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„Ein Beamter sagte, viele Kolleg*innen fänden die AfD gut“

Die Soziologin Franziska Sujeba beobachtete die Polizei Sachsen-Anhalt wochenlang bei Einsätzen. Ihre Frage: Wie antisemitisch sind die Beamten?

Interview Cynthia Cornelius

taz: Frau Sujeba, Sie haben fünfzehn Wochen lang in der Polizei Sachsen-Anhalt geforscht und etliche Einsätze begleitet. Warum?

Franziska Sujeba: Der Anti­semitismus hat in Deutsch­land stark zugenommen. Täglich melden davon Betroffene circa 34 antisemitische Vorfälle, längst nicht alle werden strafrechtlich relevant. Eine Analyse der Recherche- und Informa­tions­stelle Antisemitismus, kurz Rias, von 2025 zeigt jedoch: Die Polizei tut sich schwer, Antisemitismus überhaupt zu erkennen. Betroffene werden nicht ernst genommen. Der Polizei fehlt es an Kompetenz und Sensibilität. Deshalb wollte ich mir anschauen, wie die Polizei funktioniert, und von dort aus Theorien entwickeln.

taz: Wie haben Sie es geschafft, in die Polizei hineinzukommen?

Sujeba: Das war schwierig und hat ein Jahr gedauert. Der Weg war sehr undurchsichtig, man kann nicht einfach googeln, wie man Zugang zur Polizei bekommt. Das ging in meinem Fall nur übers Netzwerken bei Fachtagungen, über Vitamin B und später dann über einen Haufen an Unterlagen, die ich ausfüllen musste. Zuletzt musste das Innenministerium meine teilnehmende Beobachtung genehmigen.

taz: Warum wurde ausgerechnet Ihr Antrag genehmigt?

Sujeba: Es braucht immer etwas Strategie. Man darf die Anfragen nicht zu kritisch formulieren, sondern muss Handlungsempfehlungen für die Polizei in Aussicht stellen, auch wenn sie vielleicht nie umgesetzt werden. Vielleicht war es auch Glück, dass mein Antrag bei jemandem landete, der das interessant fand. Ich war die erste Person in Sachsen-Anhalt, die eine solche Beobachtung machen durfte, was im Feld auch für Verwirrung sorgte. Wie diese Entscheidungen politisch getroffen werden, kann ich nicht sagen.

taz: Und woran liegt es, dass der Zugang so schwer ist?

Sujeba: Vermutlich daran, dass die Polizei das Gewaltmonopol im Staat hat und auch selbst Teil des Staats ist. Kritik an der Polizei wird deshalb immer als Kritik am Staat verstanden. Probleme in der Polizei sind also ein politisch aufgeladenes Thema, und medial wird mit dem Brennglas darauf geschaut. Gleichzeitig zeigen sich an der Polizei viele Missstände, die auch in der Gesamtgesellschaft zu beobachten sind: Die Polizei stellt soziale Ordnung her, reproduziert dabei aber Ungleichheit. Gerade auch deshalb ist es schwer, überhaupt reinzukommen. Und das merkt man auch während der Einsätze. Die Be­amt*in­nen sagten mir selbst, dass sie in meiner Anwesenheit genau aufpassen würden, was sie sagen. Das hängt auch mit den Skandalen der letzten Jahre zusammen.

taz: Zum Beispiel mit dem Vorgehen der Polizei nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle 2019?

Sujeba: Ja, unter anderem. Kritik daran wehren die Be­amt*in­nen jedoch ab. Sie hätten Leben gerettet, könnten nicht die Belange jeder Minderheit kennen. Dabei waren sie sehr technisch und wenig sensibel. Für Jüdinnen und Juden kann es retraumatisierend wirken, wenn deutsche Staats­ver­tre­ter*in­nen einem nach einem Angriff in der Synagoge zur Opferzuordnung Nummern auf die Arme schreiben. Aus meiner Sicht wirkte ein anderer Skandal aber stärker: Ein Imbisspächter wurde von der Bereitschaftspolizei jahrelang als „Jude“ bezeichnet, man unterstellte ihm überhöhte Preise und Geldwäsche. Das kam nur durch einen Whistleblower heraus.

taz: Aus den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September könnte die AfD als stärkste Kraft hervorgehen, eine Regierungsbeteiligung der Partei scheint so möglich wie nie zuvor. Wie könnte sich das auf die Polizei auswirken?

Sujeba: Meine größte Sorge ist, dass die wenigen Sensibilisierungsmaßnahmen nach dem Anschlag in Halle – die schon jetzt größtenteils abgebaut sind – dann komplett verschwinden. Die AfD stellt bereits jetzt Anfragen zu den Fortbildungsmodulen der Polizei. Ein Beamter sagte mir, viele Kol­leg*in­nen fänden die AfD gut und würden sich durch eine Regierungsbeteiligung bestätigt fühlen. Ich befürchte, Rechtes und Diskriminierendes bekäme dann noch mehr Raum, und das hätte Folgen für nichtweiße, jüdische, arme oder psychisch kranke Menschen im Kontakt mit der Polizei. Es führte zu mehr Gewalt, auch gegenüber Linken, obwohl die Polizei die Demokratie schützen soll. Auch die Forschung ist gefährdet. Es gibt schon Anfragen seitens rechter Akteure an Hochschulen zur Relevanz kritischer Studiengänge. Polizeiforschung wie meine würde dann kaum noch genehmigt.

taz: Sie forschen auch zum Abbau von Empathie in der Polizei. Ist Ihnen dieses Phänomen bei den Einsätzen begegnet, die Sie begleitet haben?

Sujeba: Einen Empathieabbau konn­te ich häufig beobachten. Ständige Extremsitua­tio­nen, die nie aufgearbeitet werden, führen zu Verdrängung und Abstumpfung. Zum Beispiel war bei einem Einsatz ein Kind vor seinem alkoholkranken, alleinerziehenden Vater weggelaufen und überlegte laut, lieber zum Jugendamt zu gehen. Die Po­li­zist*in­nen redeten es ihm aus, machten ihm ein schlechtes Gewissen: „Mach so eine Scheiße nicht. Weißt du, wie viel Steuergelder das kostet?“, und zwangen es am Ende, den Vater zu umarmen, obwohl es sichtbar nicht wollte. Der sollte dafür nur „ein Bier weniger trinken“. Dann war der Einsatz beendet. Keine Empathie mehr, nicht mal für ein Kind.

taz: Werden Po­li­zist*in­nen nicht für solche Einsätze geschult?

Sujeba: Ich habe den Eindruck, die Polizei ist schlecht für ihren tatsächlichen Berufsalltag ausgebildet, dabei üben sie einen sozialen Beruf aus, bräuchten also sozialarbeiterische Fähigkeiten, um einen Perspektivenwechsel leisten zu können. Aber auch für den Umgang mit Traumata würde das helfen. Ich habe erlebt, dass eine Person im psychischen Ausnahmezustand Hilfe bei der Polizei suchte, stattdessen aber mit Gewalt konfrontiert wurde. Ein Beamter wandte einen besonders schmerzhaften Griff an, den anwesende Kol­leg*in­nen im Nachhinein als unverhältnismäßig bezeichneten. Danach verschlechterte sich der psychische Zustand der Betroffenen. Als Externe dachte ich: Der Polizeialltag wäre leichter, wüssten die Beamt*innen, wie man Menschen in psychischen Krisen beruhigt. Dann bräuchte es auch weniger Gewalt.

taz: Werden solche Erlebnisse irgendwo reflektiert?

Sujeba: Strukturell verankerte Reflexionsräume gibt es nicht, die einzigen finden informell im Auto statt. Ein Team nutzte immer die ruhige Nachtschicht, um über die letzten Einsätze zu reden, aber das war Eigeninitiative, keine professionelle Supervision. Eigentlich werden die einzelnen Po­li­zist*in­nen damit alleingelassen.

taz: Das klingt nach Organisationsversagen.

Sujeba: Und ist auch klare Unwissenheit. Einmal wurden wir nachts zu einem Bordell gerufen, eine Frau hatte gemeldet, ein Freier habe das Kondom abgezogen. Vor Ort trennten die Kol­leg*in­nen Täter und Betroffene. Sie hatte keinen Pass, sprach kaum Deutsch, kommunizierte über Google Translate und war sichtlich aufgelöst. Was ich verstand: Sie hatten 100 Euro für zweimal Sex vereinbart, er zog das Kondom ab, sie sagte Nein, er wurde aggressiv. Für mich war das ganz klar: eine versuchte sexuelle Nötigung. Die Polizistin war sich unsicher und sprach mit ihrem Kollegen.

taz: Erst mal gut …

Franziska Sujeba ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Merseburg. Sie promoviert zu Risiko­faktoren für institutionellen Antisemitismus und zu möglichen Gegenmaßnahmen in der Landespolizei Sachsen-Anhalt.

Sujeba: Ja, aber dann gab es einen Plot-Twist. Der Täter sagte, er habe für zweimal Sex bezahlt, aber nur einmal bekommen. Darauf erklärte der Polizist das Ganze zu einem Betrugsfall, ließ die Frau dem Freier 50 Euro zurückgeben und nahm ihn nur wegen seiner Aggressivität mit, aber ohne Anzeige. Das zeigt, wie die Polizei mit Unwissen umgeht. Sie presst unklare Si­tua­tionen in bekannte Deutungsmuster, um ihre Autorität zu wahren. Vermutlich dachten die Beamt*innen: Sie ist Prostituierte, es geht um eine Dienstleistung, also keine sexuelle Nötigung, sondern Betrug.

taz: Möchte man da nicht am liebsten eingreifen?

Sujeba: Meine Rolle war die der externen Beobachterin. Einmal zweifelte ich daran aber besonders: bei einem Training der Bereitschaftspolizei, nur Männer, ein abgeschottetes Gelände. Nach der Vorstellung meines Forschungsvorhabens stand ich mit einem Ausbilder etwas abseits der Gruppe. Plötzlich hörte ich, wie jemand darin „Heil Hitler“ rief. Ein anderer Ausbilder drehte sich sofort zu mir um, wir hatten kurz Blickkontakt. Ich hatte das Gefühl, er wollte wissen, ob ich das gehört hatte. Ich weiß nicht, wer es war, aber überlegte, es zu melden. In Rücksprache mit anderen Po­li­zei­for­scher*in­nen entschied ich mich, den Vorfall erst nach meiner Zeit bei der Polizei zu melden, um meinen Aufenthalt nicht zu gefährden.

taz: War das eine Provokation, gedacht für Ihre Ohren?

Sujeba: Weil ich nicht bei der Gruppe stand, kann ich nur spekulieren. Ich vermute, die Po­li­zist*in­nen fühlten sich durch meine Anwesenheit in ihrer Dominanz herausgefordert. Normalerweise hat die Polizei die Deutungshoheit, ist immer in einer Position der Autorität. Und dann kommt jemand von außen und beobachtet. Soziologisch lässt sich das als sprachliches „Edgework“ lesen: bewusst die Grenze des Sagbaren überschreiten, ein Spiel damit, ob die Außenstehende es hört, um sich als Gruppe der Kontrolle zu vergewissern. Also: „Wir haben es im Griff, lassen uns nicht einschüchtern.“ Solche Aussprüche werden in der Polizei oft als „Witz“ abgetan, ohne zu sehen, dass sie rechte Sprache bagatellisieren.

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