Völkermord an den Armeniern: Große Forschungslücken

Die türkische Leugnung des Genozids hat den Zugang zu Archiven und anderen Quellen lange Zeit nahezu unmöglich gemacht.

Thessaloniki (2019) : Protest gegen den Genozid an die Armenier*innen

Ar­me­nie­r*in­nen demonstrieren 2019 in Thessaloniki gegen den Völkermord im Osmanischen Reich Foto: Archilleas Pagourtzis/imago-images

BERLIN taz | An jedem 24. April gehen Ar­me­nie­r*in­nen auf der ganzen Welt auf die Straße. Sie gedenken der Opfer des Völkermords an den Ar­me­nie­r*in­nen im Osmanischen Reich und fordern Gerechtigkeit. Im Jahr 1915 ließen die türkischen Behörden in Konstantinopel (seit 1922: Istanbul) die gesamte armenische Führungsschicht verhaften und ermorden. Dies war der Beginn der Vertreibung und systematischen Vernichtung von bis zu 1,5 Millionen Ar­me­nie­r*in­nen durch das Osmanische Reich.

Die Türkei leugnet diesen Genozid bis heute. Demgegenüber haben mittlerweile über 30 Länder diese Massaker als Völkermord anerkannt – der Bundestag verabschiedete 2016 eine entsprechende Resolution.

Auch die Genozidforschung trägt zu der internationalen Anerkennung und Aufarbeitung bei. Betrachtet man Forschungen zur Vernichtung der Ar­me­nier*in­nen, ist diese Sach- und Fach­literatur seit den 1980er Jahren so stark angewachsen, dass der Völkermord an den Ar­me­nie­r*in­nen als der am stärksten erforschte nach dem Holocaust gelten muss.

Gibt es dennoch Forschungslücken? Die Berliner ­Sozio­lo­gin und Armenologin Tessa Hofmann geht auf die Frage ein. Fast ihr ganzes Leben lang forscht Hofmann zu dem Ge­no­zid an Christen im Osmanischen Reich. Sie interessiert sich für Geschlechterdifferenz, pri­va­ten und staatlich or­ga­ni­sier­ten Kindesraub sowie Narrative der Überlebenden. Als methodisches Problem betrachtet sie dabei, dass zwischen der Tatzeit im Ersten Weltkrieg und dem Beginn der publizistischen und mehr noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung seit den 1960er Jahren viel Zeit verstrichen ist und kaum noch auf Augenzeugen zurückgegriffen werden kann, die die Deportationen und Massaker der Jahre 1915 und 1916 als Erwachsene erlebten.

„Obwohl die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen im Völkermord an den Ar­me­nie­r*in­nen besonders auffällig ist, wurde der Geschlechterdifferenz lange Zeit kaum Beachtung geschenkt“, sagt Hofmann. Möglicherweise deshalb, glaubt sie, weil das Schicksal der Frauen in diesem Genozid zu schambesetzt sei. Themen wie Zwangs- und Hungerprostitution, Vergewaltigung, aber auch die Verstoßung von Zwangsgeschwängerten und Zwangsprostituierten durch ihre Herkunftsgruppe scheinen zur Tabuisierung geführt zu haben.

Jahrzehntelang stand besonders in Deutschland nicht nur die Erforschung des Ersten Weltkriegs im Schatten der Forschungen zum Zweiten Weltkrieg, sondern auch die vor, während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg verübten Genozide im Osmanischen Reich. Forschungslücken entstanden auch deshalb, sagt Hofmann, weil bis weit in die 1980er Jahre hinein versucht wurde, den osmanischen Genozid im Rahmen der Shoah zu erklären: „Und das versperrte den Blick auf manche osmanischen Spezifika, die für die Shoah untypisch waren.“

Die Männer wurden getötet

Als Beispiel nennt sie die Elemente des osmanischen Genozids, die eben durch dschihadistische Tradition geprägt waren – direkte Tötung von Männern sowie Verschleppung und Versklavung von Frauen und Kindern. Dem stellt die Genozid­for­sche­rin die unterschiedslose Vernichtung in der Shoah gegenüber: „Klar, auch in den Konzentrationslagern gab es Zwangsprostitution, aber zur Zwangsarbeit wurden Männer wie Frauen herangezogen, im Unterschied zum Osmanischen Reich.“

Es gibt weitere Defizite. Die Unzugänglichkeit von Quellen bildet das größte Problem für eine detaillierte und vertiefende Forschung für die Wis­­sen­­schaft­­le­r*in­­nen am Institut für Diaspora- und Genozidforschung (IDG) an der Ruhr-Universität Bochum. Für den Gründungsdirektor Mihran Dabag liegt der Grund in der türkischen Leugnung des Genozids, in deren Folge der Zugang zu den Archiven und anderen Quellenmaterialien nicht nur erschwert, sondern lange Zeit nahezu unmöglich gemacht worden sei.

Die armenische Diaspora besteht heute aus bis zu 7 Millionen Menschen

„Dies betrifft etwa Nachlässe wie Memoiren, Tagebücher, Schriftstücke von Politikern, Tätern und anderen Beteiligten, die beispielsweise grundlegend wären für eine ‚Täterforschung‘, wie wir sie aus dem Kontext der Forschungen zu Nationalsozialismus und Holocaust kennen“, sagt Dabag.

Tessa Hofmann sieht das Problem weniger in den verschlossenen Archiven als in der Vernichtung von Akten, Korrespondenz und Unterlagen zum Zeitpunkt der osmanischen Kapitulation Ende Oktober 1918. „Das betrifft sowohl das jungtürkische Parteiarchiv als auch das Archiv der kaiserlich-deutschen Militärmission im Osmanischen Reich, wodurch bestimmte Aspekte der deutsch-osmanischen Allianz vor und während des Ersten Weltkriegs sich wohl nie mehr hinreichend und abschließend belegen lassen“, sagt sie. „Vermutungen zum Thema des deutsch-türkischen Militärbündnisses sind hingegen publizistisch ausführlich geäußert worden“, merkt Hofmann an.

Lange Zeit ein Tabu-Thema in Armenien

Ein weiteres Forschungshindernis war der Umstand, dass im sowjetisch beherrschten Rest-Armenien eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Genozid erst Ende der 1960er Jahre überhaupt möglich wurde. „Bis dahin galt die literarische, publizistische, aber auch wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Aspekt der armenischen Geschichte als Nationalismus und wurde verfolgt beziehungsweise unterdrückt oder fiel der Selbstzensur der Wissenschaftler und Publizisten zum Opfer“, sagt Hofmann.

Die Bochumer For­sche­r*in­nen konzentrieren sich nicht nur auf die kollektive Gewalt. Die armenische Diaspora, die heute nach unterschiedlicher Schätzung bis zu sieben Millionen Menschen zählt, ist durch den Völkermord und die Vertreibung erheblich verstärkt worden, sodass die Mehrheit armenischstämmiger Menschen außerhalb ihrer historischen Heimat leben muss.

Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung bezieht sich nicht allein auf die armenische Erfahrung. „Er trägt dem Umstand Rechnung, dass Genozide nicht allein eine lange Vorgeschichte haben, sondern auch tiefgreifende Folgen für die Gemeinschaften der Opfer und Überlebenden – so zum Beispiel die Entstehung unumkehrbarer Gemeinschaftsformen in der Zerstreuung, der Diaspora“, sagt Dabag. Deshalb gehören Forschungen zu Exil, Migration und den Strukturen transnationaler Gemeinschaften sowie zu den langfristigen Folgen und der intergenerationellen Tradierung von Gewalt­erfahrung fest in das Forschungsprofil seines Instituts.

Doch fehle es an institutioneller Förderung. „Die Forschung hängt häufig von der Initiative und dem Engagement Einzelner ab und erfährt recht wenig Unterstützung“, sagt er. „Eine vertiefende Forschung bedarf einer gesellschaftlichen Akzeptanz des Themas. Leider treffen Forschungen in Deutschland zum Völkermord an den Ar­me­nie­r*in­nen immer auch auf Sensibilitäten hinsichtlich der Beziehungen zur Republik Türkei.“

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