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AfD-VerbotZivilgesellschaft in Nordrhein-Westfalen macht Druck

Ein breites Bündnis in NRW fordert von der Landespolitik den Einsatz für ein AfD-Verbot. Unterstützung kommt von einem Holocaust-Überlebenden.

Protestierende mit Plakaten und Luftballons fordern ein AfD-Verbot Foto: Sina Schuldt/dpa

In NRW hat ein großes zivilgesellschaftliches Bündnis den Landtag und die Landesregierung dazu aufgefordert, sich für ein AfD-Verbot einzusetzen. „Treten Sie dafür ein, dass der Bundesrat beim Bundesverfassungsgericht beantragt, ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD durchzuführen“, heißt es in dem „NRW Appell AfD-Verbot“, der an dem kommenden Wochenende offiziell verbreitet werden soll.

Zu den Unterzeichnenden gehören neben den Omas gegen Rechts, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist:innen, dem Landesjugendring, Verdi, dem Bund der katholischen Jugend und den Jugendorganisationen von SPD, Grünen und Linken auch 52 Initiativen aus 29 Städten.

Sie wenden sich an Landtag und Landesregierung, da bisher kein Verbotsverfahren gegen die AfD eingeleitet wurde, obwohl die gesamte Partei vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist. „Schon jetzt sind die engen Verbindungen der AfD zu rechtsextremen Gruppen eine reale Gefahr: Rechtsextreme Gewalt hat auch in NRW einen Höchststand erreicht“, heißt es dazu auf der Webseite der Kampagne.

NRW müsse als „bevölkerungs- und wirtschaftsstarkes multikulturelles Bundesland vorangehen“. Denn die Vielfalt der Ein­woh­ne­r:in­nen NRWs sei seine Stärke. „Wir akzeptieren nicht, dass unsere migrantischen Mit­bür­ge­r:in­nen als Menschen zweiter Klasse behandelt oder ‚remigriert‘ werden sollen.“ Weiter macht die Kampagne darauf aufmerksam, dass die AfD Frauenrechte zurückdrehen, queere Menschen diskriminieren, Inklusion verhindern und politische Gegner mundtot machen will.

„Ich habe es am eigenen Leib erfahren“

Auch Leon Weintraub unterstützt den Vorstoß für ein AfD-Verbot: „Über fünf bittere Jahre lang habe ich am eigenen Leib erfahren müssen, welche Folgen es haben kann, wenn Menschen herabgewürdigt, verächtlich gemacht und erniedrigt werden“, schreibt der 100-jährige Holocaust-Überlebende. „Ich habe während des ‚12 Jahre dauernden 1000-jährigen Reiches‘ gelitten; über vier Jahre im Ghetto in Litzmannstadt, danach in Auschwitz und in drei weiteren Konzentrations-Lagern. Ein sehr großer Teil meiner Familie wurde ermordet.“

Die AfD greift seit Jahren gezielt demokratische Institutionen an und versucht, teilweise erfolgreich, diese lahmzulegen. „Dadurch greift sie auch unsere Demokratie und den Rechtsstaat an. Dass das auch noch über die Parteienfinanzierung durch unsere Steuergelder bezahlt wird, ist ein Skandal“, heißt es in dem Appell zum Verbot. Auch Holocaust-Überlebender Weintraub betont: „Wir dürfen den Feinden des Rechtsstaates und der Demokratie nicht das Feld überlassen.“

Weiter mahnt Weintraub: „Die Verbrechen der Nazis begannen nicht in Auschwitz. Sie begannen mit Ausgrenzung, Erniedrigung und mit Verächtlichmachung der Jüdinnen und Juden und weiterer Minderheiten.“ Dass sich eine Demokratie gegen ihre Feinde wehren muss, sei die entscheidende Lehre aus dem Holocaust, schreibt er. Aus diesem Grund unterstützt er den Appell an den nordrhein-westfälischen Landtag und die Landesregierung: „Leiten Sie ein Verbotsverfahren gegen die AfD ein. Die Geschichte wird es Ihnen danken.“

Auch in anderen Bundesländern wird ein AfD-Verbot diskutiert: Im Dezember hatte die Berliner Regierungskoalition aus SPD und CDU einen Antrag im Abgeordnetenhaus eingebracht, nach dem der Senat sich im Bundesrat „gegen extremistische, verfassungsfeindliche Vereinigungen und Parteien“ einbringen solle.

Der jetzige Appell der zivilgesellschaftlichen Gruppen in NRW an die Landespolitik ist Teil der bundesweiten Kampagne „Menschenwürde verteidigen. AfD-Verbot.jetzt“.

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8 Kommentare

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  • Naja, sind wir doch mal, also wie immer, ganz ehrlich: Wenn wir die AfD verbieten würden ( es also können müssen), wie gehen wir dann mit Trump-Vance USA, Orban, Tesla Musk, Xi, ... um. Auch verbieten?



    Leute, wir brauchen Methoden und Wege den Spuk zu beenden. Weil es an Ideen mangelt soll verboten werden. Kontraproduktiv und hilflos, aus meiner Sicht.

  • In der ZDF-Mediathek findet man eine 4-teilige Doku "Countdown zur Diktatur", die den Zeitraum von 1925 bis 1934 nachzeichnet. Es kommen ausschliesslich Historiker zu Wort, die das Geschehen einordnen. Jeder Person, die Zweifel über ein Verbotsverfahren hegt, sollte sich die 3 Stunden Zeit nehmen um nachzuvollziehen, was sich diese Herrenmenschen der AfD bei der NSDAP abgekupfert und kopiert haben. Es ist erschreckend, wie viele Parallelen es gibt.

    Eine Margot Friedlaender, ein Dr. Weintraub oder ein Albrecht Weinberg sollten wirklich ernst genommen werden!

  • Ja wäre ich auch dafür gewesen, vor 1 Jahr. Oder in 3 Jahren.



    Aber wenn jetzt erstmal wieder nur 1 Jahr darüber gelabert wird, und es dann in 1,5 Jahren begonnen wird, wird es bei der nächsten Bundestagswahl noch nicht durch sein.



    Das würde bedeuten die Wahl fände dann statt, wenn die Afd direkt vorher Monate lang dauerpresent in den Medien ist, mit Opferstatus bei vielen die zusehen.



    Das könnte gewaltig nach hinten los gehen...

  • Leon Weintraub hat recht, doch ein Verbot allein wird nichts bewirken, solange sich die sogenannten demokratischen Vertreter der bürgerlichen Parteien nicht selbst verändern.

    Vom Kanzler über den Innenminister bis hin zur Präsidentin des Bundestages sind sie alle vom Populismus übersättigt. Ihre Alltagssprache und ihre Bemerkungen sind immer wieder von Fremdenfeindlichkeit geprägt – auch dann, wenn es um deutsche Staatsbürgerinnen geht, die lediglich nicht in ihr „Fotoalbum“ passen.

    Seit 70 Jahren prägen italienische und seit 60 Jahren türkische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter Küche und Alltag in diesem Land, doch die weiße Mentalität vieler Deutscher hat sich kaum verändert. Selbst wenn sie viel reisen, bleiben sie innerlich an ihrem Abendbrottisch vor dem Fernseher kleben.

  • Mut kommt durch Machen und erste Schritte.



    Einfach in Thüringen beginnen. Der Fall Höcke-AfD dürfte machbar sein, gleich nach den Wahlen, sodass es auch nicht als unfair erscheint. Vorbereiten sollte man's aber jetzt schon.

    Entweder muss die AfD deutlich mehr als jetzt sich von Verfassungsfeinden distanzieren und lösen - eine CSU II würde nicht verboten -, oder zumindest ihre schmuddlig-fiesen Ecken müssten schließen.

    Nicht falsch verstehen: Zurecht sind Verbotsverfahren mit hohen Hürden belegt. KPD war fragwürdig, SRP jedoch nötig, und auch die NPD wäre fällig gewesen. Denn Demokratie muss sich schützen können - insbesondere, wenn Hass und Zwietracht mit ausländischer Unterstützung angefacht werden sollen, was bei Teilen der AfD leider zu beobachten ist.

  • Weintraub: „Die Verbrechen der Nazis begannen nicht in Auschwitz. Sie begannen mit Ausgrenzung, Erniedrigung und mit Verächtlichmachung der Jüdinnen und Juden und weiterer Minderheiten."

    Und sie begannen mit der Verbrüderung der nationalkonservativen Kreise mit Hitler, siehe Franz von Papen, dessen DNVP 1932 eine Koalition mit der NSDAP einging in dem Glauben, er könne auf diese Weise die Nationalsozialisten einhegen. Welch fürchterlicher Irrtum!

    Genau das gilt es jetzt zu verhindern.

  • Es ist höchste Zeit, das Verbot gegen die AFD endlich zu beantragen. Erschütternderweise kommt vor allem aus CDU/CSU Widerstand dagegen, was himmelschreiend verantwortungslos ist. Stattdessen bricht man dort eine Gespensterdebatte nach der anderen vom Zaun, um unser Sozialstaatsprinzip zu demontieren. Es ist eine Schande. Was für Leute sitzen heutzutage in CDU/CSU. Alles potentielle AFDler?!