ARD-Serie „Schwarzes Gold“: Fortschritt und Untergang
„Schwarzes Gold“ zeigt den Ölboom in der Lüneburger Heide um 1900. Zu sehen sind Stars, Umweltsünden und etwas viele Cowboyhüte für Norddeutschland.
Eine historische Dramaserie mit Liebesplot und Machtkämpfen kann zu kaum einem besseren Zeitpunkt veröffentlicht werden als zu den Weihnachtstagen. Sich über die deutsche Geschichte weiterbilden, Lebkuchen essen und dabei durch Verrat und Intrigen von eigenen Familienstreitigkeiten abgelenkt werden – das dürfte für viele Zuschauer eine verlockende Vorstellung sein. Das ARD-Spektakel „Schwarzes Gold“ kommt dieser Tage also genau richtig.
Ein bislang wenig beachtetes Stück deutscher Geschichte soll gezeigt werden: der Ölboom in der Lüneburger Heide um 1900. Johanna (Harriet Herbig-Matten) lebt in ärmlichen Verhältnissen, als entdeckt wird, dass sich unter den Feldern ihrer Familie Erdöl befindet. Der perfide Großbauer Wilhelm Pape (Tom Wlaschiha) geht indes in seiner Geldgier über Leichen, um durch die Ölförderung reich zu werden. Eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen: Johanna und Papes Sohn Richard (Aaron Hilmer) sind seit Kindheitstagen Seelenverwandte. Als die Skrupellosigkeit von Richards Vater allerdings Johannas Familie zerstört und der Wanderarbeiter mit den traurigen Augen (Slavko Popadic) auftaucht, wird alles immer komplizierter.
Der unerbittliche Fortschritt
Zentral für die Handlung sind die Frauen, die im Hintergrund die eigentlich plottragenden Figuren sind – sie organisieren den Aufstand gegen die mächtigen Männer, verwalten das Geld ihrer Familien, arrangieren Ehen, reden ihren Gatten ins Gewissen. Die Unerbittlichkeit, mit der „Fortschritt“ als Legitimation für menschenverachtende Arbeitsbedingungen und gewissenlose Umweltverschmutzung genannt wird, ist dabei aufs Heute übertragbar: „Nehmt den Wandel an oder geht unter“, wird zu den Dorfbewohnern gesagt, die um ihr Land betrogenen werden und unter Wasserverschmutzung leiden. Dann wird weitergebohrt.
Die Besetzung der Serie ist hochkarätig: Mit Herbig-Matten („Maxton Hall“) und Wlaschiha („Game of Thrones“, „Stranger Things“) sind zwei international gefeierte deutsche Stars am Set. Gwendoline Christie („Game of Thrones“, „Severance“) konnte ebenfalls für die Produktion gewonnen werden, die Filmmusik erschuf kein Geringerer als Hans Zimmer, gemeinsam mit Aleksey Igudesman. Allein dieser personelle Trumpf macht die Serie unter der Regie von Nina Wolfrum und Tim Trachte sehenswert, und die Intention, weniger bekannte deutsche Geschichte seriell zu verfilmen, ist zu befürworten.
Ein wenig mehr technische Akkuratheit wäre allerdings hilfreich gewesen – wie genau das Öl abgebaut wird und in welchen wirtschaftlichen Dimensionen wohin verkauft, bleibt ungeklärt; die Serie verbleibt bei Arbeitern mit dreckverschmierten Gesichtern, die Fässer rollen und abends Schnaps trinken. Gleiches gilt für die Sprachlichkeit der Serie, die erstaunlich unambitioniert modern bleibt. Die Western-Ästhetik wirkt außerdem überstrapaziert (muss wirklich jede Figur einen Cowboy-Hut tragen?) Um an die US-Serie „Yellowstone“ ranzukommen (hier geht es ebenfall um Öl-Bohrungen und Cowboy-Hüte), fehlt dann doch Kevin Costner. Und das moralisch Integre des feministischen Arbeitskampfes scheint mitunter die realistische Recherche zu übertrumpfen – aber gerade an Weihnachten tut ein bisschen moralischer Unterbau ja auch ganz gut.
„Schwarzes Gold“, sechs Folgen, jetzt in der ARD-Mediathek und am 29. 12. um 20.15 Uhr in der ARD
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert