Auf dem Weg zur Klimaneutralität: Hamburg will Wasserstoff-Zentrum werden
Wasserstoff spielt eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung von Hamburgs Industrie. Die Voraussetzungen sind gut, doch es fehlt an Abnehmern.
Foto: Christian Charisius/dpa
Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank hatte Ende August einen erfreulichen Termin im Stadtteil Moorburg. Auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks präsentierte sie den Start des Hochbaus für den „HH-WIN H2-Connector“. Dieser werde „eine Schaltstelle für Wasserstoff, das bundesweite Netz und unsere Fabriken und Industrie im Hafen“, zitiert die Welt die Grünen-Politikerin.
Wasserstoff (H2) soll eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Klimaneutralität spielen, insbesondere bei der Dekarbonisierung der Industrie. Das Thema drängt in Hamburg besonders, weil die Stadt aufgrund eines Volksentscheids schon 2040 klimaneutral werden soll – für ganz Deutschland gilt das Ziel 2045.
Das sehr leichte Gas bietet eine Möglichkeit, überschüssige erneuerbare Energie zu speichern. Zugleich kommt es dort zum Einsatz, wo Batterien als Energieträger nicht infrage kommen oder fossile Brennstoffe im Produktionsprozess ersetzt werden müssen, damit dieser klimaneutral wird. Das gilt zum Beispiel für das Fliegen, die Zementherstellung und die Stahlproduktion.
Seit dem erfolgreichen „Zukunftsentscheid“ im vergangenen Jahr muss Hamburg schon bis 2040 klimaneutral sein. Der rot-grüne Senat äußert sich skeptisch – vor allem, weil die Bundespolitik bremst. Ist da was dran? Und was wäre dennoch möglich? Diesen Fragen gehen wir in einer Serie nach, die in loser Folge bis zum einjährigen Jubiläum des Zukunftsentscheids am 12. Oktober erscheint.
Laut dem Zwischenbericht zur Umsetzung des Hamburger Klimaplans 2025 hat der Stadtstaat 2023 rund 43 Prozent weniger CO₂ emittiert als 1990. Bis in vier Jahren sollen es 70 Prozent weniger sein. Die Industrie soll dann noch 1,5 von insgesamt 6,1 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen, 1,4 Millionen Tonnen – und damit fast die Hälfte weniger als 2023. Wasserstoff soll davon 187.000 Tonnen einsparen – nicht so viel, aber unerlässlich, um 2040 auf null zu kommen.
Gute Voraussetzungen am Standort
Die Hoffnungen, die in den Wasserstoff gesetzt werden, sind groß und werden seit Jahrzehnten befeuert, die Anwendung gestaltet sich jedoch als schwierig. Dabei hat der rot-grüne Senat beträchtlichen Ehrgeiz entwickelt, um Hamburg zu einem Zentrum der Wasserstoffwirtschaft zu machen.
Und die Voraussetzungen dafür sind an sich gut: In Norddeutschland gibt es einen Überschuss an Windenergie. Durch den Abriss des Kohlekraftwerks Moorburg gibt es viel Platz am seeschifftiefen Wasser.
Hier können Tanker für den Im- und Export anlegen, hier wäre Platz für eine Anlage, um leichter transportables Ammoniak aus Wasserstoff herzustellen und nicht zuletzt für einen Elektrolyseur mit zunächst 100 Megawatt Leistung, mit dem Wasserstoff erzeugt werden soll. Außerdem gibt es schon den nötigen Stromanschluss.
Neben dem Elektrolyseur, den der städtische Versorger Hamburg Energie gemeinsam mit dem Projektentwickler Luxcara baut, hat die Stadt dem Bau des Leitungsnetzes HH Win begonnen, der die Hamburger Industrie mit H2 versorgen soll. Dieses lokale Netz wird an das bundesweite Wasserstoffkernnetz angeschlossen, sodass Hamburg zum Umschlagpunkt für den Energieträger der Zukunft werden kann.
Schwieriger gestaltet sich schon die Frage, wer den Wasserstoff abnehmen soll. Beim Hamburger Stahlwerk von Arcelor Mittal spricht aus technischen Gründen nichts gegen die Umwandlung von Eisenerz in metallisches Eisen mittels Wasserstoff statt mit Koks oder Erdgas – nur ist der Stoff zu teuer.
„Derzeit sehen wir keine Rahmenbedingungen, die eine wettbewerbsfähige Produktion von grünem Wasserstoff in Deutschland ermöglichen“, schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Das habe eine Ausschreibung 2025 gezeigt. Vor diesem Hintergrund verfolge Arcelor Mittal seine Pläne für eine Umstellung am Standort Hamburg derzeit nicht weiter.
Die von der EU vorgegebenen Rahmenbedingungen schreiben vor, dass Ökostrom, mit dem grüner, also klimaneutraler Wasserstoff hergestellt wird, drei Kriterien genügen muss: Er muss von zusätzlichen Anlagen aus derselben Region kommen und zeitgleich mit der Elektrolyse produziert werden.
„Die Grundmotivation war nicht schlecht“, sagt Mike Blicker, Projektkoordinator des norddeutschen Reallabors für die Energiewende. Bei einem möglichen Boom hätte nicht der gesamte Grünstrom in den Wasserstoff fließen sollen. Stattdessen verknappten die gut gemeinten Kriterien das Stromangebot für die Elektrolyseure und verteuerten den grünen Wasserstoff.
Das wäre kein Problem, wenn es Abnehmer gäbe, die damit ihre Kosten für CO2-Emissionen senken könnten – was an politischen Vorgaben und Marktpreisen hängt, auf die Hamburg allenfalls indirekt Einfluss hat. Das Reallabor habe gemeinsam mit dem Senat in Brüssel Vorschläge gemacht, die scharfen Bedingungen für grünen Strom zu lockern, sagt Blicker. Aber das sei ein langwieriger Prozess.
Abnehmer gesucht
Weil es zurzeit noch keine Abnehmer gebe, die bereit seien, einen kostendeckenden Preis für nahezu emissionsfrei produzierten Stahl zu bezahlen, will Arcelor Mittal die Umstellung in Hamburg aufschieben. „Die derzeit vorgesehenen Förderinstrumente zur Unterstützung der operativen Mehrkosten von grünem Wasserstoff reichen aus unserer Sicht nicht aus“, schreibt das Unternehmen auf Anfrage.
Der Industrieverband Hamburg (IVH) schlägt vor, die Kostenlücke durch Landesförderprogramme – ergänzend zu den Klimaschutzverträgen des Bundes – zu verkleinern. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sowie der Mittelstand benötigten Unterstützung bei der Umrüstung ihrer Anlagen.
Dem Senat gegenüber äußert der Verband seine Standardwünsche: schnelle Planungs- und Genehmigungsverfahren, Flächen bereitstellen. Darüber hinaus solle Hamburg mit seinen Nachbarländern Niedersachsen und Schleswig-Holstein eine Erzeugungs- und Importstrategie austüfteln. Auch regt der Verband ein Technologietransferzentrum mit der TU und der Uni Hamburg sowie dem Zentrum für angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) an.
Schon jetzt habe Hamburg aber eine gute Grundlage für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft. „Die enge Vernetzung von Industrie, Hafenwirtschaft, Energieunternehmen, Logistikakteuren und Wissenschaftseinrichtungen schafft ein starkes Ökosystem, das bundesweit zu den Vorreitern der Wasserstoffwirtschaft zählt“, findet der IVH.
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