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Abhängigkeit von Öl und GasIn der fossilen Falle

Manfred Kriener

Kommentar von

Manfred Kriener

Der Krieg zeigt: Die Energiewende ist auch volkswirtschaftlich notwendig. Ausgerechnet jetzt setzt die Regierung auf einen klimapolitischen Rollback.

Vor der Küste von Fujairah sind Tanker zu sehen, während der Konflikt zwischen den USA und Israel mit dem Iran weitergeht Foto: Amr Alfiky/reuters

D er Krieg der USA und Israels gegen Iran geht mit unverminderter Härte weiter. In dem kaum noch überschaubaren täglichen Informationskonfetti der Medien sind die vielen Toten, sind Leid und Flucht und die massiven Zerstörungen nur noch eine dunkle Ahnung. Gleichzeitig rückt die weltweite Energieversorgung verstärkt in den Fokus. Denn der Krieg tobt am Persischen Golf, im Nukleus der globalen Öl- und Gasförderung.

Je länger der Krieg dauern wird, desto verheerender werden die Folgen einer drohenden Energieverknappung sein. Inzwischen sind zehn Länder in die Kämpfe verwickelt, unter ihnen auch die fossilen Energieriesen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuweit, Katar und natürlich Iran. Offenbar sind Tanker, Förderanlagen, Raffinerien und Kraftwerke bevorzugte Ziele von Raketen- und Drohnenangriffen; das fossile Herz der globalen Energieversorgung ist entzündet.

Als Folge des Kriegs ist der Preis für Erdgas rasant um bis zu 50 Prozent nach oben geschossen. Katar, einer der wichtigsten Gasexporteure weltweit, war von Iran mit Drohnen angegriffen worden und musste offenbar seine Flüssiggasproduktion drosseln. Auch der schon im Vorfeld angestiegene Ölpreis legte nochmal um zehn Prozent zu. Ein Sprung von aktuell über 80 auf bis zu 100 Euro je Barrel erscheint inzwischen durchaus möglich. Erst recht, wenn der Krieg tatsächlich vier Wochen dauern sollte, wie US-Präsident Donald Trump angekündigt hat.

Die energiepolitischen Sorgen der Importländer richten sich vor allem auf die Straße von Hormus. Die Meerenge zwischen Iran und Oman gehört zu den weltweit wichtigsten Handelsrouten. Dort stehen inzwischen mehr als 100 Versorgungsschiffe im maritimen Stau. Iran hat angedroht, jeden Tanker anzugreifen, der die Meerenge passieren will. Um die 20 Millionen Barrel Öl, also rund ein Fünftel des globalen Tagesverbrauchs von 105 Millionen Barrel, werden täglich über die Straße von Hormus in den Weltmarkt verschifft.

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Ein kaum kalkulierbares Risiko

Beim Flüssigerdgas wird sogar ein Viertel des global gehandelten Volumens über die neuralgische Meerenge transportiert. Die handelspolitischen Auswirkungen des russischen Kriegs gegen die Ukraine werden hier deutlich: Nach dem weitgehenden Stopp von russischem Gas sind die Importe aus den Golfstaaten für die Energieversorgung Europas viel wichtiger als früher. Deutschland verzeichnet zwar nur relativ geringe fossile Einfuhren aus der Kriegsregion – wie etwa Öl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten -, doch wenn die Notierungen an den Weltmärkten das Fliegen lernen, wären, wie die Bundesnetzagentur sanft formuliert, „die Preiseffekte auch in Deutschland spürbar“.

Noch sind Panikreaktionen ausgeblieben. Der größte Teil der Exporte über die Straße von Hormus gehe nach Asien, versuchen einschlägige Experten die Gemüter zu beruhigen. Doch ein steigender Öl- und Gaspreis würde mit zeitlichen Verzögerungen auch die hiesigen Nutzer fossiler Heizungen treffen und – das ist für einige Beobachter die größte Sorge – über die Spritpreise sehr schnell auch die Autofahrer.

Wind- und Solarenergie sind überlebenswichtig für eine immer noch fossil dominierte Weltwirtschaft

So zeigt dieser Krieg mit seinen womöglich heftigen energiepolitischen Folgen vor allem eines: Europa und Deutschland sind trotz vielfältiger Importquellen extrem verwundbar. Die Energiewende ist kein grünes Spielzeug, sie ist bittere Notwendigkeit, um die Abhängigkeiten zu verringern. Die Öl- und Gasversorgung aus Krisenländern, Diktaturen und autokratisch regierten Ländern in instabilen Regionen bleibt ein kaum kalkulierbares Risiko. Oder wie es die Energiewissenschaftlerin Claudia Kemfert formuliert: Deutschland muss die Energiewende nicht nur aus klimapolitischen Gründen vorantreiben, sondern auch als Strategie der nationalen Sicherheit.

Wärmepumpen, Elektroautos, Wind- und Solarenergie sind kein ideologisches Programm, sie sind überlebenswichtig für eine noch immer fossil dominierte Weltwirtschaft. Wenn dann noch die Internationale Energieagentur in ihrem neuesten energiepolitischen Ausblick – ohne den Krieg vorauszusehen – vor Versorgungsengpässen der Ölversorgung in den nächsten Jahren warnt, dann wird erst recht klar, wie essenziell die Abkehr vom fossilen Energiepfad ist.

Die fossile Falle zerstört Klima und Geldbeutel

Es ist frappant, dass der Krieg im Iran in Deutschland punktgenau mit neuen energiepolitischen Weichenstellungen zusammenfällt: mit heftigen Einschnitten in der Solarförderung, mit üppigen Ausbauplänen für neue Gaskraftwerke und vor allem mit der Abschaffung des alten Heizungsgesetzes. Genauer: des Habeckschen Heizungsgesetzes, denn so wird es im politischen Raum gern genannt, um dem ehemaligen grünen Wirtschaftsminister noch einmal einen mitzugeben.

Die Häme des konservativen Lagers, dass die letzten Spuren grüner Wirtschaftspolitik damit beseitigt werden, könnte schnell in Entsetzen umschlagen. Der Krieg könnte den Menschen womöglich bewusst machen, dass sie mit der Verlockung, auch künftig weiter hemmungslos und ohne Gängelung mit Öl und Gas heizen zu dürfen, in eine toxische fossile Falle getrieben werden, die nicht nur das Klima ruiniert, sondern auch den eigenen Geldbeutel. Die Öl- und Gasheizung im Keller, den Verbrenner in der Garage, den für alle Ewigkeiten geöffneten fossilen Supermarkt im Kopf – der neue Krieg könnte diese Trias auf den Komposthaufen der Geschichte befördern. Zwei Ölkrisen haben wir – noch im alten Jahrhundert – bereits erlebt. Eine dritte mit ähnlichen Preisaufschlägen hätte verheerende Folgen.

Ist auch Deutschland von diesem Krieg betroffen? Die Antwort heißt eindeutig ja. Es geht nicht nur um eventuelle Beistandspflichten der Natoländer für die USA und die Türkei oder um die Rückkehr gestrandeter Urlauber, deren Reisen in die Golfregion vom Raketenhagel gestoppt wurden. Es geht um die verwundbare Energieversorgung eines Landes, das sich im fossilen Schützengraben einmauert – während die kostengünstigen umwelt- und klimafreundlichen Alternativen immer unverblümter blockiert werden. Aber was ist eigentlich größer: Die Angst vor Veränderung durch eine Energiewende oder die Angst vor explodierenden Öl- und Gaspreisen und einer Verknappung von Öl und Gas?

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Manfred Kriener
Manfred Kriener, Jahrgang 1953, ist Umweltjournalist und Autor in Berlin. Themenschwerpunkte: Klima, Umwelt, Landwirtschaft sowie Essen & Trinken. Kriener war elf Jahre lang taz-Ökologieredakteur, danach Gründungschefredakteur des Slow-Food-Magazins und des Umweltmagazins zeozwei.. Zuletzt erschienen: "Leckerland ist abgebrannt - Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur". Das Buch schaffte es in die Spiegel-Bestsellerliste und wurde von Umweltministerin Svenja Schulze in der taz vorgestellt. Kriener arbeitet im Journalistenbüro www.textetage.com in Kreuzberg.
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11 Kommentare

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  • Hier geht es um einen signifikanten Unterschied zwischen Tieren und der hochintelligenten Krone der Schöpfung:



    Mir fällt kein Tier ein, das dermaßen dumm ist, sich selbst eine Falle zu konstruieren und dann sehenden Auges wider besseren Wissens mit Hurra hineinzuspringen.

  • Die fossile Falle zerstört Klima und Geldbeutel



    ----



    Mhmm, kann sein! Kommt auf die SEITE an von der wir uns das ansehen!



    "Klima", ist was von "in ein paar Jahren" scheint ziemlich verbreitete Denke!



    Das DAS Thema schon seit 1970 im Gespräch ist, die "paar Jahre" heute VORBEI sind, ist nicht so bekannt! :-(



    UND



    "Geldbeutel", da stellt sich die Frage, "Wessen"! Bei der Mehrheit schrumpft der massiv, bei einer MINDERHEIT wächst der in e-Funktion!



    Btw. Doch was soll's, wie immer, weiter so. Wo kommen wir denn hin, wenn wir die guten Geschäfte mit "Energiequellen usw. vermiesen & auch diesen "Zappelstrom" auch Wind & Sonne umsteigen!



    Die mögliche Antwort: "ZU mehr Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten!", scheint nicht so gerne gesehen/gehört werden! :-(

  • Die üppigen Ausbaupläne der Gaskraftwerke sind schon älter:



    taz.de/Fossiler-Strom/!5987264/

    Das wollen einige einfach nicht wahrhaben und driften jetzt in Lobby-Verschwörungsmythen und Dolchstoßlegenden der Energiewende durch Fr.Reiche ab, die tatsächlich nichts anderes tun kann als Habecks Politik fortzuführen.

    Stromproduktion aus Wind und Photovoltaik ist nunmal extrem volatil, der Ausbau des fossilen Backup alternativlos. Die anderen Scheinlösungen (Wasserstoff etc.) haben sich wie von der Fachwelt erwartet als homöopathische Luftnummern herausgestellt, nie ernstgemeint und als reine Ablenkung für das klimabewusste Wahlvolk fabriziert. Die Enttäuschung wird groß sein, da kommen noch mehr bittere Pillen zu schlucken.

    • @Descartes:

      Die üppigen Ausbaupläne der Gaskraftwerke sind schon älter (...) Stromproduktion aus Wind und Photovoltaik ist nunmal extrem volatil, der Ausbau des fossilen Backup alternativlos...



      ----



      Aha, wieder ein "großer Denker"? :-) Doch bis zu "Ich denke also bin Ich" ist noch ein weiter Weg! :-)



      Btw. Wenn Du anstatt alternativlos, mMn. ein klares "Weiter so!" mal, Speicher, dezentrale Erzeugung, aufgebaute Verbundnetze, nicht nur in DE, sondern Europa weit "denkst", gibt es neben "alternativlos" mit Blick auf die Wetterkarte, nicht nur gedachte sondern sogar "berechnete" Alternative, wenn ernsthaft & rational "Gedacht wird!



      Ps. Musst dabei aber eine "Brandmauer" überwinden!



      Die der politischen & eigenen Interessen, incl. der sehr weit verbreiteten Trägheit der "Masse" nicht "selbst" denken & etwas Bekanntes zu ändern, sondern "Denen da Oben" zu glauben!



      Bevor uns der Himmel, im Wortsinn, auf den Kopf fällt! :-(

  • Keiner schreibt den Bürgern vor, sich neue Öl- oder Gas-Heizungen anzuschaffen. Der gesunde Menschenverstand ist gefragt.

    • @UliFr:

      Der gesunde Menschenverstand ist gefragt.



      -----



      Bist Du da sicher?



      Der o.a. scheint, wenigstens MIR, eine sehr "rare Ressource" geworden oder schon immer gewesen zu sein!



      Denn, das was Du "umschreibst" ist in meiner Sprache "rationales Denken" & das HEUTE zu finden scheint mMn. genau so schwierig zu sein, wie die "Suche" nach dem Urspung des Menschen! :-(

  • Herkules-Aufgaben für die erford. Transformation in d. Klimaneutralität.



    Die avisierten und protegierten Alternativen für den Grünen Wasserstoff sind problematisch:



    "Grüner Wasserstoff hat ein PFAS-Problem – dieses EU-Projekt soll es lösen



    Ohne giftige Ewigkeitschemikalien keine PEM-Elektrolyse – und damit oft kein grüner Wasserstoff. Ein EU-Projekt will das ändern."



    Bei ingenieur.de



    "Trotz ihrer hohen Verbreitung hat die PEM neben der PFAS-Verwendung ein weiteres Problem: PEM-Elektrolyseure benötigen das seltene Platinmetall Iridium, einen der teuersten Rohstoffe der Welt. Das treibt die Kosten für grünen Wasserstoff in die Höhe."



    Weiter dort:



    "Das Ziel der Forschenden: 1 kg grüner Wasserstoff sollte für rund 2 € herstellbar sein. Auf diesem Preisniveau könnte der Energieträger mit seinem fossilen Pendant konkurrieren."



    Das Dilemma:



    Die aktuell hohen Weltmarkt-Preise für Roh-Öl lassen erst wieder Rechenexempel zu, die zunächst als obsolet angesehene Szenarien beschleunigen könnten.



    Insofern ist mancher Schaden für die Wirtschaft ein Segen für die Forschung und Technologieentwicklung im Land der Ingenieure.



    Viele Wasserstoff-Patente insbesondere bei: Linde, Siemens, Bosch und BASF!

    • @Martin Rees:

      Grüner Wasserstoff hat ein PFAS-Problem – dieses EU-Projekt soll es lösen



      ----



      Na ja, aber erst nach mehreren Jahrzehnten!



      Vergleiche AKW & deren Entsorgung!



      Das Thema war schon in der Projektphase akut, wurde aber lange verdrängt! Siehe HEUTE!



      Btw. Auf Deinen richtigen REST will ich gar nicht erst eingehen. Nicht nur Daten, auch Patente sind das "neue Gold" & schafft es, denen die die Gewinne auch heute bekommen, & Ihrer Partei, auch weiterhin den "Zehnten" zu genießen!



      Entweder s.o. oder als ERBE!



      Ps. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das ein Reicher in den Himmel kommt!(c) Bibel, doch das scheint selbst Politikern mit "christlichen roots" nicht mehr "im Kopf zu sein"!



      DER ist wohl mit Gedanken an "Anschlussverwendung" voll?!?!

  • Solange die Leute sich von Bild, welt und €DU€$U ihre Gehirne verkleben lassen und solange die spd diesen Anti-Energiewendekurs weiter unterwürfig und dumm abnickt, wird sich nichts ändern. Eine wie auch immer geartete 'learning curve' in der Bevölkerung sehe ich nicht.



    Span und Reiche müssen weg. Das Spritkartell gehört zerschlagen. Verbrennerauto- und Gas-Lobby-Politiker gehören ins Museum. So schnell wie möglich.

  • Grundsätzlich ist die Idee d. Energiewende richtig u. macht unabhängiger, aber früh wurden internat. Alternativen gebaut:



    "Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, auch BTC-Pipeline oder Transkaukasische Pipeline, ist eine Pipeline, die Rohöl von Ölfeldern aus Aserbaidschan und Kasachstan am Kaspischen Meer nach Ceyhan an der türkischen Mittelmeerküste transportiert. Die Inbetriebnahme dieser 1760 Kilometer langen Ölpipeline begann 2005. Sie soll den Westen vom Rohöl aus der Region am Persischen Golf unabhängiger machen."



    de.wikipedia.com



    f. Gas der europ. Paradigmenwechsel schon v. Putins Überfall:



    "Die Baltic Pipe (deutsch etwa Ostsee-Rohr, Baltische Röhre) ist eine Erdgasleitung von Dänemark durch die Ostsee nach Polen. Damit können bis zu 10 Mrd. Kubikmeter norwegisches Erdgas pro Jahr aus der Europipe II Richtung Osten transportiert werden. Bei Bedarf kann Erdgas auch von Polen in Richtung Dänemark gepumpt werden. Das Baltic Pipe Project ist eines von acht Gas-Pipeline-Teilprojekten im Rahmen des [EU]-Projektes Baltic Energy Market Interconnection Plan (BEMIP).



    Die Baltic Pipe wurde am 27. September 2022 von Regierungsvertretern aus Polen, Dänemark und Norwegen eröffnet."



    Quelle idem