1.637 Tage Krieg in der Ukraine: Feriencamp und Luftalarm
Sommerferien gibt es auch im Krieg. Aber was tun mit den Kindern, wenn sie die freien Tage nicht nur im Keller verbringen sollen? Mütter aus Odessa berichten.
Das formal als Frontgebiet geltende Odessa ist die einzige nicht besetzte ukrainische Region, in der es offiziell erlaubt ist, im Meer zu baden. Und genau deshalb kommen Menschen aus allen Teilen der Ukraine im Sommer her. Vor allem die, die sich keinen Urlaub im Ausland leisten können. Die Stadtstrände Odessas sind voll mit Urlaubern. Viele kommen mit ihren Kindern.
Allerdings lässt sich diese Art der Feriengestaltung durchaus als extrem bezeichnen – denn die Stadt wird nicht nur täglich von Russland angegriffen, auch die Minengefahr ist real. Erst im Juni starb eine junge Frau am Strand von Odessa durch einen Bombensplitter.
Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
An einem Tag kann es bis zu zehnmal Luftalarm geben, manchmal mehr. Vom Strand aus kann man den Rauch der von Russland attackierten zivilen Schiffe sehen und Explosionen, Schüsse und das Summen der Abfangdrohnen hören.
Strandbesuch während des Krieges?
Odessaer Eltern haben zu dieser Frage ihre ganz eigene Meinung. Einige von ihnen gehen zum Beispiel selbst an den Strand, erlauben es aber ihren Kindern nicht. Stattdessen gehen sie mit ihnen gleich ins Schwimmbad.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Dreifachmutter Anna erzählt: „Natürlich fahren wir mit den Kindern auch Fahrrad, spielen Beachvolleyball, klar. Aber wir wissen auch, dass es gerade am Meer gefährlich ist.“ Es gebe aber auch immer noch Ferienlager oder Sportfreizeiten, sagt sie.
„Dort gehen sie bei Alarm in Schutzräume“, weiß Anna. Und fügt noch hinzu, dass die Kinder sowieso schon dauernd in diesen Kellern seien, weil es immer mehr Alarm gebe. „Feriensportangebote gab es vor dem Krieg in Zatoka, Serhijiwka und anderen Orten südlich von Odessa. Jetzt wird so etwas in den Karpaten angeboten. Aber wir fahren lieber zum Angeln an einen See“, resümiert sie.
Sicherheit hat Priorität
Die Stadtverwaltung von Odessa hat entlang der Küste mobile Betonunterstände errichtet. Die bieten natürlich keinen Schutz vor direktem Raketen- oder Drohnenbeschuss, aber zumindest vor umherfliegenden Splittern. Ob das als Sicherheitsmaßnahme für Kinder ausreicht, muss letztendlich jeder für sich entscheiden.
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Aber wie man es auch dreht und wendet: Kinder brauchen aktive Erholung. Am besten im Wasser, nicht nur im Keller.
Soja, Mutter der 10-jährigen Alysa, erzählt: „Wir fahren überhaupt nicht mehr an die Strände außerhalb der Stadt, so wie es viele Odessiten früher gemacht haben. Und wir versuchen auch, weniger an die Stadtstrände zu gehen.“ Stattdessen besuchten sie jetzt Schwimmbäder im Binnenland. Denn am Meer ist ein Angriff wahrscheinlicher. Es gibt jetzt auch mehr Orte in Kellerräumen wie Kinderclubs, Sport- und Tanzstudios.
Die Inflation verschärfe die Lage noch zusätzlich, sagt Soja. Kinderferienangebote haben sich im Laufe des Krieges um durchschnittlich 30 Prozent verteuert. Die Gehälter seien hingegen gleichgeblieben.
Günstige Kinderferien
Für Kinder aus einkommensschwachen Familien, von Militärangehörigen und Binnengeflüchteten bieten Staat und Sozialverbände auch kostenlose Kinderreisen an. Olena (Name aus Sicherheitsgründen geändert) ist Soldatenfrau. Ihr 15-jähriger Sohn Borys fährt wegen dieser Angebote jetzt häufiger ins Ferienlager.
„Letztes Jahr war er beim Rafting im Gebiet Mykolajiw, im Winter zum Skifahren in der Westukraine. Dieses Jahr fährt er nach Deutschland. Jedes Camp in der Ukraine garantiert, dass dort Schutzräume sind. Es ist auch immer mindestens ein Arzt dabei“, erzählt Olena.
Seit mehr als zwei Jahren hören wir hier schon die Siegesmeldungen, dass der Krieg jeden Moment zu Ende sein werde, das ist so ein Hintergrundrauschen. Aber Realisten glauben nicht an ein schnelles Ende. Schon jetzt wird Zivilisten geraten, Kurse zur medizinischen und militärischen Ausbildung zu absolvieren. Für Kinder gibt es schon länger militärisch-sportliche Vorbereitungscamps. Nicht, weil wir den Krieg so sehr lieben. Sondern weil wir nicht riskieren wollen, getötet zu werden.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
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