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Ausstellung zum JubiläumEin Karneval, der sich selbst untersucht

Zum Jubiläum des Karnevals der Kulturen am Wochenende gibt es eine Gruppenausstellung. Dabei geht es nicht nur um Pailletten, sondern auch um Politik.

Am Abend der Ausstellungseröffnung im Kunstquartier Bethanien Foto: Daniela Incoronato

Wer das Studio 1 im Kunstquartier Bethanien betritt, prallt erst einmal auf sich selbst. Statt bunter Federn oder geschnitzter Figuren bleiben viele Besucher vor einer wandfüllenden Spiegelinstallation stehen. Daneben fordert ein helles Banner über einem schwarz verhängten Torbogen auf Englisch dazu auf, den „Trick der Institution“ zu enthüllen.

Erst wenn die Gäste sich vom Spiegel lösen und einen schwarzen Vorhang zurückziehen, gelangen sie in den eigentlichen Ausstellungssaal. Zum 30. Jubiläum des Karnevals der Kulturen behandelt die Schau Sichtbarkeit, koloniale Sichtweisen und postmigrantische Selbstermächtigung. Am Mariannenplatz, wo 1996 der erste Berliner Karneval der Kulturen endete, treffen 14 künstlerische Positionen aufeinander.

Selbst von der oberen Galerie aus ist ein unprätentiöser Werktisch in der Mitte des Saals zu sehen. Zwischen Werkzeugen, Skizzen und Stoffbändern liegen drei augenlose Masken der bekannten Figur „China Diabla“ des Künstlers Edmundo Torres. Zwei tragen noch ein menschliches Ebenbild, eine von ihnen bereits die üblichen dämonischen Züge. Chinas Diablas sind weibliche Teufel aus den Anden, die im Rahmen katholischer Feiern erwachen. Der Peruaner stellt nicht nur seine fertige Folklore aus, sondern zeigt die Werkstatt als offene Wunde seines kreativen Prozesses.

Der Karneval der Kulturen

Das Straßenfest vom 22. bis 25. Mai 2026: Vier Tage lang wird der Blücherplatz in Kreuzberg mit rund 900 Künst­le­r:in­nen zur Bühne für globale Musik.

30 Jahre Kinderkarneval (Samstag, 23. Mai 2026): Der von der Kreuzberger Musikalischen Aktion e. V. organisierte 30. Berliner Kinderkarneval der Kulturen startet um 12.30 Uhr mit einem Kostümumzug und einer Kinder-Demo am Mariannenplatz. Unter dem tierischen Motto „Viva el Axolotl – Forever Young!“ (von über 250 Kindern selbst gewählt) zieht die Karawane zum Görlitzer Park, wo bis 19.30 Uhr ein großes Familienfest stattfindet.

Der Straßenumzug (Pfingstsonntag, 24. Mai): Der Umzug findet in diesem Jahr erneut in Friedrichshain statt und beginnt um 13.30 Uhr an der Kreuzung Frankfurter Allee/Proskauer Straße. 67 Gruppen mit über 4.000 Aktiven bringen ihre politischen und tänzerischen Choreografien auf die Straße. Die Route führt bis zur Karl-Marx-Allee.

Nicht weit davon entfernt bleiben einige Besucher lange vor einer Trommelsammlung stehen. An der Wand dahinter hängen Bilder von 2008, die den damaligen Umzug zeigen. Das Kollektiv Ikuku Berlin e. V. rollt die fast 20 Jahre alte Geschichte seines Projekts „The Hidden Passport“ wieder auf.

Damals brachten die Aktivisten eine monumentale, bunt verzierte Ijele-Masquerade der nigerianischen Igbo-Kultur nach Berlin. In einer feierlichen Zeremonie wurde das heilige Objekt damals symbolisch mit dem Ethnologischen Museum verheiratet und verschwand prompt in einem Depot in Dahlem. Einige Besucher diskutieren über Raubkunst, „unsere Verantwortung“ und die Exotisierung durch den Karneval der Kulturen.

Das Kollektiv Ikuku Berlin e. V. rollt die fast 20 Jahre alte Geschichte seines Projekts „The Hidden Passport“ wieder auf Foto: Daniela Incoronato

Den historischen und emotionalen Kreis der Ausstellung schließt Joaquín La Habana. Mit ihm blickt man tief in die Geschichte des Berliner Nachtlebens. Der Tänzer und Choreograf trat genau hier schon vor 40 Jahren auf: im Rahmen seines Festivals „Cubanische Rhapsodie“ für lyrische Salon- und afrokubanische Musik. Seine Performancekostüme stellt er am Treppenaufgang zur Galerie aus. Die Pailletten und bunten Stoffe erzählen von den Anfängen queerer Aktivisten, die den Karneval der Kulturen von Beginn an geprägt haben.

Eine blonde Frau steht allein vor einer Regenbogenmaske, unter der ein gleichfarbiges Outfit befestigt ist. Der Rock reicht aufgefächert fast bis an den Fuß des ersten Treppenabsatzes. Sie schaut sich um, streckt die Hand aus. Die unteren Rockschichten funkeln bei jedem Lichteinschlag in einem anderen Metallicton. Eine Fingerspitze berührt den Stoff, zieht sich schnell wieder zurück. „Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe“, gibt sie leise zu und lacht. „Darf ich das?“

Die Ausstellung ist bis 26. Mai zu sehen, Mo.–Fr. 14–20 Uhr, Sa./So. 12–20 Uhr, Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2.

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