piwik no script img

Frankreich lernt aus Waldbränden Die Botschaft der „Megafeuer“

Rudolf Balmer

Kommentar von

Rudolf Balmer

Ganze Landstriche könnten durch die „Megafeuer“ in Frankreich unbewohnbar werden. Da helfen keine Pflaster, sondern nur eine neue Art von Solidarität.

W enn die Brände gelöscht und die Rauchwolken mit dem Wind verzogen sind, bleiben im französischen Südwesten neben den Ruinen, den dezimierten und verkohlten Wäldern auch die Schrecken über eine Katastrophe der neuen Art. Es bleibt auch die Angst, dass der nächste Brand noch schlimmer wird. Dass er, befeuert durch die Klimakatastrophe, noch weiter eskaliert.

Fatalismus macht sich breit: Das Klima ist schuld, und die Behörden und Regierenden waschen sich – geduldet durch einen guten Teil der Bevölkerung – die Hände in Unschuld. Ohnmächtig vertrösten sie die Bürger mit dem Versprechen, ein paar zusätzliche Löschflugzeuge zu kaufen. Aber sobald es wieder kälter wird, kommen die wenigen guten Vorsätze aufs Altpapier. Und die Rechte, die in Frankreich nach der Macht greift, will das Rad sogar ganz zurückdrehen.

Es gibt keinen Anlass, vor den neuen Aufgaben zu resignieren, die mit klimabedingten Katastrophen einhergehen. Die Umweltpolitik muss sich ändern. Auch braucht es eine Zukunftsvision, die solidarisches Zusammenleben weiter ermöglicht. Wie passen wir uns an die neuen Umstände an? Wie schaffen wir trotz der erschwerten Bedingungen soziale Fortschritte?

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Bei den katastrophalen „Hundstagen“ im Jahr 2003, die rund 15.000 Menschenleben forderten, habe man in Frankreich begriffen, dass „man an der Hitze sterben kann“, schreibt die Philosophin Cynthia Fleury in einem gemeinsamen Beitrag in Le Monde mit dem Bürgermeister eines von der Feuerbrunst betroffenen Dorfs in der Gironde. Die Lektion des Sommers 2026 aber sei eine andere: „Nicht nur Individuen sind bedroht, sondern Territorien und ganze Landstriche“. Die „Megafeuer“ würfen nun die Frage nach der „Bewohnbarkeit“ und der menschlichen Umgestaltung der Natur auf.

Katastrophale Monokulturen

Eine verheerende Rolle spielen Monokulturen einer bestimmten – und angeblich sehr wirtschaftlichen – Kiefernart. Was in der Gironde im Département Landes großflächig verbrennt, ist kein Naturwald. Der Wald ist von Menschen gemacht. Und der Anbau nach forstwirtschaftlichen Kriterien befeuert die Brandkatastrophe.

Reicht es, vermehrt andere Baumarten anzupflanzen als die im französischen Südwesten seit Jahrzehnten bevorzugten Kiefern, wie dies Präsident Emmanuel Macron bei seinem Besuch in der Gironde empfahl? Dieses provisorische Pflaster wäre das absolute Minimum.

Die bereits jetzt extremen Auswirkungen des Klimawandels zwingen uns, längerfristiger zu planen. Es reicht nicht mehr, bloß nach dem unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen zu handeln. Nicht der Profit einiger Unternehmen, sondern das gemeinsame Interesse und die Solidarität, wie sie die Brandopfer in ihren Notsituationen erfahren durften, müssen in den Vordergrund rücken. Es klingt so simpel –und dennoch weiterhin wie eine Utopie.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Rudolf Balmer

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
Mehr zum Thema

14 Kommentare

 / 
  • Der Artikel und die meisten Kommentare sind recht interessant. Aber hier ist kein Wald (und Häuser) abgebrannt, sondern eine Industrie für Zellstoff, Holzplatten und Energie. Die Geschichte dieser Industrie seit dem 19ten Jahrhundert ist aufschlussreich. Die Bewaldung ging mit grundlegenden Änderungen der Besitzverhältnisse einher, da gehöriges Kapital nötig war: weg von meistens Gemeindebesitz hin zu sehr vielen Kleinanlegern und wenigen Großbetrieben, beide auf maximalen Profit ausgerichtet. Die Kleinanleger haben nicht die finanzielle Kraft für grundlegende Änderungen, und die Großanleger wollen nicht. Wieso auch? Die Gefahrenabwehr und Erstattung der Schäden werden ja nur aus öffentlichen Geldern finanziert. Es gibt keine privaten Versicherungen, deren Prämien zum Umbau zwingen würden. Solange dieser Mechanismus läuft, wird sich keine Veränderung ergeben. So war es schon nach den verheerenden Stürmen 1999 und 2009, oder nach den Waldbränden 1949 und 2022. Und Tourismus? Von der Dune de Pyla bitte nur aufs Meer schauen, nach hinten sieht es gräulich aus; und bei Fahrradtouren von Bordeaux ans Meer, noch mehr Kilometer durch öde Wüste.

  • Gerade merke ich,



    dass ich von den Nachrichten über die Feuer nicht viel wissen wollte.



    Doch dieser Artikel versprach, autorenbedingt, einen angemessenen Zugang.



    Mir wird bewusst, dass die Gegenden, die gerade verbrennen,



    Ziele meiner Kindheit und Jugend waren.



    Es ist traurig, wenn das verschwindet, was gut und schön war.



    "Zu Hause" sind es einfach die Vertreter der Union, die die Natur und Zukunft zerstören.



    Manchmal ist man vom Kämpfen müde.



    Ich wünsche Frankreich kluge Köpfe, die auch genug Herzblut für die Renaturierung der verwüsteten Landstriche übrig haben.

    • @Philippo1000:

      Mich stimmt es auch traurig, ich lebe und arbeite hier und zum Glück ist meine Lieblingsecke an den Strandseen (wird nicht verraten, 50 km per Rad von Bordeaux) nicht verbrannt. Aber hier geht es leider nicht um kluge Köpfe, sondern um Landbesitz, Kapital, Dividenden und wer zahlt das Risiko bei Monokulturen. Also wenig Hoffnung.

  • Ich finde den Artikel gut. Vor allem, dass er eine Kommentarspalte hat, ist finde ich ein gutes Zeichen und eine Einladung zu einer Debatte. Ausserhalb von Flüchen auf Zeit, Zeitgeist, Parteien oder sonstigem. Es fordert die Leser*in auf, zu reagieren und spricht ihm/ihr gegenüber auch ein Vertrauen aus, dass es bei den Debatten, die wir in nächsten Zeiten haben könnten, meiner Meinung nach braucht. Daraufhin verstehe ich auch ihre Aufforderungen zur Solidarität und zu einer gebührenden, nutzbringenden, öffentlichen Aufmerksamkeit dieser gegenüber.

  • Als wären die Kiefern das eigentliche Problem. Das Problem lautet: der Wald ist eine Ware auf dem internationalen Holzmarkt. Ebenso ist die Region nicht mehr als eine Ware auf dem internationalen Markt des Tourismus.



    Beides wird durch die Gewalt der entfesselten Klimakatastrophe zerstört, als Ware entwertet.



    Da hilft Solidarität nur beschränkt, solange am Ende der Warencharakter von Wald und Region erhalten bleibt.



    Solange der Kapitalismus alles zur Ware macht und wir den Warencharakter und damit den Kern des Kapitalismus fortwirken lassen, wird sich am Grundproblem nichts ändern.

  • Ende?



    Neuanfang!

    Nach Bränden, die nicht so heftig sind überlebt vieles und treibt neu aus. Das ist bei Bordeaux zwar nicht der Fall, dennoch ist auch das ein Neuanfang.

    Veränderung ist immer auch Chance!

    In allem immer nur das Ende zu sehen rührt her von. Einer linearen Denkweise, die wir natürlich auch haben sollen.

    Eine dlf Folge ist dazu sehr spannend: Sie deckt auf, dass industrielle Interessen unsere Meinungsbildung manipuliert, sodass wir an Technologien glauben und damit Handlungsunfähig geworden sind.

    Wer hat nochmal den Fußabdruck-Rechner in die Welt gebracht? BP wars!

    So wird das nichts mit Klimaanpassungen.

  • In Frankreich sind es die Kiefer, in Portugal der Eukalyptus so wie Teilen Spaniens auch. Eine veränderte Nutzung landwirtschaftlicher Flächen, weniger weidende Nutztiere, weil jetzt Mastställe vorgezogen werden. Ziegenhirten sterben aus, zu arm, zu primitiv, zu wenig Anerkennung. Ungenutzter Großgrundbesitz verbuscht, wie ganze ungenutzte Landschaften verbuschen. Feuerhemmende Forstwirtschaft wird aufwendig und teuer betrieben werden müssen; naturbelassene Landschaften und Wälder sind ideale Nahrung für Feuer. Und natürlich braucht es effektives Gerät, wie auch neue Flugzeuge. Und Zisternen, Zisternen, Zisternen als Reserve.

  • Die Antwort der Rechten auf die Fragen des Klimawandels lautet ja gemeinhin: Man muss sich ja dem Wandel anpassen.

    Für die von den Bränden Betroffenen hieße das dann was? Asbestanzüge beschaffen? Immer einen Feuerlöscher in Griffweite?

    • @Nansen:

      Man könnte z.B. Biber ansiedeln. Deren Dämme, Teiche, Kanäle und Feuchtgebiete schaffen feuchte Schneisen die Brandentstehung vermindern, Ausbreitung verringern oder sogar verhindern, den Wasserrückhalt massiv verbessern (auch sehr wichtig wenn es keine Brände gibt), Rückzugsräume für Tiere während der Brände schaffen und schließlich als Keimzellen für den 2Wiederaufbau" dienen. Das wird in den USE breit diskutiert, gibt eine Menge Artikel auch im "Scientific American" oder "National Geographic" aber die scheint in Europa ja niemad zu lesen. z.B.



      www.nationalgeogra...-california-oregon

      Da könnte man jede Menge machen, und einfach alles auf den Klimawandel zu schieben ist sehr einfach aber (a) nicht richtig, denn die Biber wurden vom Menschen ausgerottet und abgesehen von den Monokulturen wären die Wälder auch wegen der fehlenden Biber nicht natürlich und (b) hilft uns eine Verringerung des CO2 Ausstosses vielleicht in 10 oder 20 Jahren, wir brauchen aber auch Lösungen die sofort wirken.

      Ergo: nicht einfach "schlichte Lösungen" fordern sondern mitdenken

      • @Gerald Müller:

        AfD und co würden jeden Biber sofort abknallen wollen. Sie sind ein Optimist.

      • @Gerald Müller:

        Das Problem ist ja mittlerweile, auch die hohe Verdunstung durch die Hitze und auch Feuchtgebiete sind ja nicht unproblematisch da sich dann auch krankheitsübertragende Insekten dort wohl fühlen.



        Es ist wirklich vertrackt, vor den Problemen wurde seitens der seriösen Wissenschaft schon immer gewarnt, aber Lösungen und Vermeidungsstrategien wären ja immer mit einem Komfortverlust verbunden gewesen. Jetzt geht es manchmal eher um Leben und Tod und nicht mehr um Komfort.

  • Hoffentlich !!!!!! liest diesen Beitrag auch unsere Regierung, namenlich Merz und Reiche. Für die ist und bleibt der Grundsatz "sofern es der Wirtschaft nicht schadet" die Priorität. Naturwälder bringen nicht so schnell und so viel Profit wie die Kiefernplantagen - das reicht schon.

    • @Perkele:

      Die Diskussion im Bezug auf die Fichtenplantagen (preussisches Unkraut) die nach der Reichsgründung z.b. im ehemaligen Hessen-Kassel und anderen eingemeindeten Regionen aus rein wirtschaftlichen Gründen eingeführt wurden. Forstfachleute warnten schon damals in Bezug auf Artenvielfalt und Anfälligkeiten für Schädlinge.

      • @Axel Schäfer:

        Stimmt, aber ein grosser Unterschied: im Regierungsbezirk Kassel gehören 71% des Waldes der öffentlichen Hand, hier (Landes/Gironde) gerademal 11%. Der Staat ist seine eigene Versicherung, Feuerwehren etc werden aus öffentlichen Geldern bezahlt. Hier werden Privatwäldern aus öffentlichen Mitteln geschützt und sicher werden nachher grosse Entschädigungen aus Steuergeldern bezahlt. Das alte Lied, Gewinn ist privat, Verlust ist öffentlich.