Unfaire Handelspraktiken: Wenn der Preis nicht mal die Produktion deckt
Bäuer*innen weltweit können vom Verkauf ihrer Waren nicht leben. Zivilorganisationen fordern ein Verbot von Dumpingpreisen.
Nach dem Börsenboom von Kakao Ende 2024 kam der Crash. Von einem Rekordhoch von fast 13.000 US-Dollar für eine Tonne Kakaobohnen fiel der Preis bis Anfang 2026 auf 3.000 US-Dollar. Und während von dem Plus beim Höhenflug nur ein geringer Teil bei den Bäuer*innen angekommen war, spürten sie den Absturz umso mehr. Kakao-Bauer Stevis Owuso aus Berekum in Ghana sagte der Ghana News Agency im April, er könne seine Arztrechnungen nicht bezahlen, nicht mehr für den Unterhalt der Familie aufkommen und sich die Schulgebühren für seine Kinder nicht leisten.
In Ghana regelt die staatliche Behörde Cocobod den Export. Sie soll die Preise stabilisieren, indem sie die Bohnen von den Bauern zu einem garantierten Preis abnimmt. Nach dem Crash blieb sie auf den teuren Bohnen sitzen und konnte die Bäuer*innen nicht auszahlen. Die Händler kauften den Kakao hingegen zu Preisen, die meist sogar unter den Produktionskosten lagen.
Ob Kakao aus Ghana, Baumwolle aus Indien oder Milch aus Deutschland – dass Bäuer*innen gezwungen sind, ihre Waren billiger zu verkaufen, als sie sie produziert haben, ist weltweit ein gängiges Problem. Während in der EU ein hochsubventioniertes System eingreift, dass Marktkonzentration begünstigt und zu Höfesterben führt, ist die Realität vieler Bäuer*innen im Globalen Süden ein Leben in Armut. Hinzu kommt: Sie haben wenig Spielraum, um den Ursachen von Ernteausfällen etwa durch Investitionen in Klimaanpassung entgegenzuwirken.
Problem Konzentration
Dabei geht es nicht nur um Nachfrage und Angebot. Vergangene Krisen haben gezeigt, dass eine hohe Marktkonzentration in vielen Bereichen zu einer Übermacht der Lebensmittelhersteller führt, die Profit aus den hohen Preisen schlagen – sei es infolge der Pandemie, Russlands Überfall auf die Ukraine oder zuletzt des Irankriegs.
In Deutschland kritisierte die Monopolkommission vergangenes Jahr, dass während der Pandemie Abnehmerpreise geringer stiegen als Verbraucherpreise. Sie führte dies auch auf die Marktkonzentration zurück: Hier kontrollieren vier Unternehmensgruppen – Edeka, Rewe, Schwarz (Lidl) und Aldi – rund 85 Prozent des Marktes und damit die Preise.
Mit dem Agrarorganisationen-und-Lieferketten-Gesetz gibt es seit 2021 eine Regulierung, die unlautere Handelspraktiken verbieten soll, auch wenn sie Lieferanten aus Ländern außerhalb der EU betrifft. Das Gesetz setzt eine entsprechende Richtlinie der EU um und verbietet etwa verspätete Zahlungen oder kurzfristige Stornierungen.
Zementierte Machtverhältnisse
Aber bei der Umsetzung werden wieder die Abhängigkeitsverhältnisse deutlich. Lieferanten können Beschwerde beim Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) einlegen. Seit 2021 sind 21 Beschwerden eingegangen – keine einzige von Lieferanten außerhalb der EU, teilt das BLE der taz mit. Im Evaluierungsbericht 2025 begründet die Behörde die wenigen Beschwerden mit der „Sorge der betroffenen Lieferanten, dass sich eine Beschwerde bei der Durchsetzungsbehörde negativ auf ihre Lieferbeziehung auswirken könnte“. Viele zögen Beschwerden später zurück.
Einige Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die vor allem kleinere Höfe vertritt, sowie Handelsorganisationen für fairen Handel wie Fairtrade kritisieren eine entscheidende Lücke im Gesetz: Sie fordern ein Verbot von Preisen unter Produktionskosten. Der Vorstoß wird derzeit wieder stärker diskutiert, weil die EU-Kommission die Richtlinie zu unlauteren Handelspraktiken reformieren will. Die Erfahrungen bislang zeigen: Einzelne unfaire Geschäftspraktiken zu verbieten, reicht allein nicht aus, im Kern des Problems steht der Preis.
Appell der Verbände
„Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland, Europa und weltweit müssen von ihrer Arbeit leben können“ und auch Landarbeiter*innen existenzsichernde Löhne zahlen, schreiben die Organisationen in einem Appell. Bäuer*innen müssten zudem in ihre Betriebe investieren können, „um nachhaltiger, produktiver und damit zukunftsfähig zu wirtschaften“.
Vorreiter Spanien
Auf eine kleine Anfrage der Fraktion der Linken hin verweist die Bundesregierung im Juli auf eine Studie des Thünen-Instituts, die 2023 „keinen nachweisbaren Nutzen für ein solches Verbot feststellen konnte“. Das Institut hatte darin das spanische und italienische Verbot des Einkaufs unterhalb der Produktionskosten untersucht. Die Bundesregierung folgt stattdessen den Forderungen der großen Verbände, die Verhandlungsposition der Erzeuger in der Wertschöpfungskette zu verbessern.
Die konventionellen Landwirtschaftsverbände, etwa der Deutsche Bauernverband oder die Bundesvereinigung der deutschen Lebensmittelindustrie, lehnen ein Verbot als Eingriff in die „Preissetzungsfreiheit der Vertragsparteien“ ab. Sie fürchten unter anderem „erhebliche bürokratische und administrative Kosten“ und Wettbewerbsnachteile, wenn Produktionskosten offengelegt würden. Auch die Monopolkommission lehnte in ihrem Sondergutachten ein Verbot für Deutschland aus diesen Gründen ab.
„Faire Erzeugerpreise sind die Voraussetzung für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, hier wie weltweit“, hält Claudia Brück, Vorständin bei Fairtrade Deutschland dagegen.
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