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Wut in der BevölkerungWer zu spät kommt …

Wer sich abgehängt fühlt, ist nicht resilient genug und fällt leicht den Rechten in die Hände. Eine Regierung, die das nicht begreift, fördert Wut.

U nter den Denksprüchen, die es beinahe zu Aphorismen brachten, war mir Adornos Bemerkung stets eine der liebsten: Häufig werde behauptet, „dass nur der Kritik üben könne, der etwas Besseres anstelle des Kritisierten vorzuschlagen habe“. Und: „Durch die Auflage des Positiven wird Kritik von vornherein gezähmt und um ihre Vehemenz gebracht.“ Wer sich gegen die neuen Faschisten wendet und deren Anstachelung zu Hader und Gewaltfantasien, gegen das Schüren von Affekten und mobilisierenden Leidenschaften, unterliegt weder einer politischen Verpflichtung noch einem intellektuellen Gebot, gleich die Lösung zu präsentieren.

Gewiss ist es nicht damit getan, unsere Wirklichkeit in gebotener Schärfe und möglichst präzise zu beschreiben, aber die radikale Kritik, die zunächst einmal nichts anderes ist als schonungslose Kritik, hat ihre eigene Berechtigung. Allein schon deshalb, weil der zweite Schritt, wie man aus der Malaise herauskommt, den ersten Schritt zwingend voraussetzt, nämlich die Malaise zu verstehen.

Repräsentationslücken und das Gefühl, nicht mehr vertreten zu sein, machen Menschen für ultrarechte Narrative empfänglich, Angst und Abstiegserfahrungen verstärken diese Empfänglichkeit. Wer in den Sog gerät, wird durch die stündlichen Bombardements mit diesen Narrativen verwandelt und im Extremfall in paranoide Revanchelust und Rachefantasien hineinagitiert. Ist eine Gesellschaft davon vollends befallen, verbreitet sich das Gift in allen Kapillaren.

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taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Den Boden dafür hat die Kampfesstimmung bereitet, in die die neoliberale Ego-Ideologie unsere Gesellschaften versetzt: Wenn die Welt als eine Arena des „jeder gegen jeden“ beschrieben und Solidarität zersetzt wird, dann macht sich ein Kult der Härte breit. Die alte Redensart, dass der, der vom Kapitalismus nicht reden wolle, besser auch vom Faschismus schweigen sollte, war zwischenzeitlich arg zur Plattitüde verkommen – hier aber behauptet sie ihre Richtigkeit.

„Positive Individualisierung“

Die „positive Individualisierung“ auf den oberen Sprossen der gesellschaftlichen Leiter spiegelt sich in den darunterliegenden Geschossen als depressive Individualisierung: als Gefühl, alleingelassen zu sein. In jener Formulierung, die man von Detroit bis Gelsenkirchen, von East London bis Halle an der Saale überall auf nahezu wortgleiche Weise hört: „Ich kümmere mich nur mehr um mich selbst.“ Sie wird nicht stolz, nicht im Sound modernistischer „Eigenverantwortlichkeit“ vorgetragen, sondern im Ton des Fatalismus. „Wandel“ bedeutet oben, dass man ein Start-up gründen kann, und unten, dass man entlassen wird.

Wo sich Fatalismus und Negativismus ausbreiten, wachsen Zorn und berechtigte Wut. Meinungsforscher wissen, dass viele Menschen heute wütend sind, weit über den Kreis der Wähler und Wählerinnen der Rechtsextremen hinaus. Was die Anhänger des Rechtsextremismus von den anderen unterscheidet, ist, dass die Wut, das Ressentiment, die Rage Ersteren zur zweiten Natur geworden sind.

Aber es gibt auch den anderen Zorn. Viele Menschen fühlen sich bedroht. Und sie fühlen sich schutzlos. Wenn die Miete 30 Prozent höher ist als vor fünf Jahren. Wenn man sowieso keine bezahlbare Wohnung mehr bekommt. Wenn das Investorengesindel die Be­woh­ne­r*in­nen aus ihren Städten vertreibt. Wenn der Einkauf um 30 Prozent teurer wird, wenn man weiß, die Klimakatastrophe wird die Lebensgrundlagen untergraben. Es wächst das Potenzial zu einem Widerstand – und an vielen Orten artikuliert sich dieser Widerstand.

Er artikuliert sich in Selbstverteidigung, in Aufruhr, in Aufständen, in Nachbarschaftsaktionen, in lautem und in leiserem Aufbegehren gegen die rechte Erziehung zur Grausamkeit, gegen die Plünderer, die neuen Faschisten und die Oligarchen, gegen die Endzeitpropheten und die skrupellosen Techbosse, die uns und unseren Kindern die Zukunft stehlen. Der Ruf dieses Aufbegehrens klingt schon leise im Ohr: „Ihr werdet uns unsere Zukunft nicht stehlen.“

Was solidarische Gesellschaften zusammenhält

Der US‑Soziologe Eric Klinenberg hat vor einigen Jahren in seinem Buch „Palaces for the People“ beschrieben, was solidarische Gesellschaften zusammenhält. Ausgangspunkt seiner Studien war eine außergewöhnliche Hitzewelle in Chicago in den neunziger Jahren, die zu extremer Übersterblichkeit führte. Auf den ersten Blick schien alles den erwartbaren Mustern zu folgen: In den Reichenvierteln war die Übersterblichkeit gering, in den Armenvierteln war sie dramatisch.

Aber sobald er sich die Daten genauer ansah, stellte er fest: In manchen Armenvierteln war die Übersterblichkeit krass, in anderen wiederum überhaupt nicht nachweisbar. Und diese Differenz machte ihn neugierig. Bald stellte Klinenberg fest: Die Resilienz, die Fähigkeit, sich wechselseitig zu helfen, war in jenen unterprivilegierten Gegenden hoch, in denen die soziale Infrastruktur funktionierte. In denen es lokale Geschäfte gab, in denen sich die Menschen kannten. In denen es soziales Vertrauen gibt, in denen man um Hilfe bittet oder sich auch um andere kümmert. Wo die soziale Infrastruktur nicht funktionierte, starben die Menschen allein daheim.

Arbeit am Gemeinwesen darf nicht reine Sozialarbeit sein

Zur funktionierenden sozialen Infrastruktur zählen öffentliche Bibliotheken, schöne Parks und Spielplätze, also alle möglichen Gemeinschaftsorte, an denen sich Menschen mit unterschiedlichem Status und verschiedener Herkunft, Lebensart, Kultur treffen. Wenn es solche Orte gibt, funktioniert die Gemeinschaft. Wenn es solche nicht gibt, leidet sie.

Wo es schöne öffentliche Bibliotheken gibt, lebt man länger. Soziale Infrastruktur ist nicht nur materiell, sie ist vor allem immateriell, denn sie verdichtet sich in den sozialen Fäden, die zwischen den Menschen geknüpft werden. Arbeit am Gemeinwesen muss auch die aktivistische Gegenwehr fördern, zum Aufbegehren anstacheln, der Wut eine Stimme geben. Sie darf also nicht reine Sozialarbeit sein. Wer das zu spät begreift, den bestraft das Leben.

Robert Misik

Robert Misik

Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist ("Das Schlagloch"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Jüngste Buchveröffentlichung: "Erziehung der Grausamkeit" (Suhrkamp-Verlag) Davor Autor von Büchern wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige", "Die falschen Freunde der einfachen Leute" oder "Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution" usw. Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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11 Kommentare

  • Il_Leopardo

    Ein interessanter Artikel, in dem jedoch ein zwei wesentliche Zutaten fehlen:



    1 Lohnentwicklung



    Nicht nur Mieten und Konsumartikel sind gestiegen - auch die Löhne, allerdings nur um ca. 15 Prozent. In anderen europäischen Ländern waren die Steigerungen höher.



    2 Wohnraum



    Wie kommt es, dass gerade in den Städten, in denen der Wohnraum ja knapp und teuer ist, die Menschen eben nicht "ultrarechts" wählen, sondern liberal bleiben?



    3 Solidarität



    Ich hätte erwartet, dass die Menschen gerade in ländlichen Gegenden, in denen ja jeder jeden kennt, solidarischer sind. Wurde nicht gerade in den ehemaligen Bruderstaaten deren Solidarität während des SED-Regimes immer besonders hervorgehoben?



    Was ist daraus geworden? Ist sie den Menschen dort zur Gänze abhanden gekommen und wählen sie jetzt lieber Heiland Siegmund? Ist halt weniger anstrengend, als sich gegenseitig zu helfen.

  • Sam Spade

    Klingt alles ganz plausibel was der Autor da schildert. Deckt aber nur eine Facette ab, wenn es um den Aufstieg der Rechtspopulisten geht.

    Gleiche ich die Punkte einmal mit meinem Mikrokosmos hier in Nordnorwegen ab, dann finde ich hier weder einen "Kult der Härte" noch "neoliberale Ego-Ideologie" vor.

    Auch ein starker Gemeinsinn ist hier anzutreffen. Der ist historisch erwachsen u.a. aufgrund der weiten Distanzen. Auch die Hilfsbereitschaft und Nachbarschaftshilfe ist hier seit je her hoch, allein schon witterungsbedingt.

    Wie in ganz Norwegen gibt es auch hier nur eine geringe soziale Kluft zwischen den Einkommensunterschieden. Der Wohlstand innerhalb der Bevölkerung ist hoch und Abstiegsängste dürften nur die wenigsten umtreiben.

    Und dennoch liegt die rechte Fortschrittspartei hier in der Stadtgemeinde Tromsø bei 20%, wie übrigens in ganz Norwegen.

    Ähnliche Beispiele könnte ich auch für andere Länder aufzeigen.

    Statt Ardono besser die Historie zu Rate ziehen. Es ist ein Epochenwechsel, in Form globaler Neuausrichtung im Gange. Mit Faktoren die sich gegenseitig beeinflussen. Klima, Ressourcen, Migration, Regionalkonflikte. Wirkt sich auf jeden Kontinent verschieden aus.

    • Il_Leopardo

      @Sam Spade:

      Wer weiss, vielleicht hört der Gemeinschaftssinn bei den "Fremden, den Migranten" dann schon wieder auf. So nach dem Motto: "Die sehen ganz anders aus - die gehören nicht zu uns - nicht hier her."



      Könnten Sie dazu mal etwas schreiben - da in Ihrem Idyll.

      • Sam Spade

        @Il_Leopardo:

        Dazu müssten die "Fremden" erstmal in den hohen Norden kommen. Die meisten zieht es jedoch in die Region Oslo.

        Ich kann nur vom Norden reden und die Menschen mit Migrationshintergrund leben schon länger hier und sind Teil des Gemeinwesens.

        Der geographische Faktor spielt dabei eine große Rolle. Unsere Stadtgemeinde ist die zweitgrößte Europas und entspricht der Größe des Saarlands.

        Bei weniger als hunderttausend Einwohnern ergibt sich der Gemeinsinn von selbst, unabhängig von der Herkunft und besonders außerhalb des Stadtkerns.

        Es ist auch nicht jedermanns Sache während der Polarnächte drei Monate Dunkelheit zu ertragen und im Sommer die Midnattsol mit zwei Monaten durchgehender Helligkeit. Daran scheitern nicht nur "Fremde".

        Insofern mögen wir hier etwas anders ticken als die Leute im Süden, aber wir fremdeln hier nicht mit anderen Kulturen und freuen uns besonders über den "Fremden" wenn er hier in der Stadt ein syrisches oder palästinensisches Restaurant eröffnet.

        Da wir zudem über die nördlichste Universität der Welt mit über 18.000 studierenden aus aller Welt verfügen, ergibt sich eine gewisse Weltoffenheit von selbst. Wir wären sonst auch schlechte Gastgeber.

        • Il_Leopardo

          @Sam Spade:

          Ich habe gerade gelesen, dass man die Fortschrittspartei nicht unbedingt mit der AfD oder FPÖ vergleichen kann - einige Forscher geben ihr das Prädikat „Rechtsextremismus light“.



          Wussten Sie übrigens, dass die Suizidrate in Norwegen fast zweimal so hoch ist wie in Italien? Ich konnte noch nie an ein Paradies auf Erden glauben!

      • Hugo

        @Il_Leopardo:

        In dem Idyll gibts die von Robert Misik angesprochenen öffentlichen Begegnungsstätten für alle Altersklassen.

  • Worgt Michael

    ..... leider hat die Regierung Merz es nicht verstanden , dass ein starker Sozialstaat



    der AFD den Wind aus den Segeln nehmen kann .



    Ganz im Gegenteil die CDU äfft der AFD nach , wie man es im Wahlkampf gut beobachten konnte und schlägt jetzt nach links mit aller



    Kraft .

    • Machiavelli

      @Worgt Michael:

      Das ist eine Hypothese die durch das Fallbeispiel Deutschland widerlegt wird. Deutschland hat einen starken Sozialstaat und er liefert der afd Munition. Weil immer mehr Wähler ihn nicht finanzieren wollen.

  • Andreas Flaig

    Vielen Dank für diesen wieder mal sehr guten Beitrag von Robert Misik!

    Das Desaster begann doch eigentlich nach Olav Scholz.



    Da hatte sich eine Koalition gebildet, die von vorne weg alles nur denkbare falsch gemacht hat.



    Der Geruch in Europa nach neoliberalen und Ultrarechts hatte in Merz Phantasien geweckt, die er aus der Blackrock Philosophie kannte: Maximale Gewinn Orientierung.



    Er wollte einen demokratischen Staat, der ohne soziale Basis auskommen muss und in erster Linie die Arbeit im Vordergrund stehen soll. Die Bürger sollten sich gefälligst zusammenreißen, dann würde die Wirtschaft blühen.



    Seine naive Einstellungen zur AfD war das verherenste was er sich geleistet hat.



    Der Frust sitzt tief.

    Die außerordentlich wichtige Arbeit am Gemeinwesen wird zunehmend durch die aktuelle Regierung erstickt. Immer wieder wird AfD Politik in den Vordergrund gestellt und als Politik aus der Mitte verkauft.



    Solange diese Regierung und die AfD präsent sind, wird es sehr schwierig werden, diese so wichtige Arbeit am Gemeinwesen zu fördern und umzusetzen.

  • DiMa

    Eine übergeordnete solidarische Gesellschaft gibt es in Deutschland als Folge der Heterogenität nicht mehr. Es gibt doch nur noch einzelne Parallelgesellschaften, die sich durch eine jeweilige sozio-ökonomische Homogenität findet. In so einer parzellierten Struktur kann ein Staat nicht mehr alle erreichen. Natürlich entsteht da dann auch Wut.

    Dementsprechend habe ich dann auch überhaupt kein Verständnis für die Forderung nach Förderung von Aktivisten. Aktivismus ist für mich eher negativ konnotiert und ganz sicher nicht förderungswürdig.

  • DiMa

    Eine übergeordnete solidarische Gesellschaft gibt es in Deutschland als Folge der Heterogenität nicht mehr. Es gibt doch nur noch einzelne Parallelgesellschaften, die sich durch eine jeweilige sozio-ökonomische Homogenität findet. In so einer parzellierten Struktur kann ein Staat nicht mehr alle erreichen. Natürlich entsteht da dann auch Wut.

    Dementsprechend habe ich dann auch überhaupt kein Verständnis für die Forderung nach Förderung von Aktivisten. Aktivismus ist für mich eher negativ konnotiert und ganz sicher nicht förderungswürdig.