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Debatte nach den Wahlerfolgen der AfD Und triffst du nur das Fahnenwort

Kommentar von

Wolf Iro

Der Autor Simon Strauß schlägt vor, dass sich rechts, Mitte und links hinter dem Begriff der Republik versammeln. Kategorien wie „Demokratie“ seien „abgenutzt“. Eine Replik.

S eit dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt auf der Basis einer Vergangenheit, die es so nicht gab, und einem Zukunftsversprechen, wie es ungefährer kaum sein könnte („alles wird gut“), läuft im Land eine fieberhafte Suche: Was kann als verbindendes Element über die verschiedenen Wählerschichten hinweg dienen? In diesem Kontext ist auch Simon Strauß’ aufschlussreicher, jüngst im FAZ-Kulturteil als Aufmacher erschienener Beitrag „Von deutscher Republik“ zu verstehen (FAZ vom 18. 9.).

Aufschlussreich nicht allein, weil der 38-jährige Autor, indem er die Partei bereits im ersten Absatz als „rechtsrevolutionär“ beschreibt, kritiklos die AfD-Legende von der anstehenden „zweiten friedlichen Revolution im Osten“ übernimmt und auch ihren sachsen-anhaltischen Frontmann Ulrich Siegmund, immerhin Teilnehmer des Potsdamer Geheimtreffens und offenkundiger Anhänger der Idee vom großen Bevölkerungsaustausch, lediglich als „dezidiert rechts“ einstuft. Aufschlussreich vielmehr auch deshalb, weil das FAZ-Feuilleton hier in Reaktion auf die Landtagswahl einen Artikel präsentiert, der die Öffnung nach rechts auslotet.

Ausgangspunkt von Strauß’ Überlegungen ist seine Feststellung, dass es „in zu Ende gehenden Zeiten“ eines neuen Vokabulars (er nennt es tatsächlich „Fahnenwörter“) bedürfe, um „das Ehrgefühl des Zusammengehörigseins zu wecken“. Kategorien wie „Demokratie, Zivilgesellschaft oder Rechtsstaat“, so seine nonchalante Diagnose, hätten sich „im politischen Abwehrkampf abgenutzt“.

Stattdessen plädiert der Autor für den Begriff der Republik, denn diese habe sich „einen Klang bewahrt, der mehr einbezieht als nur das, was ihm angenehm ist“. Strauß geht dabei über ein rein verfassungsrechtliches Republikverständnis als Gegenkonzept zu Monarchie und Erbfolge hinaus. Was er uns vielmehr ans Herz legen möchte, ist ein „impulsiver Begriff der Republik“. In einer solchen könne „sowohl linker wie rechter Sinn gesucht werden, weil sie Anstand und Inklusion, Ehrgefühl und Solidarität zugleich“ ausdrücke.

Appell mit viel Pathos

Strauß’ mit viel Pathos vorgetragener Appell beruht auf drei Prämissen – der politischen Unschärfe, der historischen Verzerrung und einem scheinbar naiven Verständnis von Gemeinwohl. Was der Autor erstens unter rechter „Gesinnung“ versteht, in deren Richtung eine „Brücke“ gebaut werden solle, wird in dem Text nie klar. Meint er noch konservativ-demokratisch oder schon rechtsextrem? Einzig ein völkisches Nationenverständnis, von Strauß nebulös als das „reißerisch Rachsüchtige“ umschrieben, lehnt er ab.

Warum aber fällt es ihm so schwer, den Rassismus der AfD beim Namen zu nennen? Stattdessen scheint er ihn mit seiner gespreizt-reaktiven Rache-Formel gleichsam exkulpieren zu wollen.

Noch problematischer wird dies zweitens durch eine völlig ahistorische Begriffsverwendung. So verkürzt Strauß die antike Republik auf die Teilnahme an der öffentlichen Sache (res publica) und verklärt diese zur „Charakterfrage einer Tugend“. Dass der Athener Staat ebenso wie der römische sozioökonomisch auf den von der Republik und ihrem Gemeinwesen ausgeschlossenen Sklaven beruhte, ist ihm keinerlei Erwähnung wert.

Wie man weiß, war das Gleiche auch in der US-amerikanischen Republik der Fall (welche der schwarzen Bevölkerung sogar erst weit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht zugestand). Natürlich gibt es auch eine andere Denktradition. Indes, „republikanisch“ als expliziten „Gegenbegriff zu ethnisch“ zu feiern, wie Strauß es tut, ist schlechterdings nicht möglich.

Ritterliche Signalwörter

Und schließlich drittens der Begriff des Gemeinwohls. Für Strauß sollen offenbar selbst die organisierten Simson-Moped-Fahrten der AfD eine Art republikanische Verantwortungsübernahme sein. Über die politischen Hintergedanken solcher Exkursionen allerdings schweigt er sich aus – anders wäre sein bis zur Bedeutungslosigkeit breit gefasster und mit allerlei ritterlichen Signalwörtern aufgeladener Containerbegriff nicht aufrechtzuerhalten.

Als „Fahnenwort“ taugt die Republik daher sicherlich nicht – jedenfalls nicht, wenn man die in der Verfassung kodifizierte Ethik bewahren will. Überhaupt, wozu dieser ganze terminologische Aufwand, wenn man mit dem Grundgesetz doch ein Regelwerk besitzt, das unendlich klarer ist als jener vage Begriff des Gemeinwohls, zu dessen Illustration Strauß fadenscheinige Beispiele bemüht? Ein Regelwerk, nebenbei, das nach Umfragen aus dem Jahre 2024 mehr als drei Viertel der Bevölkerung als sehr gut oder gut einschätzt.

Es ist höchste Zeit, die Verfassung dieses Landes energisch zu verteidigen. Hierzu steht auch eine Neubetrachtung des vom Politologen Dolf Sternberger erdachten und von Jürgen Habermas weiterentwickelten Verfassungspatriotismus auf der Tagesordnung. Einigen Konservativen mag er als Beschreibung ihrer eigenen emotionalen Beziehung zum Land nicht genügen. Radikale Linke wiederum mögen mit dem Begriff des Patriotismus fremdeln. Dennoch sollten sich alle Demokraten unabhängig von ihren politischen Differenzen auf der gemeinsamen Grundlage der Verfassung zusammentun.

Das Grundgesetz konkret

Und was heißt das in der Praxis? Offiziöse Veranstaltungen sind ungeeignet. Es braucht frische Ideen.

Ein Beispiel liefert „Nordhausen zusammen“, ein überparteiliches Bündnis, das von sozialen und kulturellen Organisationen, aber auch Privatpersonen getragen ist und sich für eine gelingende Demokratie „in Nordhausen, Thüringen und darüber hinaus“ einsetzt. In einem fünfminütigen Clip präsentiert die Initiative lokale Bürgerinnen und Bürger, wie sie je einen Artikel der Verfassung zitieren, der für sie von konkreter persönlicher Bedeutung ist.

Da trägt der Lokalredakteur den Artikel zur Zensurfreiheit vor und die afrodeutsche Unternehmerin jenen zur Gleichheit. Die Pastorin zitiert die Religionsfreiheit, während der Theaterintendant an die Freiheit der Kunst erinnert. Und man staunt: Unversehens gewinnt der abstrakte Text eine unmittelbare und, ja, berührende Konkretion.

Genau darum aber geht es, um konkreten Bezug nämlich und nicht um ein schwüles „Glaubensbekenntnis“, wie es Strauß vorschwebt („Republikanisch kann man nie ganz sein, sondern sich immer nur ein bisschen fühlen“). Dem Zeitgeist des Irrationalismus begegnet man nicht, indem man sich ihm in die Arme wirft.

Wolf Iro ist Kulturmanager und Autor. Soeben erschien sein Buch „Was jetzt zählt. Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus“ im Wagenbach-Verlag Berlin

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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12 Kommentare

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  • Offebacher

    Da ich den Originaltext in der FAZ wegen Bezahlschranke nicht lesen kann, nur zwei Bemerkungen dazu.



    1) Simon Strauß schreibt im Feuilleton der FAZ und hat zur römisch-republikanischen Gesellschaft dissertiert. “www.faz.net/redakt...uss-200010013.html"



    2) Mir ist eine demokratische Monarchie viel lieber als eine republikanische Diktatur. Lieber in den monarchistischen Niederlanden leben als im republikanischen Russland, lieber heute im monarchistischen Spanien leben als früher unter Franco im republikanischen Spanien.



    Das wichtigste aber: Leben in einem Rechtsstaat, und dieser wird am besten durch eine Demokratie gestützt. Es gibt zwar auch autokratische Rechtsstaaten (Paradebeispiel Singapur), aber was ist, wenn der Autokrat oder die Autokratin wechselt? Dann kann aus einem Rechtsstaat sehr schnell ein Unrechtsstaat werden.

  • Arne Babenhauserheide

    Wie jemand auf die Idee kommen kann, das Wort Demokratie den Rechtsextremen zu überlassen, könnte irgendwas verbessern, ist mir unverständlich.

  • Arne Babenhauserheide

    Danke für den tollen Text – und den Verweis auf das Grundgesetz!

  • Wonko the Sane

    Hier stehen richtige Argumente, trotzdem ist das doch eine Gespensterdebatte. Das Wahlvolk der Faschisten hat materielle/ökonomische Sorgen und will sie ideologisch/identitär lösen. Denen braucht man weder mit Republik, noch mit Demokratie, noch mit Verfassungspatriotismus zu kommen, das ist denen alles völlig egal.

    • Astrid Sehnefeld

      @Wonko the Sane:

      Ideologisch geht jede Partei ran - ansonsten stimme ich Ihrer kurzen aber prägnanten Zusammenfassung aber zu.



      Ich würde das finale Fazit überdenken. Ich glaube nicht, dass deren Wählern "alles egal ist", aber die materielle Not und die Zukunftsängste übertreffen Republik und Verfassungspatriotismus um Längen mittlerweile.



      Dass das alles nicht nur Hirngespinste sind sollte man sich eingestehen, wenn man bedenkt, dass längst selbst im Westen und auch in reichen Bundesländern - Bayern, Baden-Württemberg und Hessen exemplarisch genannt - die AfD bei 15 bis 20% liegt...

  • Verboten

    Zwei interessante Artikel. Sowohl dieser hier, als auch der Ursprungsartikel in der FAZ, den ich damals auch gelesen habe.

    Hier in der taz steht:

    "Es ist höchste Zeit, die Verfassung dieses Landes energisch zu verteidigen"

    Nun, bisher hat unsere Verfassung offensichtlich noch nicht dazu geführt die AfD zu verbieten. Als Verfassungspatriot und Verteidiger der Verfassung müsste man ja nun eigentlich energisch für die Gleichbehandlung aller zur Wahl zugelassenen Parteien eintreten. Oder? Alleine die Forderung nach einem Verbot, ist noch kein Verbot.

    Entweder ist unsere Verfassung hier lückenhaft, oder die Argumentation des Autors.

  • Philippo1000

    Wohl - kaum!



    In einer Zeit, in der die "Republikaner" in den USA gerade die Demokratie demontieren, ist eine Rückbesinnung auf den Begriff der Republik weltvergessen.



    Geschichtsvergessen ist es außerdem, da wir in Deutschland bereits eine rechtsextreme Partei namens "Republikaner" hatten.



    Der Reichstag als von den Nazis angezündetes Zeichen der Demokratie wurde, wie öffentlich ersichtlich,



    "DER BEVÖLKERUNG" gewidmet.



    "Gute Gesellschaft" wäre ein weiterer positiver Begriff.



    Schwierig finde ich weiterhin "die Linke", da die Partei so keinen Raum mehr lässt für linke Bürger*Innen, die vielleicht eine andere Partei wählen oder in gewissen Zusammenhängen andere Meinung sind.



    Grundsätzlich empfinde ich das Wort Demokratie nicht abgenutzt und sehe mich auch als Demokrat.



    Zivilgesellschaft, Rechtsstaat und Brandmauer empfinden Diejenigen als überholt, die diese Werte schleifen wollen.



    Umso mehr sollten sie am Leben erhalten werden.



    Zur Antike sei noch erwähnt , dass es sich um eine "Demokratie der Besitzenden" handelte.



    Heloten, also Griechen ohne Bürgerrechte waren halt die Bauern denen naturgemäß kein Wahlrecht zustand.



    Dass Frauen Teil des Besitzes waren ist ebenfalls etwas unmodern.

  • Grauton

    Neben der griechischen, der römischen und der amerikanischen gab und gibt es ja noch die französische Republik und andere. Der Gedanke der Republik ist also nicht unmittelbar mit der Sklaverei verbunden, eher vielleicht mit allgemeinem Wohlstand.



    Und schließlich ist Deutschland nun ja auch eine Republik, am ehesten aus der französischen Tradition entstanden. Also ganz so falsch kann es nicht sein.



    Verfassungspatriotismus, ist schön und gut, aber eben doch eher abstrakt und der deutschen Tradition folgend eher ein auf das Recht abzielender Begriff und weniger auf ein Gemeinschaftsgefühl, wie Sie ja auch dann einräumen, auch wenn es Versuche gibt, ihm Leben einzuhauchen, wie Sie beschreiben.



    Man sollte keinen zu großen Gegensatz zwischen Verfassung und Republik konstruieren, denn in Deutschland gehört glücklicherweise beides zusammen. Und das sollt auch so bleiben.

  • Petzi Worpelt

    "auf der Basis einer Vergangenheit, die es so nicht gab"

    Natürlich gab es die. Nicht für alle, aber für viele. Manches war früher natürlich besser, sogar manches in der DDR.



    Sollte oder möchte man dahin zurück? Vermutlich besser nicht, denn viele liberale Errungenschaften wären nicht erkämpft. Aber dass Menschen schöne Aspekte aus früheren Jahren vermissen ist doch absolut nichts verwerfliches. Und der Wunsch und Versuch diese wieder zu erlangen natürlich auch nicht.

    Nicht jede einzelne moderne Entwicklung ist automatisch immer die richtige. Das zu leugnen führt zu nichts.

  • FtznFrtz

    Welche Aufwand betrieben wird, die "Gesirems" in unsere traute Mitte zu holen, damit ja auch jeder Nazi unsere Republik toll findet hölen wir sie aus, entkernen sie von störendem Rechtsstaat, nervigem Grundgesetz und ähnlichem Gedöns. Wenn manche in den Medien so weitermachen braucht es dann gar keine hasserfüllten Dekrete aus den AfD-Ministerien, der vorauseilende Gehorsam macht's möglich.

  • Mondschaf26

    „Schläft ein Lied in allen Dingen..."



    Für alle Romantiker:innen hier der Eichendorff-Bezug zur Überschrift:



    www.gedichte7.de/wuenschelrute.html

  • Astrid Sehnefeld

    "Seit dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt auf der Basis einer Vergangenheit (...) läuft im Land eine fieberhafte Suche: Was kann als verbindendes Element über die verschiedenen Wählerschichten hinweg dienen"



    Diese Aussage offenbart unbeabsichtigt wo der große Fehler liegt und lag.



    Alle Parteien haben sich viel zu lange aufs Glück verlassen - 'wird schon gut gehen.'



    Egal wie viel Prozent die AfD holte. Egal, dass die AfD schon zur Europawahl fast alle Kreise im Osten gewann. Egal, dass sie irgendwann auch die Union überholte.



    'Wird schon gut gehen' - bis Sachsen-Anhalt kam und die AfD noch stärker performte als vorhergesagt UND das BSW zeitgleich unerwartet die 5% schaffte.



    Nun ist die Brandmauer, die nie Lösungen anbot, übersprungen. AfD und BSW können alleine.



    Jetzt plötzlich suchen Medien und Parteien Lösungen. Jetzt plötzlich will man zuhören. Jetzt plötzlich will man die Wähler doch zurückholen. Jetzt plötzlich soll 'Verbindendes' gesucht werden.



    Allein, ob die Wähler nochmal zuhören wollen, nachdem sie jahrelang als auszugrenzen eingeordnet wurden, ist mehr als fraglich - und überhaupt muss dieses 'Verbindende' erstmal gefunden werden, weil keiner weiß, was das sein soll.