Reproduktionsmedizin in Spanien: Mutterschaft und/oder Karriere
Spaniens Fußballverband will Spielerinnen das Einfrieren von Eizellen finanzieren. Ein feministischer Erfolg?
Foto: IMAGO/Andre Weening
Profifußball auf höchstem Niveau und Mutter werden, das schließt sich aus. Bisher zumindest. Doch jetzt bietet der Königlich Spanische Fußballverband (RFEF) seinen Spielerinnen der Nationalmannschaft einen ganz besonderen Service an: Die Weltmeisterdamen können künftig Eizellen einfrieren lassen und sich so den Kinderwunsch nach ihrer aktiven Zeit mit Eizelle aus jungen Jahren nach künstlicher Befruchtung erfüllen.
„Ein großer Fortschritt“, lobt die Mittelfeldspielerin Alexia Putellas. „Der Verband begreift, dass du deinem Land dienst im Widerspruch zu deiner biologischen Zeit, dass du nicht aufhören kannst, nicht Mutter werden kannst, da du deinen Körper für die Arbeit brauchst“, erklärt die Weltfußballerin des Jahres 2022 gegenüber der spanischen Presse. Denn in der Zeit, in der viele Frauen ihr erstes Kind gebären – zwischen 25 und 35 Jahren –, ist auch die Zeit, in der Spitzensportlerinnen ihre beste Leistung bringen.
Führt das Einfrieren der Eizellen also endlich dazu, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen? Nicht alle sind da so optimistisch wie Putellas. „Und wenn eine Maßnahme, die sie uns als feministisch verkaufen, in Wirklichkeit zutiefst machistisch ist“, hinterfragt die Athletin Ana Peleteiro das Angebot des RFEF und sorgt damit für eine heftige Diskussion. „Das Problem ist nicht, Eizellen einzufrieren.
Das Problem ist vielmehr, warum die Institution für die diese Frauen arbeiten, ein Interesse daran hat, das Zurückstellen der Mutterschaft zu finanzieren“, sagt die Olympiadritte im Dreisprung 2020 in Tokio und dreifache Europameisterin. Peleteiro, die in ihrer aktiven Zeit zweimal Mutter wurde und sich an die Weltspritze zurückgekämpft hat, warnt davor, dass dieses Angebot schnell zum Druckmittel werden könnte: „Was wollen sie? Die Mutterschaft ermöglichen oder dafür sorgen, dass sie nicht Mutter werden, solange sie aktiv sind?“
Als Alternative schlägt Peleteiro vor, dass Verband und Vereine eine Mutterschaftspause finanzieren und den Platz in der Mannschaft erhalten. 2020 wurde der Mutterschaftsurlaub ausgehandelt und 2025 in den Tarifvertrag für Profifußballerinnen aufgenommen. Aber eine Garantie, wieder auf den angestammten Platz zurückzukehren, gibt es nicht.
Das Ende ihrer Karriere
Marta Corredera weiß dies nur zu gut. Als die Verteidigerin nach einer Schwangerschaft 2023 zu Real Madrid zurückkam, hatte eine andere Spielerin ihren Posten inne. Sie habe keinen Platz mehr in den Plänen des Clubs, wurde ihr mitgeteilt. Es war das Ende ihrer Karriere. „Als Erstes ist Normalisierung gefragt“, erklärte sie in einem ausführlichen Gespräch gegenüber einer spanischen Nachrichtenagentur. „Eine Sportlerin ist eine Frau wie jede andere auch und hat das Recht, schwanger zu werden, Beruf und Familie zu vereinbaren und eine Familie zu gründen“, mahnt sie an.
Das Einfrieren von Eizellen löst in Spanien längst nicht nur im Spitzensport Diskussionen aus. Viele ganz normal berufstätige Frauen sehen sich vor dem Dilemma Mutterschaft und Karriere und finanzieren den vermeintlichen Zeitgewinn selbst. Die Spezialkliniken sind sich dessen bewusst und nutzen den Frauensport, um für sich zu werben. So etwa auf den Trikots des Fußballverein Córdoba CF oder beim Basketballclub Lucentum Alicante. Und 2023 unterstützte eine Fruchtbarkeitsklinik Futpro, die größten Vereinigung von Fußballspielerinnen in Spanien.
Das Geschäft dieser Kliniken boomt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Frauen, die Eizellen einfrieren lassen, verdreißigfacht. Immer mehr Frauen projektieren ihren Kinderwunsch in eine ferne Zukunft und hoffen, dass Karriere so weit konsolidiert ist, dass eine Mutterschaft das berufliche Weiterkommen nicht mehr gefährdet. Die Zahl derjenigen, die mit 40 Jahren oder mehr Mutter werden, übertreffen die unter 25.
Umfragen zeigen, mit welchem Widerspruch viele Spanierinnen leben. Laut der „Fruchtbarkeitsumfrage“ des spanischen Statistikinstitutes (INE) wünschen sich 72 Prozent der Spanierinnen zwischen 25 und 29 Jahren zwei oder mehr Kinder. Doch daraus wird meist nichts. Denn Spanien hat – gemeinsam mit Malta – mit gerade einmal 1,1 Kindern pro Frau die niedrigste Geburtenrate in der Europäischen Union. Die Zahl der Geburten ist in den letzten zehn Jahren um 100.000 pro Jahr zurückgegangen.
Was fehlt zum Mutterwerden?
Die Journalistin Diana Oliver, Autorin des Buches „Maternidades precarias“ (Prekäre Mutterschaft), glaubt nicht, dass die Lösung des Geburtenrückgangs darin liegt, das Einfrieren von Eizellen zu normalisieren. „Vielmehr müssen wir uns fragen, warum wir diesen entscheidenden Lebensschritt überhaupt hinauszögern. Liegt es an fehlender Stabilität? Daran, dass uns im Berufsleben Dinge abverlangt werden, die sich nicht mit der Kindererziehung vereinbaren lassen? Oder sind es prekäre Arbeitsverhältnisse und die schwierige Wohnungssituation?“, sagt sie.
Eine Studie der spanischen Zentralbank zeigt Frauen, die Mutter werden, müsse mit Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt rechnen. Im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes sinkt das Einkommen von Frauen um 11 Prozent. Das der Väter bleibt gleich. Zehn Jahre später beläuft sich der Unterschied gar auf 28 Prozent.[Link auf https://www.bde.es/wbe/es/publicaciones/analisis-economico-investigacion/documentos-ocasionales/child-penalty-spain.html]
„Es liegt auf der Hand – vorausgesetzt, man kann selbst entscheiden, was das Beste für einen ist – dass das Einfrieren von Eizellen, nur um sich beruflichen Anforderungen anzupassen und produktiver zu sein, nicht als gesellschaftlicher Fortschritt für Frauen betrachtet werden kann“, kommentiert die größte spanische Tageszeitung El País. Mutter zu werden, dürfe weder die Karriere einer Sportlerin noch die irgendeiner anderen Frau negativ beeinträchtigen. Das sei aus dem Grundkurs Feminismus.
Dass es auch anders geht, zeigt der Welttennisverband WTA. Dieser verabschiedete 2025 eine Regelung für Profispielerinnen. Sie erhalten bezahlten Mutterschaftsurlaub und kehren anschließend auf die Weltranglistenposition zurück, auf der sie sich vor der Schwangerschaft befanden.
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