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Erneuerbare EnergieWenn der Wind sich dreht

Die Windkraftbranche freut sich über Fortschritte bei den Genehmigungen. Allerdings fürchtet sie den EEG-Neuentwurf der Bundeswirtschaftsministerin.

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen respektabel aus: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden Windräder mit 2.363 Megawatt Leistung neu in Deutschland aufgebaut. „Nur 2017 waren es binnen der letzten zehn Jahre mehr im ersten Halbjahr“, erläutert Jürgen Quentin von der „Fachagentur Wind und Solar“, die die Zahlen präsentierte. Am meisten neue Windräder wurden in Nordrhein-Westfalen aufgestellt, dicht gefolgt von Niedersachsen. „Das Erfreuliche ist, dass die Windenergie jetzt auch in den Südländern anzieht“, so Quentin.

Auch bei den neu genehmigten Anlagen lesen sich die Zahlen gut: Im ersten Halbjahr wurden 1.419 neue Windräder mit einer Gesamtleistung von 9.150 Megawatt zugelassen. „So viele wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr“, sagt Jürgen Quentin von der Fachagentur. Auch hier würden die Südländer nachziehen: „In Bayern allein wurden im ersten Halbjahr so viele Anlagen neu genehmigt wie davor in zwei Jahren.“

Allerdings folgt der zweite Blick auf die Zahlen, und der ist getrübter: Um ihre Klimaziele zu erreichen, hat sich die Bundesregierung als Plan ausgegeben, Windräder mit 145 Gigawatt Leistung bis zum Jahr 2030 ans Netz zu bringen, 115 Gigawatt zu Land und 30 Gigawatt auf dem Meer. Um das Ziel zu erreichen, müssten sich Ende des Jahres 84 Gigawatt auf deutschem Boden drehen, aktuell sind aber noch keine 70 Gigawatt angeschlossen. „Erfahrungsgemäß kommen in der zweiten Jahreshälfte mehr Windräder dazu“, sagt Quentin, der insgesamt 8 Gigawatt Zubau in diesem Jahr als „sehr, sehr optimistisch“ bezeichnet.

Aber wenn so viele neue Windräder genehmigt sind: Könnten dann nicht einfach mehr gebaut werden? „Leider nicht“, sagt der Fachmann – und das liegt an den sogenannten Ausschreibungen: Bis zum Jahr 2017 konnte jeder, der eine genehmigte Anlage, ein Grundstück und einen Bauantrag vorweisen konnte, sein Windrad auch bauen. Seitdem müssen sich potenzielle Investoren in Ausschreiberunden um den Bau bewerben: Sie kalkulieren, zu welchem Preis sie das Projekt realisieren können, der billigste Anbieter bekommt den Zuschlag. „In diesem Jahr stehen aber nur noch zwei Ausschreibungen mit insgesamt 5 Gigawatt Leistung an“, sagt Quentin, eine im August, die andere im November.

Habeck erleichterte Projekte

Immerhin hatte Robert Habeck (Bündnisgrüne) als Bundeswirtschaftsminister das Gesetz so geändert, dass Projekte bis 15 Megawatt auch ohne Ausschreibung gebaut werden dürfen. Dadurch bekamen auch Stadtwerke oder Bürgerenergiegenossenschaften die Chance zurück, sich am Windkraftausbau zu beteiligen. Denn die Kalkulationen für die Ausschreibungen verschlingen schnell 100.000 Euro: Zu den gebotenen Bedingungen muss nach einem Zuschlag tatsächlich auch gebaut werden. Andernfalls wird eine „Pönale“ genannte Strafe fällig: Stadtwerke und Bürgerenergie konnten sich weder Kalkulation noch Pönale leisten.

Und noch eine Zahl trübt die Branche: Es dauert mittlerweile im Durchschnitt 31 Monate, bis ein Windrad ans Netz geht. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es durchschnittlich 11,8. Jürgen Quentin macht dafür auch den Netzanschluss verantwortlich: Die Netzbetreiber ließen sich viel zu viel Zeit. Mehr als 130.000 Menschen arbeiten inzwischen in der Windkraftindustrie.

Allerdings sind diese Sorgen klein, verglichen mit dem Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegt hat: „Die Entwicklung seit 2017 zeigt, dass die Branche lange braucht, um sich zu erholen“, sagte Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie. „Wenn das Gesetz jetzt so beschlossen wird, droht ein Ausbaustopp beim Wind“. Konkret kritisiert Heidebroek den Netzanschluss: Wer künftig ein Windrad baut, hat nach Reiches Entwurf kein Recht mehr darauf, dass dieses auch ans Netz angeschlossen wird. Ein anderes Hindernis sei der geplante „Redispatch“: Windradbetreiber sollen in sogenannten Engpassgebieten nicht mehr entschädigt werden, wenn ihre Anlagen wegen zu viel Strom im Netz zwangsabgeschaltet werden. Die halbe Bundesrepublik wird als „Engpassgebiet“ bewertet.

Maschinenbauer hoffen auf Parlament

„Das Wichtigste für die Branche ist Planungssicherheit“, erklärt Dennis Rendschmidt vom VDMA, dem Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten, der 3.500 Maschinenbauer vertritt – eben auch aus der Windkraftbranche. „Deutschland ist der Leitmarkt in Europa“, so Rendschmidt, und wenn jetzt die Bedingungen derart drastisch geändert würden, sei dies auch eine Gefahr für die bereits – nach den alten Bedingungen – genehmigten Anlagen. Heidebroek verweist darauf, dass der Koalitionsvertrag andere Ziele vorsieht, als die, die Katherina Reiche jetzt mit ihrem Gesetz verfolgt: „Ich hoffe, dass im parlamentarischen Verfahren die größten Hürden noch abgeräumt werden.“

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