Neue Zahlen: Hitze tötet mehr Menschen als je zuvor
Das Robert-Koch-Institut bilanziert fast 10.000 Todesopfer für dieses Jahr. Trotzdem lassen Verwaltungen kühlende Stadtbäume fällen.
Foto: Huchot-Boissier Patricia/Abaca/imago
Sie müssen das einfach tun: Bei steigenden Temperaturen verdunsten Linden, Buchen oder Platanen immer mehr Wasser, weil ihre Blattinhaltsstoffe bei zu großer Hitze geschädigt werden. Die Energie für diese Verdunstung entziehen die Bäume ihrer Umgebung – diese Umgebung kann eine gesunde Linde so um bis zu fünf Grad herunterkühlen.
Deshalb ist mehr als unvernünftig, was der Berliner Senat gerade im Bezirk Mitte plant: 35 gesunde, etwa 80 Jahre alte Linden sollen dort gefällt werden. Kein Einzelfall: In Berlin-Reinickendorf sollen im Zuge der Straßenmodernisierung 116 Bäume gefällt werden, in Hamburg-Altona geht es an der Sternbrücke 37 Bäumen an den Stamm, auf der Liebesinsel vier Sumpfzypressen.
Besonders absurd scheinen die Pläne vor dem Hintergrund der aktuellen Zahlen zu Hitzetoten. Das Robert-Koch-Institut RKI hat am Donnerstag seinen neuen „Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität“ vorgestellt. Demnach sind in diesem Jahr schon fast 10.000 Menschen in Deutschland an der Hitze gestorben – so viele wie noch nie. Bislang galt der Hitzesommer 2018 als Katastrophe, damals kamen nach RKI-Erhebung 8.900 Menschen ums Leben.
In diesem Jahr sind es nun 9.800 Menschen – und zwar zur Halbzeit des Sommers. Denn die RKI-Zahlen haben immer 11 Tage Rückstand auf die aktuelle Entwicklung, der neue Wochenbericht bilanziert die Sterbefälle bis zum 19. Juli.
Gefahr für Erkrankte, Ältere, Schwangere, Kleinkinder
„Besonders gefährdet sind chronisch Kranke, alte Menschen, Schwangere oder Kleinkinder“, sagt Henny Annette Grewe vom Public Health Zentrum Fulda. Tatsächlich waren nach den Daten des RKI mehr als 5.000 der Toten älter als 85 Jahre. Wobei Hitze selbst selten unmittelbar zum Tod führe, „zumeist ist es eine Kombination aus hohen Temperaturen und bereits bestehenden Vorerkrankungen“, so Grewe – Lungen- oder Nierenerkrankungen beispielsweise, oder ein schwaches Herz.
Barbara Metz, Deutsche Umwelthilfe
„Menschen mit Demenz oder anderen psychischen Beeinträchtigungen reagieren oft nicht angemessen auf Hitze“, sagt Grewe. Aber auch junge Menschen würden die Gefahr unterschätzen, so die Expertin: „Hitze ist in Europa das größte Problem, das der Klimawandel bringt.“ Nach den Daten des Robert Koch-Institutes hatten 640 Hitzetote das Rentenalter noch nicht erreicht.
Allein bei der Hitzewelle Ende Juni starben 4.310 Menschen binnen einer Woche. Zuletzt gab es solche Dimensionen während der Hochphase der Coronapandemie. Am letzten Freitag im Juni war im Saarland ein neuer deutscher Temperaturrekord gemessen worden: 41,3 Grad im Schatten. Am Tag darauf folgten dann 41,5 Grad im Jerichower Land, Sachsen-Anhalt, bevor am letzten Sonntag des Monats das Thermometer in der Brandenburger Lausitz auf 41,7 Grad kletterte. „Wir müssen die Städte begrünen, Bäume kühlen durch ihre Verdunstung beachtlich“, sagt Expertin Grewe, die mehr Tempo beim Stadtumbau fordert.
Aktuell zieht das Hoch „Olaf“ Richtung Osteuropa – und macht nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) damit den „Weg für sehr heiße Luftmassen aus Südwesteuropa frei“. Wiederum seien Temperaturen von bis zu 40 Grad möglich. „Ein neuer Allzeitrekord ist aber unwahrscheinlich“, so der DWD. Im Zuge des Klimawandels werden die Temperaturen in Deutschland weiter steigen, acht der letzten zehn Jahre gehörten zu den heißesten, die jemals in Deutschland gemessen wurden. Hamburg etwa hat heute ein Klima, wie es früher – in den Jahren 1961 bis 1990 – in Köln vorherrschte. Köln wiederum verfügt heute über ein Klima wie früher die französische Stadt Tours – etwa 250 Kilometer südwestlich von Paris.
Wald vor dem Pariser Rathaus
Das setzt natürlich auch den Stadtbäumen zu: Nach Erhebung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gingen in 195 größeren Städten in der Bundesrepublik zwischen dem Hitzesommer 2018 und dem letzten Jahr mehr als 900.000 Bäume verloren – die meisten, weil sie mit den veränderten Bedingungen nicht mehr zurechtkamen.
Dass es auch anders geht, verdeutlicht Barbara Metz am Beispiel Paris: Dort sei ein Wald vor das Rathaus gepflanzt worden. „Paris nimmt die tödliche Hitze ernst, die Bundesregierung tut dies leider nicht“, sagt die DUH-Geschäftsführerin. Ihre Forderung: Stadtgrün müsse gesetzlich geschützt, gesunde Bäume zu fällen dagegen verboten werden. Die DUH sammelt aktuell Unterschriften für diese Forderung.
Tatsächlich haben klassische deutsche Stadtbäume wie Ahorn oder Winterlinde an vielen Standorten keine Zukunft. „Eine Kastanie inmitten einer zubetonierten Fläche anzupflanzen, wird künftig nicht mehr funktionieren“, sagt Astrid Reischl, die an der Universität München zu Stadtbäumen forscht.
Einige Kommunen experimentieren mittlerweile mit nordafrikanischen Zürgelbäumen, mit japanischen Zelkovien oder mongolischen Linden. Ob aber eine neue Sorte wirklich eine gute Wahl ist, zeigt sich oft erst nach vielen Jahren: Die Bäume müssen auch strengen Frost aushalten, den es in Zukunft zwar seltener – aber eben doch noch gibt.
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