25 Jahre Mauerweg in Berlin: Kein Ende der Geschichte
Seit der Mauerweg vor 25 Jahren eröffnet wurde, bietet Grünen-Politiker Michael Cramer Touren an. Dabei gibt es jedes Mal etwas Neues zu erzählen.
„Was macht Ihr da? Eine Demo?“, ruft ein Mann, der auf einem Hocker vor einem Späti sitzt. Samstagnachmittag, Berlin-Kreuzberg, Schlesische Straße, Ecke Cuvrystraße. 80 Radfahrer*innen ziehen vorüber, vorne weg Michael Cramer, es ist der erste Mauerstreifzug dieses Sommers. Der langjährige Grünen-Politiker Cramer organisiert die Radtouren seit 25 Jahren. Alle zwei Wochen ist ein anderes Teilstück dran, insgesamt 160 Kilometer, einmal um Berlin herum. Dass das überhaupt möglich ist, ist Cramers Verdienst.
Diese Etappe beginnt am Potsdamer Platz. Hier grenzten nach Kriegsende der sowjetische, der britische und der US-amerikanische Sektor aneinander, die Mauer verlief ab 1961 direkt über den Platz. Cramer, 1949 in Nordrhein-Westfalen geboren, schiebt sein blaues Fahrrad zur Seite, holt ein Megafon hervor, deutet auf den grünen Turm hinter sich und erzählt: Das war die erste Verkehrsampel Deutschlands, erbaut 1924. Staunen bei den Zuhörer*innen, viele wussten das noch nicht. Bei Cramers Radtouren geht es vor allem um die Mauer, aber immer auch um andere historische und politische Geschehnisse, die Berlin geprägt haben.
Lange hält sich Cramer nicht am Potsdamer Platz auf, vier Stunden Radtour liegen vor der Gruppe. Von hier geht es weiter am Berliner Abgeordnetenhaus vorbei. Schräg gegenüber, vor dem Dokumentationszentrum Topographie des Terrors – der ehemaligen Gestapozentrale –, ist noch ein langes Stück Mauer erhalten. Was nicht ganz selbstverständlich ist, wie Cramer erzählt. Nach dem Ende der DDR wollten viele Berliner*innen die Mauer komplett entfernen, und so wurde ein Großteil demontiert. Den Bereich in der Niederkirchnerstraße ließ die damalige Stadtentwicklungssenatorin Michaele Schreyer (Grüne) unter Denkmalschutz stellen. Cramer erinnert sich: „Die Leute sagten damals, die Grünen sind verrückt, die wollen die Mauer wieder aufbauen.“
Seit 2001 fährt Cramer über die Sommermonate mit Interessierten den ehemaligen Grenzstreifen entlang, und immer gibt es etwas Neues zu erzählen. Dieses Mal ist es ein neuer Name für den Platz vor dem Abgeordnetenhaus: Anfang Mai wurde er nach der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer benannt.
Frühe Versuche, späte Vollendung
Versuche, nach der Wende den Mauerstreifen rund um Berlin zum Fahrradweg auszubauen, gab es schon früh. In Neukölln beispielsweise zeichneten Anfang August 1990 Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) zwischen Kiefholzstraße und Lohmühlenplatz Radfahrerzeichen auf den Asphalt zwischen den beiden Mauern. Viele Umwelt- und Verkehrsinitiativen – und schließlich auch die Grünen – schlossen sich der Forderung des ADFC an, einen Rundweg entlang des ehemaligen Grenzstreifens zu einzurichten. Bis es so weit war, sollte es aber noch über zehn Jahre dauern.
Im November 2000 brachte die Grünen-Fraktion einen Antrag im Abgeordnetenhaus ein. Das Ziel war, „den auf dem Berliner Stadtgebiet liegenden Rad- und Wanderweg, den ehemaligen ‚Zollweg‘, als öffentlichen Weg auszuweisen und dafür zu sorgen, dass er ohne weitere Unterbrechung erhalten bleibt“. Im April 2001 war es so weit: Das Parlament stimmte dem Antrag zu.
Die Touren Noch bis zum 5. September lädt die Grünen-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses alle zwei Wochen samstags zu Radtouren entlang des ehemaligen Grenzstreifens ein. Nächster Termin: 27. Juni, S-Bahnhof Lichterfelde Süd bis Potsdam Hauptbahnhof. Die Teilnahme ist kostenlos.
Die Geschichten Die taz ist den Mauerradweg im Jahr 2009 abgefahren und 15 Geschichten entlang der ehemaligen Grenze aufgeschrieben. Alle Teile sind hier gesammelt.
Im selben Jahr startete Cramer die ersten Mauerstreifzüge. Die Grünen publizierten parallel dazu eine kleine Broschüre – den Vorgänger des Radwanderführers „Berliner Mauer-Radweg“. Autor Michael Cramer ergänzte den Tourenführer über die Jahre immer wieder, 2025 erschien die 11. überarbeitete Auflage.
Zu den Hochzeiten der Coronapandemie fielen die Radtouren in zwei Sommern aus, berichtet Cramer. Ansonsten war der Politiker fast immer auch selbst dabei, wenn er nicht wegen seiner Tätigkeit als Europaabgeordneter anderweitig unterwegs war. In der Funktion sorgte er auch dafür, dass der Fernradweg „Eiserner Vorhang“ über 10.600 Kilometer ausgebaut wurde.
Vorfahrt für Rudi Dutschke
Weiter zum Checkpoint Charlie: Wie jeden Tag stehen Menschen Schlange, um Gruppenfotos vor dem ehemaligen Grenzübergang zu machen. Die Radler*innen halten erst ein paar Meter weiter in der Zimmerstraße. Dort erinnert eine Stele an den Mauerflüchtling Peter Fechtner, der gerade einmal 18 Jahre alt war, als er von 34 Schüssen getroffen wurde.
Cramer zeigt in Fahrtrichtung: „Zu Mauerzeiten konnte man hier nicht weiterfahren.“ Vor der Gruppe ist das Gebäude des Axel-Springer-Verlags zu sehen, das über Jahrzehnte direkt an der Mauer stand. Cramer erzählt von der Umbenennung der parallel verlaufenden Kochstraße, in der das frühere taz-Haus lag, in Rudi-Dutschke-Straße.
Die Initiative war von der taz ausgegangen, eingeweiht wurde der neue Straßenname 2008, zum 40. Jahrestag des Attentats auf den Studentenführer. Nicht nur lag so die taz bis zu ihrem Umzug in der Rudi-Dutschke-Straße. Cramer weist auch auf einen anderen Grund hin, genau diese Straße nach dem Aktivisten zu benennen: Sie trifft hier auf die Axel-Springer-Straße. An dieser Stelle protestierten Studierende nach dem Attentat auf Dutschke am 11. April 1968 gegen die Springerpresse, der sie eine Mitschuld an der Tat gaben.
Megafon auf den Gepäckträger, aufsteigen aufs blaue Rad und weiter. Die meiste Zeit begleitet ein Streifen doppelreihiges Kopfsteinpflaster die Gruppe, der den ehemaligen Verlauf der Mauer markiert. Straßenschilder verweisen auf den Mauerweg. Die meiste Zeit geht es über Asphalt. Auf der Waldemarstraße, von der man hinunter aufs Engelbecken blicken kann, holpern die Räder über Kopfsteine. Gerade erst habe er den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg noch mal darauf hingewiesen, sagt Cramer, und der wolle sich nun kümmern, dass auch hier das Radfahren angenehmer wird.
Das ist unser Haus
Am Bethaniendamm hält die Gruppe vor dem von Ton, Steine, Scherben besungenen Georg-von-Rauch-Haus an, Cramer erzählt, dass auch er sich Ende der 70er Jahre an Hausbesetzungen beteiligt habe. Zugezogen aus Westdeutschland und gerade Lehrer in Neukölln geworden, sei er einmal von der Polizei festgenommen worden und habe es morgens nicht rechtzeitig zur ersten Stunde in die Schule geschafft.
Vorbei am Baumhaus auf einem kleinen Stück Niemandsland an der Mauer, wo der Kreuzberger Osman Kalin in den 80er Jahren einen Gemüsegarten anlegte, geht es schließlich an der East Side Gallery entlang – einem weiteren erhaltenen Mauerabschnitt. Autofahrer hupen, weil einige der 80 Radler*innen auf der Autospur fahren. „Ist ja gut!“, ruft Cramer ihnen entgegen, beim nächsten Hupen entfährt ihm ein „Vollidiot!“.
Nächster Halt Oberbaumbrücke. Ein Mann kommt hinter dem Brückengeländer hervor, zieht sich gerade noch die Hose hoch. Ein Musiker schaltet seine Boombox aus, zieht aber weiter an seinem Joint. Der Geruch von Gras weht herüber. Cramer erzählt von der Sanierung der Oberbaumbrücke kurz nach der Wende: „Die einzige Baumaßnahme, gegen die wir Grünen damals nicht protestiert haben.“ Als die Gruppe wieder auf die Räder steigt und weiterfährt, schaltet der Musiker, der höflich abgewartet hat, seine Box wieder an, es laufen Reggaebeats, er singt dazu.
Cramer führt die Gruppe am Schlesischen Busch vorbei und erzählt, wie er als junger Mann dort oft in den Kanal gesprungen sei. „Wenn ich heute daran denke, wie viele damals im Landwehrkanal erschossen wurden …“ Er beendet den Satz nicht.
Die Sanierung ist im Gange
2023 wurde der Abschnitt saniert und barrierearm gestaltet. Bis 2028 sollen die gesamten 160 Kilometer entsprechend erneuert werden. Der Senat hat dafür 12,4 Millionen Euro eingeplant. Laut dem landeseigenen Unternehmen Grün Berlin, das für die Berliner Parks und Gärten zuständig ist und die Sanierung verantwortet, wurden bereits sechs Teilstücke grundlegend erneuert. Aktuell werde noch am Japaneck bis Lichterfelder Allee gearbeitet, dann sei der Abschnitt Hahneberg in Spandau dran, heißt es auf taz-Anfrage.
Nach der Kaffeepause gibt es in der Bouchéstraße in Treptow eine über die übrigen Straßenlaternen hinausragende Grenzleuchte zu sehen. Am Heidekampgraben macht eine 3,60 Meter hohe Metallskulptur – so hoch war die Mauer – auf den Tod von 15 Menschen aufmerksam, darunter zwei Kinder, 10 und 13 Jahre alt, die am 14. März 1966 die Mauer zu überwinden versuchten und erschossen wurden.
Durch eine Grünanlage geht es zum Grenzübergang Sonnenallee und von dort ins Neuköllner Industriegebiet, wo neben der Jacobs-Fabrik die Chris-Gueffroy-Brücke liegt, benannt nach dem letzten Mauertoten, der an dieser Stelle am 5. Februar 1989 erschossen wurde. Sein mitfliehender Freund Christian Gaudian überlebte und wurde festgenommen.
Ein paar Kilometer geht es noch den Teltowkanal entlang. Unter der Autobrücke verlässt die Gruppe den Mauerweg und fährt zum S-Bahnhof Adlershof, wo die Tour endet. „Stolz“ sei er schon darauf, dass der Grenzstreifen nun seit 25 Jahren mit dem Rad befahrbar sei, sagt Cramer der taz unterwegs. Wäre er nicht „der sture Westfale“, ergänzt er, wäre das wohl nicht möglich gewesen.
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