wird vom Rest der Herde schnell als Neid abgetan, schließlich gehört Oliver schon wieder nicht zu den „Auserwählten“, wurde vom Bauern (Markus Schramm) also nicht mit Farbe für den Transport markiert.

Bei dieser überaus treffsicheren Satire auf den Konformismus aber bleibt „Sheep“ nicht stehen. Über nur fünf kurze Folgen hinweg gelingt es, einen herrlich eigensinnigen Figurenkosmos zu entwickeln, der vom „Luftpumpenhans“ – einem Schaf, das wie Hodor aus „Game of Thrones“ nur ein Wort kennt – bis zu einem von Jella Haase gesprochenen Waldschaf reicht, das Pilze konsumiert und die Zukunft sehen kann. Fast nebenbei hinterfragt die Serie so auch den Fleischkonsum und die erstaunliche Fähigkeit, alles Unbequeme auszublenden, was mit ihm untrennbar verbunden ist.

Dass Leni Gruber und Alexander Reinberg aus derlei bestechenden Gedanken keine bloße Thesenrevue, sondern die wahrscheinlich witzigste Serie des bisherigen Fernsehjahres machen, ist das wohl größte Kunststück von „Sheep“.

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