30 Jahre Karneval der Kulturen in Berlin: The Show must go on
Während dem Karneval der Kulturen im Jubiläumsjahr das Geld auszugehen droht, probt die Gruppe Latido Verde unverdrossen für ihren großen Auftritt.
Es riecht nach Grillgut und Benzin. Wochenendgenießer auf der Grünfläche am Gleisdreieck spielen Badminton, trinken Bier und schauen einer Gruppe zu, die unter der U-Bahn-Brücke ihre Formationen übt. Der Song „Nuevayol“ vom puerto-ricanischen Reggaeton-Sänger Bad Bunny gibt ihnen den Takt vor. Weiße Tops, dunkle Hosen. Ganz ohne Kostüme wirken sie wie eine normale lateinamerikanische Tanzgruppe mit Fokus auf den Merengue-Tanzstil.
Die Sonne brennt ihnen im Nacken, während Leiterin Mindy Sanchez die Schritte vorgibt. Nach vorne, zur Seite, zurück. Geschwungene Hüften und ausgestreckte Arme malen ein gleichmäßiges Muster, nur ein paar Amateurtänzer fallen noch aus der Reihe. Der Tanzverein Anclas – Latido Verde nimmt seit dem Gründungsjahr 1996 am Karneval der Kulturen teil, der dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert. Ihr Gruppenthema für das Jubiläum lautet „Unsere Meereswelt“. Es soll um die Schönheit und Harmonie der Ozeane gehen, aber auch um ihre Zerbrechlichkeit durch Plastikmüll und menschliche Eingriffe.
Ähnlich zerbrechlich gestaltet sich die aktuelle Planung der kulturellen Intervention, die wie immer am Pfingstwochenende stattfinden wird. Die Fehlbedarfsfinanzierung des Senats in Höhe von knapp 1,5 Millionen Euro reicht laut Veranstaltern nicht mehr aus, um die immer höheren Kosten zu decken, ihnen fehlten 250.000 Euro. Seit Jahren steige der Preis für Sicherheit, Logistik und Infrastruktur sowie für Reinigung und Sanitäranlagen. „Diese Bereiche machen den Großteil des Budgets aus“, erklärt Anna-Maria Seifert, Co-Direktorin der Großveranstaltung.
So seien etwa Gehälter, Auflagen für Großveranstaltungen und gesellschaftliche Anforderungen an Hygienevorrichtungen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Daher seien einzelne Ideen nicht im ursprünglichen Umfang umsetzbar: „Der in 2024 entstandene Zukunftstraum wird beispielsweise nicht realisiert werden“, gesteht Seifert ein. Dabei handelte es sich um einen interaktiven Raum auf einem Parkplatz am Südende des Blücherplatzes, der geschaffen wurde, um die Grünfläche zu schonen, auf der wie alle Jahre das Straßenfest stattfindet.
Anna-Maria Seifert, Co-Direktorin des Karnevals
Auch die Nachbarschaft des Umzugs in Friedrichshain und zuvor Kreuzberg habe unter den Belastungen durch Lärm und Müll gelitten. Seifert betont, wie wichtig es sei, die Bedürfnisse der Anwohner und Besucher in Einklang zu bringen. Der Grünstreifen im Mittelstreifen der Frankfurter Allee soll etwa abgegrenzt werden, damit er nicht wie im vergangenen Jahr unter trampelnden Feiernden leidet.
An die Anwesenden bei der Ausstellungseröffnung gerichtet sagt sie am Dienstag: „Wenn wir das Hygienekonzept nicht einhalten können, bedeutet das zukünftig mehr Auflagen für uns. Also bitte, überlegen Sie sich vor dem dritten Cocktail noch einmal, ob Sie nicht vorher die Toilette besuchen können.“
Große Kampagne mit kleinem Ergebnis
Zum Jubiläumsjahr rechnet Seifert erneut mit über 1 Million Gästen. Um die Feier dennoch zu ermöglichen, wurde eine große Spendenkampagne gestartet. Bisher ist die Bilanz ernüchternd: Von den 85.000 Euro, die laut Website noch erforderlich sind, konnten die Betreiber durch die Kampagne bisher erst 6.783 Euro sammeln. Acht Prozent der Finanzierungslücke sind damit gedeckt. „Es war und ist aktuell nicht einfach, Kultur in dieser Stadt zu machen“, sagt Seifert bei der Eröffnung der Ausstellung „Vom Sehen und Gesehenwerden: 30 Jahre Karneval der Kulturen“ (s. Kasten). Doch woher soll in weniger als zwei Wochen der Rest kommen?
Die Spendenkampagne soll auch auf dem Karneval selbst noch stattfinden, inklusive Merchverkauf. „Es gibt keine Absage, der Karneval findet statt!“, beteuert Aissatou Binger, Co-Leiterin des Karnevals, bei der Ausstellungseröffnung. Seifert ergänzt: „Im künstlerischen Programm haben wir gemeinsam mit den beteiligten Gruppen Lösungen gefunden, vieles dennoch zu ermöglichen.“
Sponsoring sei neben öffentlichen Mitteln und eigenen Einnahmen ein ergänzender Baustein der Finanzierung. „So, wie es dieses Jahr ist, kann es nicht nochmal sein“, gibt Binger zu bedenken. Der Erhalt der Veranstaltung sei wichtig für das kulturelle Berlin. „Wir machen mehr, als nur ein Festival oder eine Party zu sein.“
Nachhaltigkeit ist ein Vorteil
An der Basis will man sich die Vision für die Karnevalsfeier nicht nehmen lassen. Sanchez hat die Leitung von Latido Verde im Jahr 2020 übernommen. „Vor Corona waren wir eine große Gruppe mit über 50 Personen. Dann kam niemand mehr.“ Mittlerweile bestehe Latido Verde wieder aus 28 festen Mitgliedern, von der Krankenpflegerin über den Elektriker bis zu Kita-Mitarbeitern sind alle möglichen Berufe vertreten. „Wir sind Latinos, die Familie und Freunde mitbringen, und andere, die uns hier im Park sehen und mitmachen wollten.“ Unter den Mitgliedern befinden sich auch wenige Deutsche, in den Pausen zwischen den Liedern wird aber ausschließlich Spanisch gesprochen.
"Vom Sehen und Gesehenwerden: 30 Jahre Karneval der Kulturen" hat 14 Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Generationen eingeladen, ihre künstlerische Arbeit im Kontext des Karnevals der Kulturen darzustellen. Das Ergebnis ist eine spannende Mischung aus dem Karneval als Ort der Befreiung in seinen Anfangszeiten bis hin zur kritischen Exotisierung der Gruppen und Kulturen, die sich dort präsentieren.
Die am Mittwoch eröffnete Ausstellung kann noch bis zum 26. Mai im Studio 1 im Kunstquartier Bethanien entdeckt werden. Am Sonntag, den 17. Mai, ist "Come As You Are: Ein Tag offener Praktiken" geplant: eine Verwandlung des Ausstellungsraums zu einem Ort der Begegnung, bei dem ein Workshop des Künstlers Edmundo Torres, eine Ausstellungsführung von der Kuratorin Juana Awad und ein offenes Forum darüber geplant sind, was der Karneval bedeutet und bedeuten sollte. (Cruse)
Die Finanzierungslücke trifft Latido Verde nicht so hart wie andere Gruppen. Das liegt auch daran, wie sie sich beim Umzug am 24. Mai präsentieren. „Wir brauchen nicht so viel Geld, weil wir einen unmotorisierten Wagen für den Umzug nutzen. Den ziehen einige unserer Familienmitglieder“, erzählt Sanchez. Dieses Jahr sind 67 Gruppen mit 4.050 Teilnehmern zugelassen worden. Bei ihrer Bewerbung sei es ein Vorteil gewesen, einen Wagen ohne Motor zu haben, so Sanchez. Auf Nachhaltigkeit und Emissionen werde bei der Gruppenauswahl geachtet.
„Stoffreste aus dem Vorjahr können wir teilweise auch noch recyceln“, meint sie. Im vergangenen Jahr sei das Thema Wald, Tiere und Pflanzen gewesen. Sanchez und der Rest ihrer Gruppe wollten bei der Planung für das Jubiläumsjahr beim Thema Umweltschutz bleiben. „Warum fokussieren wir uns jetzt nicht aufs Meer? Wir wollen eine Stimme unserer grünen Welten sein. Die Ozeane sind so wichtig für unser Ökosystem.“
Ihr großer Vorteil sei, dass sie keine einheitlichen Kostüme hätten und nicht überall gleiche Materialien benutzen müssten. „Dieses Jahr sind einige von uns als Haie oder Seepferdchen verkleidet, da werden wir alle sehr anders aussehen. Die Kreativität von unseren Leuten ist super.“
Nur noch 390 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 390 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert