Podcast von Louis Klamroth : Menschenversteher im Hateland
Der Fernsehmoderator versucht, über die Person von Ronald Barnabas Schill das Phänomen des Rechtspopulismus zu verstehen.
Foto: Miguel Villagran/dpa
H ateland“, das ist eine Podcastserie in der ARD, bei der es um die rechten Ränder geht. Das ist interessant, und es ist auch gar keine schlechte Idee von Louis Klamroth, bekannt als Moderator des ARD-Polittalks „Hart aber fair“, sich in diesem Zusammenhang einmal mit einem Mann zu beschäftigen, der vielleicht so etwas wie ein Prototyp der heutigen Rechtspopulisten war: Ronald Barnabas Schill.
Schill, Jüngeren, wenn überhaupt, nur noch als traurige Figur aus dem Reality-TV („Promi Big Brother“) bekannt, mischte Anfang der 2000er-Jahre in Hamburg die Politik auf. Als Amtsrichter wegen seiner harten Urteile berüchtigt und vom Boulevard mit dem Beinamen „gnadenlos“ ausgezeichnet, gründete Schill eine eigene Partei und stieg in den Bürgerschaftswahlkampf 2001 ein, wo er aus dem Stand 20 Prozent der Stimmen holte. Er wurde Innensenator und Zweiter Bürgermeister im Senat von Ole von Beust (CDU), dem er damit ermöglichte, die jahrzehntelange SPD-Herrschaft über die Stadt zu brechen.
Ist der Aufstieg von Ronald Schill eine Blaupause dessen, was wir gerade mit der AfD erleben? Erst einmal nicht. Schon, weil die etablierten Parteien (bisher) nicht mit der AfD koalieren – anders als damals Ole von Beust, der im Podcast ausgiebig zu Wort kommt und darlegt, Schill sei zwar rechtspopulistisch, aber nicht undemokratisch oder rechtsextrem gewesen.
Irgendwie fand er Schill anfangs wohl sogar sympathisch, ein „witziger Typ“, was sich dann später ändern sollte. Auch Louis Klamroth selbst erinnert sich an Auftritte von Schill an seiner Schule, bei denen er dabei war, zusammen mit seinem Vater, dem Schauspieler Peter Lohmeyer, der bei dem Vortrag pfiff, was dem Sohn peinlich war.
Harter Hund mit Charisma
Schill, erinnert sich Klamroth an seinen Eindruck als Schüler, habe durchaus Charisma gehabt. Das fanden in seiner Schule offenbar viele, doch Jugenderinnerungen ersetzen noch keine Analyse. Was fand die Öffentlichkeit damals so interessant an einem Mann, der sich als harter Hund inszenierte, im Kampf gegen„Ausländerkriminalität“, „Drogenbanden“ und „Linke Chaoten“?
Na ja, sagt Klamroth, die Kriminalstatistik sei damals schon schlecht gewesen in Hamburg. Dann werden Stimmen aus damaligen Straßenumfragen eingeblendet, die sagen, dass sie sich in der Stadt nicht sicher fühlten. Klamroth selbst erinnert sich, er habe im Sandkasten erst spielen dürfen, nachdem seine Eltern gecheckt hätten, dass der spritzenfrei war.
Doch nicht, dass es Probleme gibt, ist das Problem, sondern die Erzählung, in der sie ihre Bedeutung erhalten: Kriminalität kommt von außen, wir werden bedroht, wir müssen uns wehren. Und „der Staat“ versagt. Die regierende SPD geriet in Panik und stellte einen gewissen Olaf Scholz als Innensenator auf, der den Hardliner geben sollte.
Spöttisch erinnert sich Schills Steigbügelhalter Ole von Beust daran, wie der nicht gerade groß gewachsene Scholz sich beim Training mit einem Polizeihund fotografieren ließ, der sich in seinem mit Watte geschützten Arm verbiss. Scholz war es auch, der Brechmitteleinsätze bei mutmaßlichen Drogendealern genehmigte, eine Praxis, die bald darauf zum Tode des Nigerianers Achidi John führte.
Und plötzlich sind die Parallelen doch unübersehbar: Themen, denen man sich nicht entziehen kann, werden gesetzt, doch von wem eigentlich? Von den Rechtspopulisten? Oder von den Medien, die mit ihnen Schlagzeilen machen? Klamroth wird an dem Punkt durchaus selbstkritisch, in Bezug auf seine Talkshow, aber auch hilflos: Wir müssen doch darüber berichten! Aber wenn wir darüber berichten, machen wir sie stärker.
Ganz am Ende, in der fünften Folge, kommt bei Klamroth sogar der völkische AfD-Rechtsaußen Björn Höcke zu Wort. Er sagt, er und seine Freunde hätten aus dieser Geschichte viel gelernt, sie sei für sie ein „Lehr- und Lerngegenstand“ gewesen.
Schill lebt jetzt von seiner Richterpension in Brasilien, in einer Favela am Rande von Rio de Janeiro. Ganz am Schluss des Podcasts schaut er aus dem Fenster seines Hauses heraus und sagt, man solle ihn in Ruhe lassen. Er wolle mit Deutschland nichts mehr zu tun haben.
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