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Sterbehilfe-Aktivist Roger Kusch ist totHardliner und Aktivist

Roger Kusch war Hamburger Justizsenator in der CDU-Schill-Regierung in den nuller Jahren. Danach konzentrierte er sich auf das Thema Sterbehilfe.

Das Gericht gab ihm recht: Roger Kusch wartet 2019 auf den Beginn der mündlichen Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts Foto: Uli Deck/dpa

Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch, der sich jahrelang für assistierten Suizid einsetzte, hat sein Leben offenbar selbst beendet. Wie das Hamburger Abendblatt berichtete, fanden Polizisten den 71-Jährigen leblos in dem Keller, der zu seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil St. Georg gehört. Zuvor hätten die Beamten in der Wohnung Substanzen gefunden, die in der aktiven Sterbehilfe verwendet werden.

Kusch war bis vor wenigen Tagen Vorsitzender des deutsch-schweizerischen „Vereins Sterbehilfe“, der mitteilte, man habe mit großer Trauer und Bestürzung von dem Tod erfahren. Kusch habe wichtige Impulse gesetzt und die Diskussion um Selbstbestimmung und Würde am Lebensende in Gesellschaft und Rechtspolitik nachhaltig beeinflusst.

Kusch hatte 2008 begonnen, aktiv Sterbehilfe zu leisten, und mehrere entsprechende Vereine gegründet, in denen Menschen Mitglied werden konnten, die einen assistierten Suizid erwogen. Gegen ein Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe durch den Bundestag zog er vors Bundesverfassungsgericht, das ihm 2020 recht gab. Mit ihm verliere er „eine Persönlichkeit, die die Arbeit und die öffentliche Wahrnehmung unseres Themas über viele Jahre maßgeblich geprägt hat“, bedauert der Verein Sterbehilfe.

Allerdings sind der Verein und Kusch im Streit auseinandergegangen. Bei einer Generalversammlung am Samstag vor einer Woche wurde er von einer großen Mehrheit der Mitglieder abgewählt. Vorausgegangen war nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland ein Streit, der schon seit mindestens Dezember vergangenen Jahres schwelt. Kusch hatte dem Geschäftsführer des Vereins vorgeworfen, einer dement werdenden Frau leichtfertig Hilfe bei einer etwaigen Selbsttötung zugesagt zu haben.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie den Verdacht, an Depression zu leiden? Oder haben Sie sogar suizidale Gedanken? Andere Menschen können Ihnen helfen. Sie können sich an Familienmitglieder, Freun­d:in­nen und Bekannte wenden. Sie können sich auch professionelle oder ehrenamtliche Hilfe holen – auch anonym. Bitte suchen Sie sich Hilfe, Sie sind nicht allein. Anbei finden Sie einige Anlaufstellen.

: Rufen Sie den Notruf unter 112 an, wenn Sie akute suizidale Gedanken haben. Wenn Sie sofort behandelt werden möchten, finden Sie Hilfe bei der psychiatrischen Klinik oder beim Krisendienst.

: Holen Sie sich Hilfe durch eine Psychotherapie. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kann Ihnen ferner Hilfe und Information zum Umgang mit Depression bieten.

: Sind Sie traurig und möchten jemanden zum Reden haben? Wollen Sie Sorgen loswerden und möchten, dass Ihnen jemand zuhört? Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr besetzt. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Sie können auch das schriftliche Angebot via Chat oder Mail in Anspruch nehmen.

: Die MANO Suizidprävention bietet eine anonyme Onlineberatung an. Wenn Sie über 26 Jahre alt sind, können Sie sich auf der Webseite registrieren. Sollten Sie jünger sein, können Sie hier eine Helpmail formulieren.

: Die Nummer gegen Kummer hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern zu helfen. Kinder erhalten dort Unterstützung unter der Nummer 116 111, Eltern unter 0800 111 0 550, und bei der Helpline Ukraine unter 0800 500 225 0 finden Sie auch Hilfe auf Russisch und Ukrainisch.

: Die Ehrenamtlichen des Muslimischen Seelsorgetelefons erreichen Sie anonym und vertraulich unter 030 443 509 821.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention können Sie nach weiteren Seiten und Nummern suchen, die Ihrem Bedarf entsprechen.

Dem Bericht zufolge sollen ein grundsätzlicheres Problem jedoch Kuschs autoritärer Führungsstil gewesen sein und sein Hang zum unabgesprochenen Handeln. Es habe persönliche Kränkungen gegeben, Kusch sei im Kreise der Mitarbeiter isoliert gewesen.

Wie aus Unterlagen des Vereins hervorgeht, lud Kusch ohne Absprache mit den anderen Vorstandsmitgliedern für den 21. März zu einer außerordentlichen Generalversammlung nach Hamburg ein, die das Bezirksgericht Zürich untersagte. Bei der ordentlichen Generalversammlung am 16. Mai wurde Kusch mit großer Mehrheit abgewählt.

Der Vorwurf, kein Teamplayer zu sein, trug auch zu seiner Entlassung 2006 als Hamburger Justizsenator bei. Der CDU-Politiker Ole von Beust hatte ihn 2001 in den Hamburger Senat geholt, nachdem er zuvor eine Koalition mit der FDP und der Partei des Rechtspopulisten Ronald Schill geschmiedet hatte.

Von Beust gab seinem Studienfreund das Justizressort, wofür dieser durchaus Referenzen vorweisen konnte. Zur Karriere des Juristen gehörten Stationen als Regierungsrat in einer Jugendstrafanstalt, als Jugendrichter, als Leiter des Referats für Strafprozessrecht im Bundesjustizministerium und als Referatsleiter Innere Sicherheit im Bundeskanzleramt.

Als Senator inszenierte sich Kusch als rechter Hardliner, etwa indem er medienwirksam einen Wüstenknast in Arizona besuchte. Er wandelte einen Teil des offenen Strafvollzuges in geschlossene Haftplätze um und ließ den Brechmitteleinsatz bei mutmaßlichen Drogendealern fortsetzen, auch nachdem ein 19-Jähriger aus Kamerun dabei ums Leben gekommen war.

Als Senator inszenierte sich Kusch als rechter Hardliner, etwa indem er medienwirksam einen Wüstenknast in Arizona besuchte

In der CDU machte er sich mit unabgestimmten Vorstößen zur Sterbehilfe und zur Abschaffung des Jugendstrafrechts samt der Jugendgerichtsbarkeit unbeliebt. Im Frühjahr 2006 weigerte er sich trotz angedrohter Beugehaft, in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss auszusagen. Nach mehrfachen Warnungen entließ ihn von Beust schließlich Ende März 2006.

Direkt anschließend trat Kusch aus der CDU aus und versuchte, mit einer neuen rechten Partei in die Bürgerschaft zu kommen, scheiterte aber mit 0,5 Prozent der Stimmen kläglich. Danach versteifte er sich auf das Thema Sterbehilfe.

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1 Kommentar

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  • Über Tote bekanntlich _nicht "nur Gutes": es heißt nämlich nisi bene, nicht nisi bonum.



    Mitgefühl mit den ihm Nahestehenden und Fairness (bene) gehören sich dabei auch.



    Bei aller dargestellten Selbstbestimmtheit des eigenen Todes ist ein Suizid nicht immer ein gutes Zeichen, oft das Gegenteil. Es gibt überall Beratungsstellen, die manchmal auch noch auf andere Ideen bringen.

    Roger Kusch war zugleich von der Schillpartei kaum zu unterscheiden, hatte beim Rechtsstaat vielleicht eher nur die ersten sechs Buchstaben im Sinn, so handelte er zumindest in Hamburg oft. Idealisieren sollten wir das auch nachträglich bloß nicht.