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1.650 Tage Krieg in der UkraineSport inmitten von Krieg und Zerstörung

Tschernihiw leidet unter täglichem russischen Beschuss. Krafttraining, Schwimmen oder Leichtathletik – Leistungssport findet auch mitten im Krieg statt.

B is zu meiner erzwungenen Auswanderung ins Ausland vor vier Jahren aufgrund des Krieges spielte der Sport eine große Rolle in meinem Alltag. Nun bin ich zum ersten Mal wieder zu Hause in Tschernihiw. Die Stadt, die weniger als 100 Kilometer von Russland entfernt liegt, leidet unter täglichem russischen Beschuss. Früher hieß die Grenzregion „Drei Schwestern“, da hier Belarus, Russland und die Ukraine aufeinandertreffen. Doch die ehemaligen „Schwestern“ sind jetzt gefährlich für die Ukraine geworden.

Der erste Ort, den ich in der Stadt besuche, ist der Sportkomplex. Sechs Jahre lang haben mein Sohn und ich täglich im Gagarin-Stadion mit unserem Trainer Dmytro Hanteln gestemmt. Ich freue mich, ihn noch vor Ort anzutreffen, auch wenn nun alles anders ist als vor dem Krieg.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

In den ersten Tagen der Invasion sammelte unser Trainer seine Schützlinge in der Stadt ein und trainierte mit ihnen, damit sie nicht nur in den Kellern saßen. Als Tschernihiw halb eingekesselt war, verbot ihm das ukrainische Militär dies aus Sicherheitsgründen.

Im März 2022 warfen die Russen acht Fliegerbomben auf den Sportkomplex und zerstörten dabei den Fußballplatz, die Tribünen, die Laufbahnen und eine der Hallen vollständig. Das Foto des zerbombten Stadions auf meiner Facebookseite beeindruckte einen langjährigen Kollegen aus Berlin so sehr, dass er meiner Familie Hilfe anbot. So konnten wir in jenem schrecklichen Frühling nach Berlin kommen, wo wir immer noch leben.

Eine Frau in einer weißen Bluse und mit rotbraunen Locken: Anastasiya Leukhina

Foto: Taras Bezpalyi

Anastasiya Leukhina

Wissenschaftliche Koordinatorin des Ukraine Research Network (UNET) am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS). Seit 2022 lebt sie in Berlin.

Rückkehr nach vier Jahren

Vier Jahre später, an einem Julimorgen, stehe ich wieder in der Sportschule meiner Heimatstadt und bin überrascht, wie viele Kinder zum Training kommen. Die neue Halle ist viel kleiner als die bisherige. Sie wurde von der örtlichen Verwaltung für die Sportschule angemietet.

Unser Trainer Dmytro bereitet die Leichtathleten hier auf Wettkämpfe vor. 2022 gewann einer seiner Sportler die Junioren-EM in Albanien, 2023 die WM in Mexiko und 2025 schaffte es einer seiner Trainierenden unter die fünf stärksten Sportler Europas in Madrid. Trotz des Krieges findet das Training planmäßig statt. Dmytro beginnt aktuell mit den Vorbereitungen auf die Olympiade in Los Angeles 2028. Doch dem gehen noch etliche Qualifikationsrunden bei nationalen Wettkämpfen voraus. Deshalb trainieren sie täglich, auch unter Beschuss.

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Während ich mich aufwärme, erzählt der Trainer, wie sie nach dem Bombenangriff Trainingsgeräte gerettet und die Hantelstangen wieder gerade gebogen haben. Ein Großteil der Geräte ist jedoch verbrannt, ein Teil wurde von Plünderern gestohlen. Ein anderer Trainer berichtet, wie sie den Stundenplan umgestellt haben, damit verschiedene Trainer die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten trainieren können, da es nicht genug Platz für alle gibt. Und wie er mit einem Kollegen den Kunstrasenbelag aus dem zerstörten Stadion in der neuen Halle verlegt hat. Sie suchen gerade nach Geld, um ihn professionell reinigen zu lassen.

Schwimmen aktuell unmöglich

Auch unsere alte Schwimmtrainerin treffe ich noch in Tschernihiw an. Sie heißt Lilia und ist schon über sechzig. Der Krieg hat ihr Berufsleben erheblich verändert.

Mit Beginn der Vollinvasion wurde das Schwimmbad in Tschernihiw geschlossen. So verlor Lilia dort nach über 30 Jahren ihren Job und muss jetzt als Verkäuferin arbeiten. Eine Zeit lang fuhr sie noch zweimal pro Woche mit den Kindern ins 60 Kilometer entfernte Slawutytsch. Doch wegen der zunehmenden Drohnenangriffe ist damit jetzt auch Schluss. Aber Lilia gibt die Hoffnung nicht auf: Die bisherigen Trainingstage hält sie sich nach wie vor im Dienstplan frei.

Diese neue Lebensweise während des Krieges, die auf wenige Quadratmeter begrenzt und von täglicher Bedrohung überschattet wird, zeigt, worin unsere Resilienz tatsächlich besteht. Nicht in abstrakter Standhaftigkeit, sondern in einem beibehaltenen Trainingsplan, einem geretteten Stück Kunstrasen oder den für das zukünftige Schwimmtraining frei gehaltenen Tagen im Kalender.

Aus dem Ukrainischen von Anastasia Rodi

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