Auslassungen über einen Modebegriff: Der Komplexitäts-Komplex
Alle möglichen Sachverhalte sind heutzutage wahlweise „komplex“ oder „unterkomplex“. Das Wort wird nicht nur inflationär verwendet, sondern falsch.
A n einem Tag, an dem man gerade nichts Besseres zu tun hat, kann man sich ja mal wieder über die Nachrichtenlage erregen. Und zwar nicht nur über die Inhalte, das sowieso, sondern auch über die Formen. Man kann sich sogar für Augenblicke über einzelne, inflationär gebrauchte Worte ärgern. Was wir zunächst zeitnah plural problematisieren sollten, sind die gefühlt Tausenden von Erscheinungsweisen des herausfordernden Begriffs „komplex“ in der Mitte der Gesellschaft.
Unser Bundeskanzler will zum völkerrechtswidrigen Übergriff der USA in Venezuela lieber keine Meinung haben, denn „die Rechtslage ist komplex“. Die Zeit erkennt den Feminismus von Taylor Swift, denn „Künstlerinnen als entweder progressiv oder regressiv zu bezeichnen, wird der Komplexität des Lebens nicht gerecht“. Die deutsche Bundesbahn verweigert bei der gedruckten Fahrplanauskunft Informationen: „Gültigkeitstage für eine Darstellung zu komplex“.
Vor allem in der Wirtschaftswelt lauern überall Gefahren des Komplexen. Das unmögliche Möbelhaus Ikea streicht 800 Stellen mit der Begründung: „Wir sind zu komplex in einem Einzelhandelsumfeld geworden, das Geschwindigkeit und Agilität erfordert“. Dem Handelsblatt wird bezüglich der Bürokratie bei der Bankenaufsicht von deren Exekutivdirektor bescheinigt: „Die Regulierung in Deutschland ist zu komplex geworden“. In der Finanzzeitung Cash erfahren wir: „Altersvorsorge ist zu komplex, um sie als Massensparplan darzustellen“. Sogar das Bundesministerium für Gesundheit beichtet: „Seien wir ehrlich: Viele digitale Angebote der Bundesregierung sind zu komplex für die Bürger.“
Die K-Frage
Aber auch in der Weltpolitik muss vieles an der K-Frage scheitern. „Eskorten für Öltanker am Golf: komplex und höchst riskant“. So erfahren wir’s in allen Qualitätsmedien von „Antenne Düsseldorf“ über die FAZ bis zum Traunsteiner Tagblatt. Schließlich mahnt auch Biogena-CEO Albert Schmidbauer: „das Thema Mikronährstoffe ist komplex“.
Und bei „inside digital“ macht man sich Sorgen um die deutschen Steuerzahler: „Zwar funktioniert das auch mit Elster, jedoch ist das staatliche Portal nicht wirklich benutzerfreundlich und die meisten empfinden die Software als zu komplex“. Schließlich kann man auch bei der Freizeitgestaltung verzweifeln. Bei Reddit fleht jemand: „Alles, worauf ich hinarbeiten will, ist zu komplex für mich. Bitte schlag’ mir etwas Einfaches vor.“
Es ist also überhaupt kein Wunder, dass wir uns aufführen wie die Deppen, aufs Smartphone glotzen, beim Italiener Pizza con Wurstel bestellen und Merz, Dobrindt, Reiche, Weimer für eine demokratische Regierung halten: Die Welt ist einfach zu komplex geworden.
Was man nicht richtig findet, ist unterkomplex
Bekanntlich allerdings gibt es Dinge, die so falsch sind, dass auch das Gegenteil bescheuert ist. In unserem Fall handelt es sich dabei um einen gern gebrauchten Vorwurf. Es ist, sagt man dann zu Dingen, die nicht dem eigenen Bild entsprechen, „unterkomplex“.
Das fängt ja schon bei unserer „Kriegstüchtigkeit“ an! Marion Schiefer, CDU-„Fachfrau für Innen und Recht, Justiz, Strafvollzug, Opferschutz, Verfassungsschutz, Extremismus“, erkennt klar: „Bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine war der Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland überwiegend unterkomplex organisiert.“ Oder: „Eine Frau, ein Mensch. Mit allem, was dazugehört: Job, Familie, Gesundheit. Klingt simpel, geradezu unterkomplex“ leitet Dr. Phil. Rebekka Reinhard ihr Buch „Zukunft ist kein Männerding“ ein.
Zu Trumps Forderung nach militärischer Hilfe in der Straße von Hormus heißt es im Focus: „Man mag das unterkomplex nennen. Es bleibt aber der Standpunkt des US-Präsidenten – noch dazu einer, zu dem er nicht stündlich die Meinung wechselt.“ Der darf das, der Trump.
Und nicht einmal Banksy kann sich wehren, wenn sich zu seiner Kunst-Aktion in den Stuttgarter Nachrichten die Frage erhebt: „Unterkomplex oder großer Coup? Abschied vom Schredderbild“. Von der Kunst- in die Alltagswelt, zum Beispiel die der Cloppenburger Fußgängerzone: „Das Geschäftesterben auf das Thema Parkplätze zu reduzieren, ist unterkomplex“, erkennt die Oldenburgische Volkszeitung.
Eine Begriffsverwirrung
Der inflationäre Gebrauch von „komplex“ ist schon deshalb reichlich unterkomplex, weil der Begriff schlicht mit dem Begriff des „Komplizierten“ gleichgesetzt wird. Als komplex aber versteht man – jenseits von Medizin und Architektur – ein System, das zu anderen offen ist, dynamisch, mit einer Vielzahl von Elementen und Beziehungen wirkend und sich durch Rückkopplungseffekte vor Entropie schützend. Ein selbstorganisierendes, letztlich nicht vollständig berechenbares und schon gar nicht kontrollierbares Geschehen. Ja, wirklich, das ist komplex. Man kann aber auch einfach lebendig dazu sagen.
Alles, was lebt, ist komplex. Eine Maschine kann höchstens kompliziert sein. Bei einer Gesellschaft, bei einer künstlichen Intelligenz oder bei einem Text kann man sich da nicht mehr so sicher sein. Da wird die Grenze zwischen dem Komplizierten und dem Komplexen prekär.
Der Massengebrauch von „komplex“ oder eben „unterkomplex“ ist einerseits bloße Rhetorik: „Komplex“ ist das Problem, das ich nicht in den Griff kriegen kann oder will; „unterkomplex“ ist immer das, was die anderen sagen oder tun. In einer Welt, in der alle Probleme zu komplex und alle Lösungsvorschläge zu unterkomplex sind, muss man politische Bewegungen erwarten, die eben das im Programm haben: „Komplexitätsreduzierung“.
In einer komplexen Welt zu leben, ist nämlich verdammt anstrengend, und noch anstrengender ist es, ihr mit Vernunft und Moral zu begegnen. Neben der rhetorischen Rumeierei ist dabei in der Doppelangst vor dem Komplexen wie dem Unterkomplexen noch zu erkennen, wie uns die Unterscheidungsmerkmale abhandenkommen.
Wenn nämlich Rechtslagen, Fahrpläne, Firmenidentitäten oder Bürger*innen-Informationen zu komplex geworden sind, um Aufklärung und Kontrolle zu erlauben, vernebelt es uns die Dialektik zwischen dem komplexen Leben und den komplizierten Regeln, die wir uns dafür gemeinsam geben.
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