piwik no script img

Sterbehilfe-Aktivist Roger Kusch ist totHardliner und Aktivist

Roger Kusch war Hamburger Justizsenator in der CDU-Schill-Regierung in den nuller Jahren. Danach konzentrierte er sich auf das Thema Sterbehilfe.

Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch, der sich jahrelang für assistierten Suizid einsetzte, hat sein Leben offenbar selbst beendet. Wie das Hamburger Abendblatt berichtete, fanden Polizisten den 71-Jährigen leblos in dem Keller, der zu seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil St. Georg gehört. Zuvor hätten die Beamten in der Wohnung Substanzen gefunden, die in der aktiven Sterbehilfe verwendet werden.

Kusch war bis vor wenigen Tagen Vorsitzender des deutsch-schweizerischen „Vereins Sterbehilfe“, der mitteilte, man habe mit großer Trauer und Bestürzung von dem Tod erfahren. Kusch habe wichtige Impulse gesetzt und die Diskussion um Selbstbestimmung und Würde am Lebensende in Gesellschaft und Rechtspolitik nachhaltig beeinflusst.

Kusch hatte 2008 begonnen, aktiv Sterbehilfe zu leisten, und mehrere entsprechende Vereine gegründet, in denen Menschen Mitglied werden konnten, die einen assistierten Suizid erwogen. Gegen ein Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe durch den Bundestag zog er vors Bundesverfassungsgericht, das ihm 2020 recht gab. Mit ihm verliere er „eine Persönlichkeit, die die Arbeit und die öffentliche Wahrnehmung unseres Themas über viele Jahre maßgeblich geprägt hat“, bedauert der Verein Sterbehilfe.

Allerdings sind der Verein und Kusch im Streit auseinandergegangen. Bei einer Generalversammlung am Samstag vor einer Woche wurde er von einer großen Mehrheit der Mitglieder abgewählt. Vorausgegangen war nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland ein Streit, der schon seit mindestens Dezember vergangenen Jahres schwelt. Kusch hatte dem Geschäftsführer des Vereins vorgeworfen, einer dement werdenden Frau leichtfertig Hilfe bei einer etwaigen Selbsttötung zugesagt zu haben.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie den Verdacht, an Depression zu leiden? Oder haben Sie sogar suizidale Gedanken? Andere Menschen können Ihnen helfen. Sie können sich an Familienmitglieder, Freun­d:in­nen und Bekannte wenden. Sie können sich auch professionelle oder ehrenamtliche Hilfe holen – auch anonym. Bitte suchen Sie sich Hilfe, Sie sind nicht allein. Anbei finden Sie einige Anlaufstellen.

: Rufen Sie den Notruf unter 112 an, wenn Sie akute suizidale Gedanken haben. Wenn Sie sofort behandelt werden möchten, finden Sie Hilfe bei der psychiatrischen Klinik oder beim Krisendienst.

: Holen Sie sich Hilfe durch eine Psychotherapie. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kann Ihnen ferner Hilfe und Information zum Umgang mit Depression bieten.

: Sind Sie traurig und möchten jemanden zum Reden haben? Wollen Sie Sorgen loswerden und möchten, dass Ihnen jemand zuhört? Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr besetzt. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Sie können auch das schriftliche Angebot via Chat oder Mail in Anspruch nehmen.

: Die MANO Suizidprävention bietet eine anonyme Onlineberatung an. Wenn Sie über 26 Jahre alt sind, können Sie sich auf der Webseite registrieren. Sollten Sie jünger sein, können Sie hier eine Helpmail formulieren.

: Die Nummer gegen Kummer hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern zu helfen. Kinder erhalten dort Unterstützung unter der Nummer 116 111, Eltern unter 0800 111 0 550, und bei der Helpline Ukraine unter 0800 500 225 0 finden Sie auch Hilfe auf Russisch und Ukrainisch.

: Die Ehrenamtlichen des Muslimischen Seelsorgetelefons erreichen Sie anonym und vertraulich unter 030 443 509 821.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention können Sie nach weiteren Seiten und Nummern suchen, die Ihrem Bedarf entsprechen.

Dem Bericht zufolge sollen ein grundsätzlicheres Problem jedoch Kuschs autoritärer Führungsstil gewesen sein und sein Hang zum unabgesprochenen Handeln. Es habe persönliche Kränkungen gegeben, Kusch sei im Kreise der Mitarbeiter isoliert gewesen.

Wie aus Unterlagen des Vereins hervorgeht, lud Kusch ohne Absprache mit den anderen Vorstandsmitgliedern für den 21. März zu einer außerordentlichen Generalversammlung nach Hamburg ein, die das Bezirksgericht Zürich untersagte. Bei der ordentlichen Generalversammlung am 16. Mai wurde Kusch mit großer Mehrheit abgewählt.

Der Vorwurf, kein Teamplayer zu sein, trug auch zu seiner Entlassung 2006 als Hamburger Justizsenator bei. Der CDU-Politiker Ole von Beust hatte ihn 2001 in den Hamburger Senat geholt, nachdem er zuvor eine Koalition mit der FDP und der Partei des Rechtspopulisten Ronald Schill geschmiedet hatte.

Von Beust gab seinem Studienfreund das Justizressort, wofür dieser durchaus Referenzen vorweisen konnte. Zur Karriere des Juristen gehörten Stationen als Regierungsrat in einer Jugendstrafanstalt, als Jugendrichter, als Leiter des Referats für Strafprozessrecht im Bundesjustizministerium und als Referatsleiter Innere Sicherheit im Bundeskanzleramt.

Als Senator inszenierte sich Kusch als rechter Hardliner, etwa indem er medienwirksam einen Wüstenknast in Arizona besuchte. Er wandelte einen Teil des offenen Strafvollzuges in geschlossene Haftplätze um und ließ den Brechmitteleinsatz bei mutmaßlichen Drogendealern fortsetzen, auch nachdem ein 19-Jähriger aus Kamerun dabei ums Leben gekommen war.

Als Senator inszenierte sich Kusch als rechter Hardliner, etwa indem er medienwirksam einen Wüstenknast in Arizona besuchte

In der CDU machte er sich mit unabgestimmten Vorstößen zur Sterbehilfe und zur Abschaffung des Jugendstrafrechts samt der Jugendgerichtsbarkeit unbeliebt. Im Frühjahr 2006 weigerte er sich trotz angedrohter Beugehaft, in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss auszusagen. Nach mehrfachen Warnungen entließ ihn von Beust schließlich Ende März 2006.

Direkt anschließend trat Kusch aus der CDU aus und versuchte, mit einer neuen rechten Partei in die Bürgerschaft zu kommen, scheiterte aber mit 0,5 Prozent der Stimmen kläglich. Danach versteifte er sich auf das Thema Sterbehilfe.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Ein trauriges Ende - mutterseelenallein in einem Keller.

  • Vielleicht hätte es ohne die (un)sachlichen Debatten und die Kontroversen um seine Persönlichkeit weit weniger Menschen gegeben, die - sensibilisiert f. die Problematik - sich selbst auch eingemischt hätten.



    Den Advocatus Diaboli gab er nicht, aber offensichtlich Impulse f. die Überarbeitung bisheriger Grundsatzpapiere



    Ein Beispiel f. den Diskurs:



    "Die katholische Kirche lehnt den ärztlich assistierten Suizid ab. Die Bochumer Theologieprofessorin Katharina Klöcker teilt diese Sicht, macht aber eine Einschränkung.



    Vor einer „fremdbestimmten und kategorischen Verbotsmoral“ mit Blick auf den assistierten Suizid warnt die katholische Theologieprofessorin Katharina Klöcker. Zwar lehne die Kirche den ärztlich assistierten Suizid ab und gebe dem Lebensschutz Vorrang, sagte Klöcker nach Angaben der Bischöflichen Pressestelle Münster. Normen würden aber nicht unter allen Umständen gelten, sondern im Allgemeinen: „Das Verbot des ärztlich assistierten Suizids muss offen bleiben für menschliche Lebenswirklichkeiten und Erfahrungen.“



    kirche-und-leben.de 2024



    "Professor Philipp Lenz, Ärztlicher Leiter der Palliativmedizin (UKM) Münster, sagte laut Angaben: „Die Sterbehilfe bleibt ein Dilemma..."

  • Über Tote bekanntlich _nicht "nur Gutes": es heißt nämlich nisi bene, nicht nisi bonum.



    Mitgefühl mit den ihm Nahestehenden und Fairness (bene) gehören sich dabei auch.



    Bei aller dargestellten Selbstbestimmtheit des eigenen Todes ist ein Suizid nicht immer ein gutes Zeichen, oft das Gegenteil. Es gibt überall Beratungsstellen, die manchmal auch noch auf andere Ideen bringen.

    Roger Kusch war zugleich von der Schillpartei kaum zu unterscheiden, hatte beim Rechtsstaat vielleicht eher nur die ersten sechs Buchstaben im Sinn, so handelte er zumindest in Hamburg oft. Idealisieren sollten wir das auch nachträglich bloß nicht.

    • @Janix:

      Mit dem Thema hatte sich ganz grundsätzlich primär der österreichische Kulturwissenschaftler und Philosoph Professor Dr. Thomas Macho auseinandergesetzt:



      "Rezension von



      Prof. Dr. med. Hans Wedler



      Ehem. Ärztlicher Direktor Medizinische Klinik 2 - Klinik für Internistische Psychosomatik



      Bürgerhospital Stuttgart":



      Hans Wedler. Rezension vom 01.10.2018 zu: Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-42598-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen



      Dort steht an Ende als



      "Fazit



      Ein umfangreiches, außerordentlich gut und umfassend redigiertes Buch, das zweifellos zur rechten Zeit erscheint und dem am Kulturgeschehen interessierten Leser Orientierung gibt in einer Zeit vielfältiger Umwertungen. Ob sich die gesellschaftliche Entwicklung weiter in Richtung auf eine derartige Liberalisierung fortsetzen wird, wird sich – angesichts der vielerorts sich bereits abzeichnenden Restriktionen – allerdings erst in Zukunft zeigen."



      (Rezension aus 2018, das Buch war 2017 erschienen)

      • @Martin Rees:

        Aus der Rezension:



        "Der Suizid ist für jeden, wie immer er dazu steht, kein freudiges, kein das Leben bereicherndes Ereignis. Oftmals ist er nichts anderes als die finale Katastrophe, der Schlussstrich unter ein Scheitern, auch wenn er dann am Ende bisweilen als Erlösung empfunden wird."

    • @Janix:

      Ich mache das in Ihrem Fall nur ungern, aber ich muss Sie korrigieren:



      "Nihil nisi bene" bedeutet auf Deutsch: „Von den Toten soll man nur Gutes sagen.“

      • @Il_Leopardo:

        Noch vollständiger:



        Nothing about the dead but good



        The phrase "nihil de mortuis nisi bene" translates to "nothing about the dead but good."