111 Jahre nach dem Genozid : Noch immer nicht auf dem Lehrplan
Der Völkermord an den Armeniern gehört in den Geschichtsunterricht. Und er sollte auch Thema im Deutschunterricht sein. Gute Literatur wäre vorhanden.
Foto: Kevin Lamarque/Pool reuters/ap/dpa
E s sind 111 Jahre nach dem Völkermord an den Armenier:innen und es stellt sich für uns die Frage, wie viel Verantwortung für uns daraus heute noch folgt. Rund 1,5 Millionen Armenier:innen wurden im Osmanischen Reich ermordet. Keine abstrakten Zahlen, keine bloße Statistik – Menschen. Deutschland leistete damals Beihilfe: Armenisches Geld und Gold landeten auch in deutschen Kreditinstituten, armenische Zwangsarbeiter wurden auf deutschen Bahnstrecken eingesetzt.
Der Völkermord an den Armenier:innen von 1915 sollte verbindlich im Schulunterricht behandelt werden. Auch die Resolution des Deutschen Bundestages von 2016 unterstreicht dieses Anliegen. Doch die Realität in vielen Klassenzimmern sieht anders aus: Überlastete Lehrpläne, fehlende Zeit, unzureichende Materialien und begrenzte fachliche Ressourcen führen dazu, dass das Thema allzu oft ausgespart wird.
Das Thema gehört nicht nur in den Geschichtsunterricht. Gerade der Deutschunterricht bietet die Möglichkeit, sich emotional und reflektiert mit Literatur zu diesem Völkermord auseinanderzusetzen. Das kann über eine reine Faktenvermittlung hinausgehen und Empathie fördern. Der Reclam Verlag geht hier voran: Im März erschien der Roman „Auf der Straße heißen wir anders“ von Laura Cwiertnia als Schullektüre.
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Swantje Ehlers, Literaturwissenschaftlerin und Literaturdidaktikerin, hat dazu Kommentare und Kontext geliefert – besser geht es kaum. Das Buch erzählt vom Genozid und von den Überlebenden, von Gewalt und Konflikten, von den Pogromen an der christlichen Bevölkerung in der Türkei und von Diskriminierung im heutigen Deutschland. Es handelt von Heimat und Heimatlosigkeit, von Einwanderung und den Erfahrungen von Gastarbeiter:innen aus der Türkei in den 1960ern.
Laura Cwiertnia erzählt Geschichten von Frauen mehrerer Generationen. Und es geht um die Lebenswelten und Kulturen von Millionen Menschen, die Teil der deutschen Gesellschaft sind. Diese Literatur muss nicht erst entdeckt, sie muss nur ernst genommen werden. Ausreden gibt es jedenfalls kaum noch. Es fehlt nicht an Möglichkeiten, sondern am Willen, diese Literatur konsequent zu nutzen – zumindest oder zuerst in den Schulen.
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