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AfD-SchmutzwäscheBad Vibes im Mailverkehr

Nach Kritik an Nazi-Äußerungen aus Niedersachsen gängeln die eigenen Leute den Hamburger AfD-Fraktionsvorsitzenden. Jetzt will er nicht mehr.

Andreas Speit

Aus Hamburg

Andreas Speit

Der nächsten Bürgerschaft wird Jörn Kruse nicht mehr angehören: Bei der Wahl 2020 will der AfD-Fraktionsvorsitzende nicht mehr kandidieren. Zuletzt lief es schlecht für den früheren Professor für Volkswirtschaftslehre. Am vergangenen Montag hatte der AfD-Landesvorstand beschlossen, ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel der Abmahnung gegen Kruse einzuleiten. Der Grund dafür sind seinen Äußerungen zu rechtsextremen Entwicklungen in der Partei.

In einer E-Mail an Parteifreunde hatte Kruse der Bundesführung um Jörg Meuthen und Alexander Gauland vorgeworfen, sich nicht ausreichend von rechtsextremen Bestrebungen abzugrenzen. Der Anlass des Vorwurfs waren die Aussagen des Landesvorsitzenden der Jungen Alternative Niedersachsen, Lars Steinke, über den Hitler-Attentäter Claus Schenck Graf von Stauffenberg. In einem nicht öffentlichen Facebook-Eintrag hatte Steinke Stauffenberg als „Verräter“ bezeichnet. Das gescheiterte Attentat sei bloß ein „beschämender Versuch eines Feiglings“ gewesen, „die eigene Haut vor den kommenden Siegern zu retten“.

„So reden Nazis“

„So reden Nazis“, schrieb Kruse dazu in der E-Mail und beklagte das Fehlen einer schnellen Distanzierung durch die Parteiführung. Via Twitter äußerte sich zwar Gauland mit den Worten „Stauffenberg ist ein Held der deutschen Geschichte“ und legte einen Parteiausschluss Steinkes nahe. Doch für Kruse reichte die Äußerung nur einer Führungsperson nicht und kam offenbar auch zu spät. Der Bundesbeschluss, ein Ausschlussverfahren gegen den Jung-­AfDler einzuleiten, erfolgte auch erst nach Steinkes Äußerung.

Genug ist genug, dachte sich offenbar derweil der Hamburger Vorstand und beschloss einstimmig das Verfahren gegen Kruse. Denn, so der AfD-Landesvorsitzende und stellvertretende Fraktionschef Dirk Nockemann, Kruse stelle „ständig öffentlich die eigene Partei auf dem ungebremsten Weg nach rechtsaußen dar“. Dies entspreche nicht den Tatsachen, sagt Nockemann.

„Diffamierende Angriffe“

In einer E-Mail an seine Vorstandskollegen wirft er seinem Fraktionskollegen zudem „teilweise grob diffamierende Angriffe gegen die eigene Partei“ vor. Dass Gauland sich klar distanziert hat, habe Kruse „bewusst unterschlagen“. Es sei nicht das erste Mal, dass der Fraktionsvorsitzende den anderen Parteien und den Medien die Argumente auf dem Silbertablett liefere, die sie bräuchten, um die ganze AfD zu diffamieren.

Der Beschluss dürfe Kruse in seiner Entscheidung, sich zurückzuziehen, bestärkt haben. Inwieweit er überhaupt noch eine Chance für eine Kandidatur bei der AfD gehabt hätte, darf ohnehin bezweifelt werden.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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3 Kommentare

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  • Andreas_2020

    Also Jörn Kruse ist mir nicht sonderlich sympathisch, aber er war mal SPD-Mitglied und jetzt ist er in einer Partei, wo rechtsextreme Ideen immer unverhollener radiiert werden. Ansonsten ist die AfD in der Bürgerschaft komplett gescheitert. Die Abgeordneten sind so offenkundig überfordert und nicht fähig, ihre Mandate auszuüben, das man sich schon wundert, dass ein durchaus anerkannter Volkswirtschaftler direkt darunter sitzt. Kruse hat mit seinem Einsatz für die AfD sich keinen Gefallen getan: Er ist tief mit dieser Truppe gesunken, anstatt seine Rente zu genießen und sich ab und an auf eine Sitzung von Volkswirten zu begeben, hat er mit lauter Sonderlingen ein Dauerpraktikum in der Bürgerschaft absolviert.

  • Rainer B.

    Selbstverständlich befindet sich die AfD keineswegs „auf dem ungebremsten Weg nach rechtsaußen“ - ist sie doch schon rechtsaußen gestartet und dort verblieben. Das Verfahren jetzt gegen Kruse läßt daran doch auch gar keinen Zweifel offen.

  • Frau Kirschgrün

    Offenbar ist es völlig egal, in welcher Partei, Gesellschaft oder Organisation ein Mensch die Wahrheit ausspricht: Er wird gnadenlos fertig gemacht, denn sie|er stört das gemütliche Sich-selbst-besch…en und das "Besser-sein-als-die-anderen-Gefühl".

    Das ist m. E. so dumm und so deutsch – bei der AfG stört es mich nicht sehr, sollen sie sich gegenseitig "zerrupfen"…

    Wie war das mit den Dichtern und Denkern? Sollte uns zu denken geben, dass da von Wahrheit nicht die Rede ist…