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Brasilien vor der Stichwahl Vorwärts in die Korruption

Christine Wollowski

Kommentar von

Christine Wollowski

Lula da Silva geht mit Nachteil in die Stichwahl zur nächsten Präsidentschaft. Seine Arbeiterpartei hat vieles vernachlässigt, das nutzt den Rechten.

A uch wenn er jeden Tag ins Fitnessstudio geht, sich beim Joggen und Hantelnstemmen filmen lässt, es lässt sich nicht leugnen: Der Mann, der Brasilien für weitere vier Jahre regieren will, ist über 80. Am Ende seiner angestrebten vierten Amtszeit wäre er 85. Der Präsident im Rentenalter zehrt von seiner Vergangenheit. Lula ist der erste und einzige Präsident, der aus der Arbeiterklasse stammt, der Einzige, der nach der letzten Militärdiktatur an der Bewegung für die Demokratie teilgenommen hat. So eine Biografie lässt sich bei keinem weiteren Politiker finden. Also tritt Lula noch einmal an. Nach seinen vierzig Jahren in der Politik ist nämlich immer noch kein Nachfolger in Sicht.

Favorit des amtierenden Staatschefs wäre der ehemalige Bürgermeister, Bildungsminister und Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad. Doch der 63-jährige Haddad verlor schon 2018 gegen Jair Bolsonaro und erneut 2026 gegen den rechten Gouverneur von São Paulo, Tarcísio de Freitas. Er gilt vielen als zu intellektuell. Haddad habe großes Potenzial, brauche aber „noch ein wenig mehr“, urteilt der Präsident. Da er die vier Jahre seiner aktuellen Amtszeit nicht genutzt hat, um seine Nachfolge zu regeln, ist Lula nach 2022 auch 2026 wieder der Einzige, der eine Chance haben könnte, den Bolsonaro-Clan zu besiegen.

Bolsonaros Sohn Flávio geht als Favorit in die jetzige Stichwahl. Zu Beginn des Jahres sahen sogar Parteigenossen den Senator als eine blasse, womöglich zu blasse Persönlichkeit. Doch der Sohn profitierte deutlich mehr als erwartet von der Strahlkraft des Vaters, der zurzeit im Hausarrest seine 27-jährige Haftstrafe absitzt. Er erzielte zwei Prozentpunkte mehr als der Präsident.

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Die Partido dos Trabalhadores (PT), die Arbeiterpartei, hat dagegen im ersten Wahlgang fast überall schlechter abgeschnitten als noch vor vier Jahren. Allerdings hatte sie auch deutlich weniger Kandidaten aufgestellt als vor 4, 8 oder sogar 30 Jahren. Dabei sank die Anzahl der Kandidaten im Alter von 21 und 44 Jahren, wogegen die der über 60-Jährigen stieg. Die PT ist zu einer Art Rentnerclub avanciert. Dazu passt, dass die Partei im digitalen Marketing denkbar schlecht aufgestellt ist und erst jetzt vor der Stichwahl hektisch versucht, auszugleichen, was sie in den vergangenen vier Jahren versäumt hat.

Der Wahlkampf der Arbeiterpartei ist mehr rückwärtsgerichtet als zukunftsorientiert

Der Wahlkampf basiert auf Lulas Erfolgsgeschichte und den vergangenen Errungenschaften, er ist mehr rückwärtsgerichtet als zukunftsorientiert. Auch die messbaren Erfolge der vergangenen Amtszeit zeugen nicht von Zukunftsvisionen, sondern sind vor allem Maßnahmen, um desaströse Entwicklungen unter dem Vorgänger Jair Bolsonaro zu revidieren: Lulas Regierung ist es gelungen, die Regenwaldabholzung wieder herunterzufahren, Brasilien aus der Welthungerkarte zu entfernen, Umwelt- und Bildungsinstitutionen sowie das Gesundheitssystem besser auszustatten. Das ist positiv, doch die damit verbundenen Kosten belasten die Staatskasse, die Staatsverschuldung steigt.

Zudem hat der konservative Kongress die Regierung vielfach ausgebremst. Die Agrarreform stagniert, die Ausweisung indigener Gebiete schleppt sich hin. Dass die Schlange bei der Bearbeitung der Rentenanträge jetzt dreimal so lang ist, merken die meisten Brasilianer in der eigenen Familie. Auch bei gestiegenem Einkommen sind die noch mehr gestiegenen Lebenshaltungskosten schmerzhaft spürbar. Da kommt es nicht gut an, wenn Lulas Gattin Janja ohne eigenes Mandat auf der politischen Bühne aktiv ist, eigene Termine mit eigenen Reisekosten organisiert. Millionen verschwendeter Staatsgelder, schimpfte nicht nur die Opposition. Inzwischen hat das Wahlgericht ein entsprechendes Verfahren als unbegründet eingestellt. Fakt ist: Am Ende der dritten Amtszeit beurteilen rund die Hälfte der Brasilianer die Regierung als schlecht. Beinahe ebenso viele glauben, die Korruption habe in diesen Jahren zugenommen.

Justizskandal am Obersten Gerichtshof

Besonders aufgewühlt hat die Gesellschaft der jüngste Justizskandal am Obersten Gerichtshof. Gegen mindestens fünf der zehn Richter bestehen Verdachtsmomente im Zusammenhang mit dem Masterbank-Skandal. Mehrere haben an von Banker Daniel Vorcaro finanzierten Justizevents und Partys teilgenommen oder sind in dessen Privatjets geflogen. Auch Alexandre de Morães, der damals Bolsonaro Senior wegen des Putschversuchs von 2023 verurteilt hatte, steht unter Korruptionsverdacht. Morães hatte bis dahin als eiserner Verteidiger der Demokratie in weiten Bevölkerungskreisen nahezu Heldenstatus erlangt. Das Machtgezerre am Obersten Gerichtshof, bei dem in den Wochen vor der Wahl mehrere Richter gegenseitig Entscheidungen widerrufen hatten, setzt sich vor der Stichwahl fort.

Flávio Bolsonaro schafft es in diesem Szenario, sich als Alternative, sogar als Gegner des korrupten Systems zu positionieren. Obwohl er vom Renten- bis zum Masterbank-Skandal in alle jüngsten Korruptionsskandale verwickelt ist. Doch „Korruption wird generell eher der aktuellen Regierung angelastet“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista. Über all den Querelen, Skandalen und gegenseitigen Beschuldigungen sind die Brasilianer politikmüde geworden, jeder fünfte Berechtigte ist gar nicht zur Wahl gegangen. Da stellt der 45-jährige Jurist Bolsonaro eine einfache Lösung in Aussicht: Er verspricht Wandel, eine starke Hand gegen Kriminalität, einen schlankeren Staat. Seine Nähe zu paramilitärischen Gruppierungen macht aus ihm in den Augen mancher Wähler einen Garanten für mehr öffentliche Sicherheit.

Unternehmer begrüßen sein angekündigtes Privatisierungsprogramm, seine Verteidigung christlicher Werte wie der Schutz ungeborenen Lebens in Form eines Abtreibungsverbots kommt bei Konservativen an. Für die überzeugten Fans von Bolsonaro senior zählt allerdings vor allem das zentrale Wahlversprechen: Der Junior will seinen Vater umgehend begnadigen lassen – notfalls mit Gewalt.

Christine Wollowski

Christine Wollowski Brasilien-Korrespondentin

Christine Wollowski ist Mitglied des internationalen Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net und Brasilien-Korrespondentin der taz. Außer über Tagespolitik schreibt sie vor allem über soziale Ungleichheit, Rassismus und Umweltfragen.
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17 Kommentare

  • jan ü.

    Mein vorerst letzter Kommentar, euer Foto zeigt nicht Flavio Bolsonaro sondern Tarcisio de Freitas, Gouverneur von Sao Paulo.



    Es würde sich wirklich lohnen, etwas genauer nach Brasilien zu schauen!

  • jan ü.

    Kleine aktuelle Ergänzung: »Der brasilianische Senat hat eine Verfassungsänderung verabschiedet, mit der die Wochenarbeitszeit im Land von sechs auf fünf Tage verkürzt wird.« Eine Initiative von Lulas Partido de Trabalhadores. Bolsonaro blieb der Abstimmung fern.



    www.deutschlandfun...-woche-ab-102.html

  • Günter Witte

    Wenn es über Brasilien und Korruption geht ist ja Lula da Silva ja auch nicht unschuldig : www.sueddeutsche.d...rurteilt-1.3585700

    • jan ü.

      @Günter Witte:

      Ich weiß nicht, warum hier wiederholt alte, überholte Meldungen gepostet werden? Lula wurde komplett rehablitiert, während seinem Richter, Sergio Moro schwere, politisch motivierte Fehler Manipulation nachgewiesen wurden. www.dw.com/de/bras...r-druck/a-49141608

  • jan ü.

    Liebe taz,



    das liest sich wie vor zwei Wochen geschrieben? Zur Zeit tobt in Brasilien eine spektakuläre Bewegung gegen die rechtsradikale Machtübernahme. Es gibt jeden Tag riesige Demos, eine komplette Studentenbewegung etc., Lula udn die PT haben dei social Medien entdeckt und versuchen die Bolsonaro-Trump-Techno-Faschos mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Teilweise erfolgreich X-Rekord-Posts, teilweise von der Tech-Oligarchen gestoppt. Zuckerberg kommt in Erklärungsnot, weil er alle Bolsonaro-Lügen verbreitet und viele korrekte Lula-Kampagnen sperrt.



    Es ist absurd, wie wenig Beachtung das in Deutschland findet, den nwas dort passierrt wird auch große Auswirkung auf uns haben. Und man kann lernen wie der Tech-Imperalismus funktioniert, udn wie man ihn evtl. bekämpfen kann.



    Sich immer darauf zu konzentrieren, dass Lula vielleicht schon zu alt ist, geht leider ziemlich am Thema vorbei. Interessanter ist zu fragen, wie es sein kann, dass ein völlig ungeeigneter Sohn eines verurteilten Putschisten / einer lächerlichen Trump-Kopie, die größte Demokratie Lateinamerikas übernehmen könnte. Lula scheint dank Erfahrung und Charismas zur Zeit die einzige Waffe gegen die US-Techno-Mafia.

  • Don Geraldo

    "Doch „Korruption wird generell eher der aktuellen Regierung angelastet“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista. "

    Wem auch sonst ?



    Es ist doch vollkommen sinnlos, jemanden zu bestechen, der in der Opposition ist und keinerlei Einfluß auf die staatlichen Institutionen hat.

  • Demokrat

    Soweit ich weiss ist Lula wegen Korruption oder Vorteilnahme rechtskräftig verurteilt und auch im Gefängnis gewesen.



    Wieso sollte dann Bolsonaro, wie die Bildunterschriftv suggeriert ein Herz für korrupte heben.



    Das mach doch keinen Sinn.



    Komischer Artikel

    • jan ü.

      @Demokrat:

      Lula ist komplett entlastet, seine Haftstrafe beruhte auf einer einzigen offensichtlichen Aussage. Man hatte versucht ihn mit einer Imobilie in die Falle zu locken, was nicht gelang.

      • Demokrat

        @jan ü.:

        Die rahlen des statistischen Bundesamts zum regenwaldverlust lassen sich bestimmt auch entsprechend günstig interpretieren.



        www.destatis.de/DE...elt/Regenwald.html

        Genial

        • Demokrat

          @Demokrat:

          Ich will gar nix suggerieren.



          Die Zahlen des Bundesamtes sond dann wohl falsch.

          • jan ü.

            @Demokrat:

            Die Zahlen in der von dir verlinkten Statistik zeigen nur die wachsende Zerstörung des Regenwaldes durch weltweit. In Brasilien ist die Zerstörung unter Lula deutlich zurück gegangen. Während der Bolsonaro-Clan den Amazonas komplett zur Ausbeutung freigeben will, versucht die Regierung Lula, die Entwaldung bis 2030 auf null zu reduzieren.

            »Lulas symbolträchtiger Vorschlag unterstrich noch einmal, wofür er als Präsident stehen möchte: für eine Umkehr der Waldpolitik, wie sie sein Vorgänger Jair Bolsonaro verfolgt hatte. Unter seiner Regierung hatte die Rodung des Amazonaswaldes Rekordwerte erreicht. Er hatte Behörden demontiert und Gesetze abgeschwächt, die den größten Regenwald der Erde schützen sollten. „Es herrschte Wilder Westen“, fasst der zuständige GIZ-Programmleiter Christian Lauerhaß die Zeit zusammen. Das hat sich nun geändert.«



            www.giz.de/de/news...itik-zeigt-wirkung

        • jan ü.

          @Demokrat:

          Keine Ahnung was du sugerieren willst? Lula ist in quasi allen Aspekten besser, außer vielleicht bei der Bereicherung der Oberschicht. Unter Lula ist die Abholzung deutlich zurückgegangen, viele Indigene Stämem bekamen Schutzgebiete. Bolsonaro Junior will das zurücknehmen und Ausbeutung der Amazonas weitgehend freigeben.

      • Demokrat

        @jan ü.:

        Is klar.

      • jan ü.

        @jan ü.:

        *Falschausage

  • FtznFrtz

    Merkwürdig, in Brasilien leidet die Politik unter einer weitgehenden Trumpifizierung, greise Staatschefs, durchgeknallte Rechtspopulisten, Sozialisten von vorgestern.



    Wo bleiben halbwegs vernünftige, gerne auch mal gemäßigte Politiker, die nicht schon 15 jahre in Rente sein könnten?

    • Machiavelli

      @FtznFrtz:

      Die Gurken bei unter ferner liefen rum weil sie den Armen nicht Geld versprechen und den Reichen keine Steuersenkungen.

      • FtznFrtz

        @Machiavelli:

        Ist es wirklich so banal? Wäre schlimm wenn Sie recht hätten.